Deutsches Theater

Nina Hoss begeistert in "Tape" das Publikum

Seit dem Fall Kachelmann diskutiert halb Deutschland die Grenzen von sexueller Einvernehmlichkeit und Gewalt. Stephen Belbers Kammerspiel "Tape" bringt die Thematik auf die Bühne – mit Nina Hoss in Bestform.

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Was für eine Entdeckung! Stephen Belbers Echtzeit-Kammerspiel „Tape“, vor über zehn Jahren entstanden, hat auf deutschen Theaterspielplänen nie eine relevante Rolle gespielt. Regisseur Stefan Pucher hat das Stück für seine erste Arbeit am Deutschen Theater jetzt aus der Versenkung geholt. Respekt hat er außerdem für ein perfektes Timing verdient. Denn die Öffentlichkeit diskutiert seit den Fällen Kachelmann und Strauss-Kahn in den letzten Wochen ziemlich ausführlich über die Grenzen von sexueller Einvernehmlichkeit und sexueller Gewalt.

Genau darum geht es in „Tape“. In einem billigen Motel treffen sich Vince und Jon zehn Jahre nach Abschluss der High-School wieder. Und plötzlich steht die Frage im Raum, was damals eigentlich genau geschah, als Amy Randall, die große Liebe von Vince, die nie mit ihm schlafen wollte, plötzlich mit Jon ins Bett ging. Vince vermutet, nicht zuletzt aus gekränkter Eitelkeit, dass da nur Gewalt im Spiel gewesen sein kann. Er verwickelt Jon in ein Verhör, das er heimlich aufnimmt. Diese Kassette, das namensgebende „Tape“, steht zwischen den beiden Freunden als dann auch noch Amy auftaucht. Die ihre ganz eigene Version der Geschichte präsentiert. Die Wahrheit? Ist hier nicht mal das Interessanteste, weshalb Belber sie geschickt offen lässt. Was den Plot so außerordentlich macht, ist der Sumpf aus Schuldzuweisungen, Lebenslügen und Stolz, in dem jede der drei Figuren ständig die Haltung und die Rolle zu wechseln scheint – ein echtes well-made play.

Den Hyperrealismus nimmt Stefan Pucher durchaus an: Von Nikolaus Frinke hat er sich in den Kammerspielen ein detailgetreues, leicht angegammeltes Motelzimmer nachbauen lassen, mit allerlei Nischen in Bad und Flur, die genügend Raum bieten für Kameraexperimente. Auf dem Screen oberhalb des Settings schneidet Pucher dann aber zusammen, was unten gar nicht zusammengehört und versetzt es mit ein paar allzu schwer beladenen emotionalen Stills etwa von einer verschlossenen Zimmertür oder zerwühlten Laken in Großaufnahme. Man kennt das von Pucher. Hier ist es völlig überflüssig. Er hat ein sensationelles Stück entdeckt, den richtigen Zeitpunkt dafür gefunden, dann aber offenbar überhaupt nicht gewusst, was er damit anstellen soll. Sich andererseits, schließlich hat er einen Ruf als Pop-Regisseur zu verlieren, jedoch auch nicht getraut, es einfach für sich stehen zu lassen.

Zum Glück hat er Schauspieler, die dem Text ganz und gar verfallen sind und mit den pointierten Dialogen umzugehen verstehen: Felix Goeser spielt Vince, den drogendealenden Feuerwehrmann, als verwahrlosten Kindskopf, der zur Vergewaltigungsbeschuldigung grinsend Purzelbäume auf dem Mobiliar schlägt. Sein Kumpel Jon wird von Bernd Moss als passgenauer Widerpart aufgebaut, ein aufstrebender Jungfilmer, in schickem Jungkreativen-Zwirn. Einer, der sich auf dem richtigen Weg wähnt und nun von der Vergangenheit eingeholt wird, sich schwitzend an die Hotelmöbel klammert und dessen sprachliche Eloquenz Vince mit derselben Leichtigkeit zerquetscht wie eine seiner zahlreichen geleerten Bierdosen. Beiden Jungs haushoch überlegen ist Amy, gespielt von Nina Hoss in Bestform und mit dunkler Pagenkopfperücke kaum wiederzuerkennen. Kühl und undurchsichtig legt Nina Hoss diese Frau an, das vermeintliche Opfer, das sich erhobenen Hauptes weigert, eines zu sein und dabei emotional den besten Schnitt macht.

Wenn auch die Regie konzeptionell also eher als Totalausfall daherkommt, so ist doch die Kombination aus Darstellern und Stück durchaus ein Glücksfall, der uns insgesamt ein abgründiges menschliches Vexierspiel von hoher psychologischer Raffinesse beschert. Deutsches Theater/Kammerspiele, Schumannstraße 13a, Mitte. Tel:28441225. Termin: 25. Juni, 20 Uhr