Charles Schulz

Der traurige Erfinder der lustigen "Peanuts"

Er war Charlie Brown. Und Linus. Und Snoopy. Eine neue Biografie zeigt, wie viel den genialen Comiczeichner Charles M. Schulz wirklich mit seinen Figuren verband. In der Komik und der Verwundbarkeit der "Peanuts" fanden sich Millionen von Lesern wieder. Schulz ließ sogar seine Ehefrau in den Cartoons auftreten.

Foto: pa/dpa

Seit 1965 warten die Amerikaner alle Jahre wieder auf die Ausstrahlung des Klassikers "A Charlie Browns Christmas". Dann versammeln sie sich vor den Fernsehern und folgen dem melancholischen Charlie Brown, wie er nach dem Sinn des Weihnachtsfestes sucht, die Kommerzialisierung beklagt und einen kümmerlichen Baum besorgt, der unter der Last einer einzigen Kugel zusammenbricht.

Linus tritt danach mit Schmusedecke auf, zitiert anrührend das Krippenspiel und sagt dann schlicht zu Charlie Brown, dass das der Sinn von Weihnachten sei. Zuvor wird er seinem Freund bescheinigen, dass er "von allen Charlie Browns auf der Welt der charlie-brownigste ist", weil er selbst in Weihnachten ein Problem sehen muss.

Charles Monroe Schulz ist der drittbestverdienende Tote

Das stimmt nicht ganz, denn der charlie-brownigste Charlie Brown von allen ist zumindest der Legende nach kein anderer als sein Schöpfer Charles Schulz.


Charles Monroe Schulz, genannt Sparky, geboren 1922, hat etwas "Einzigartiges" geschaffen, wie ihm John Updike erst jüngst bescheinigte. Über 50 Jahre lang wurden seine "Peanuts" ohne Unterbrechung in 2600 Zeitungen in 75 Ländern und 21 Sprachen der Welt gedruckt. 17 897 Comicstrips hat Schulz eigenhändig gezeichnet. Zu Lebzeiten hat er über eine Milliarde Dollar damit verdient, und er ist laut "Forbes" seit seinem Tod 2000 mit 35 Millionen Dollar pro Jahr nach Elvis Presley und John Lennon der drittbestverdienende Tote.


In der gerade in den USA erschienenen Biografie "Schulz and Peanuts" erzählt David Michaelis die Geschichte des erfolgreichsten Cartoonisten der Welt. Wer schon immer wissen wollte, was hinter den tragikomischen Geschichten steckt, wird dabei gut bedient. Denn Michaelis hat sein mit 670 Seiten etwas zu voluminöses Werk an den passenden Stellen mit einem Originalstrip der Peanuts illustriert und dabei zum Teil wortgleiche Zitate aufgespürt.

Schon mit sechs wollte er nur Comics zeichnen

Tatsächlich finden sich in Charlie Brown, aber auch in den anderen Figuren viele Erfahrungen aus Schulz' Jugendzeit wieder. Der schüchterne Junge aus St. Paul Minnesota, Sohn eines deutschen Friseurs und einer aus Norwegen stammenden Mutter, hat viele unglückliche Momente erlebt.

Er litt unter schweren Selbstzweifeln, fühlte sich unbedeutend und unsichtbar. Den größten Teil seiner Hölle bereitete er sich dabei selbst: Viele später erinnerte Demütigungen und Zurückweisungen der Mitschüler fanden, so Michaelis, mehr in seinem Kopf statt, als dass sie tatsächlich passiert wären.

Schon mit sechs Jahren wusste Schulz, dass er Comiczeichner werden muss. In einem Fernkurs erlernte er später die Zeichentechniken und war dabei einer der ganz wenigen, die aus dem eigentlich der Geldschneiderei dienenden Angebot Kapital schlagen konnten.

Charles war linkisch und ohne Erfolg bei Frauen


Der Junge war seinen Eltern intellektuell überlegen, die Lebensweisheit der Mutter, den "Kopf nie zu weit rauszustrecken", empfand er als Missachtung seines Talents.

Charles war der hundertprozentige Muttersohn einer Frau, die ihm gegenüber merkwürdig kühl, reserviert und uninteressiert blieb, ihn nicht verstand und genau an dem Tag verstarb, als Sparky in den Krieg ziehen musste. In der Armee gewann er Selbstvertrauen, blieb aber nach wie vor linkisch und erfolglos bei Frauen.

Der melancholische junge Mann kämpfte sich nach oben. Zunächst gelang es ihm, Strips mit kindlichen Figuren unter dem Namen "Li'l Folks" zu veröffentlichen. Als er 1950 einen festen Vertrag bekam, wurde von seiner Agentur der Titel "Peanuts" ausgesucht. Schulz hasste den Namen, glaubte, dass damit seine ganze Arbeit zum Kinderkram verkommt.

Snoopy ist der Superstar im Peanuts-Universum

1951 heiratete er Joyce Halverson, die eine Tochter mit in die Ehe brachte. Im Comic wurde Lucy van Pelt als Figur geboren. Zunächst als Unruhestifter und Verkörperung der Tochter angelegt, wurde Lucy zunehmend zum Alter Ego seiner Frau. Wer die Peanuts kannte, ahnte, dass diese Ehe nicht sonderlich glücklich war. Für den Comic aber war das aggressive Gör, das Charlie Browns Psychoberater wurde und mit seiner dominanten Art alle zur Verzweiflung brachte, ein Gewinn.

Eine ebenso wegweisende Idee würde später die Wandlung des "normalen" Hundes Snoopy zum menschenähnlichen Supergeschöpf und Roten Baron Ende der 60er-Jahre sein, als der Peanuts-Kult langsam zu erlahmen drohte. Snoopy ist bis heute der Superstar, Ikone, Maskottchen der Astronauten wie Soldaten, der wahnwitzige Erwachsene, der im Peanuts-Alltag alles möglich werden ließ.

Charles und Joyce bekamen vier weitere Kinder, zogen nach Kalifornien, bauten ein riesiges Anwesen aus, entfremdeten sich zusehends. Schulz wurde wie sein Vater von Angstneurosen geplagt, hasste das Reisen, litt unter Melancholie. Michaelis schreibt, dass er die körperliche Nähe zu seinen Kindern scheute, die Erziehung ganz seiner Frau überließ.

Verwundbarkeit kleiner Strichfiguren

Inzwischen haben die Kinder diese Darstellung empört zurückgewiesen. Schulz sei ein liebevoller und engagierter Vater gewesen. Auch in der Biografie ist zu lesen, dass Sparky seine Kinder verehrt habe, dass er sein Atelier immer offen hielt für sie, dass er sie täglich zur Schule gefahren habe. Aber es gab da eben auch den depressiven, ängstlichen, distanzierten Mann. Schulz selbst hatte seine Melancholie eingeräumt, die Hilfe eines Psychiaters aber mit der Begründung abgelehnt, dass ihm das das Talent rauben würde. Er verliebte sich neu (ganz groß ist hier der sich verzehrende Snoopy), ließ sich scheiden, heiratete zum zweiten Mal.

Charles Schulz war Charlie Brown, war Snoopy, war Linus, aber die Peanuts sind noch mehr. Sie sind der Mensch Charles Schulz plus seine Imagination und Kunst, die es erst möglich machen, dass sich die Leser weltweit in der Komik und der Verwundbarkeit dieser kleinen Strichfiguren bis heute wiederfinden. Die Peanuts wurden 2000 gestoppt, der letzte Strip erschien einen Tag nach Schulz' Tod.

David Michaelis: Schulz and Peanuts. A biography. Harper, circa 15 Euro