Soulpop

Rumer unterhält mit gepflegter Monotonie

Sie wurde als eine der Entdeckungen der vergangene Jahre gepriesen. Doch hinter diesem Prädikat bleibt ihre Musik mittlerweile weit zurück.

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Schon der Titel ihres hierzulande im Februar erschienen Debüts deutet die musikalische Rückbesinnung an. „Seasons Of My Soul“ lautet der Name, auf den Sarah Joyce alias Rumer ihr viel beachtetes Erstlingswerk getauft hat. Es geht dabei um fallende Blätter, verflossene Liebhaber und die Verehrung der klassischen Liedkunst eines Burt Bacharach oder Jimmy Webb. Auch im Postbahnhof hüllt die britische Singer-Songwriterin mit pakistanischen Wurzeln ihre Herzleid-Metaphern in geschmeidigen Soulpop, ohne dabei jedoch die Grandezza ihrer Vorbilder zu erreichen.

Passend zum Anlass wirkt das Ambiente: Man sitzt auf Stühlen im gedimmten Licht, ein Gläschen Rotwein in der Hand, denn das ist vonnöten, um den Geist zu befeuchten, der in den anderthalb Stunden musikalischer Wüste vergebens eine Oase sucht. Nach dem lauen Eröffnungslüftchen in „Come To Me High“ folgt mit „Am I Forgiven?“ der erste Höhepunkt des Debütalbums. Doch schnell wird klar, dass das Programm überraschungsfrei bleiben wird, wohl auch, weil Joyce ihren Songs live wenig hinzuzufügen weiß.

Ganz in schwarz gekleidet untermalt sie ihren kontemplativen Gesang mit ausladenden Gesten, schweben ihre Hände scheinbar in Zeitlupe auf und nieder, wandert die geballte Faust gen Herz oder Himmel, als würden ein paar andächtige Bewegungen den Songs mehr Dringlichkeit verleihen. Nur manchmal, wenn eine Rückkopplung oder ein anderes Störgeräusch den makellosen Bühnensound beschmutzt, blitzt ihr stimmliches Talent auf. Erst die technische Widrigkeit lockt die Sängerin aus der Reserve, gewinnt ihr lethargischer Grundton an Dominanz.

Einerseits verdankt sich die Musik von Rumer einer Zeit, als amerikanische Lohnschreiber wie Neil Diamond, Randy Newman und Carole King die großen Plattenfirmen mit Kompositionen für einschlägige Popgruppen befeuerten, bevor sie selbst ihre Stücke interpretierten und als Singer-Songwriter das Album zur Kunstform erhoben. Andererseits huldigen Stücke wie der Erbauungssermon „Aretha“ verhalten dem emanzipatorischen Spirit der späten 60er-Jahre. Aretha Franklin, Ann Peebles und Dusty Springfield finden darin eine Würdigung. Doch anders als bei Adele, ihrer Soulschwester im patinierten Geiste, kleidet Joyce ihre Stücke in ein Gewand aus seidenem Wohlklang. Zugegeben, die musikalischen Urahnen werden durchaus detailverliebt wiedergegeben, nur ist das unterm Strich in etwa so mitreißend, wie die neue Geschirrspülmaschine einzuräumen oder sich zum Frühstück ein paar Orangen auszupressen. Allzu oft kann man sich des Eindrucks nicht erwähren, die Sängerin kultiviere hier nicht ihren eigene Schmerz, sondern den ihrer Idole. Wen das nicht stört, der wird freilich mit gepflegter Monotonie erster Güte belohnt. Rumer versüßt ihren Soul mit großem Sahnehäubchen, ein paar Jazz-Streuseln und reichlich Pop-Zuckerguss.

Während die Chanteuse traumversunken ins blaue Scheinwerferlicht zirpt, agiert das Background-Personal durchweg souverän. Bläser und synthetische Streicher aus dem Keyboard vermitteln bisweilen eine Ahnung von Schwung, ein Gitarrist darf gelegentlich mal ein Solo spielen oder in „Goodbye Girl“ die Mundharmonika blasen. So schleppt sich die Show dahin, über das schwelgerische „Low“, das liebliche „Take Me As I Am“ bis hin zum munteren King-Cover „You Really Got A Hold On Me“. Am Ende verlässt der Besucher den Saal mit dem recht fahlen Beigeschmack, der sich nach dem Verzehr von etwas leicht Verdorbenem einstellt. Vielleicht ist das Haltbarkeitsdatum dieser Musik bereits abgelaufen.