Sex and Rock'n'Roll

Der rätselhafte Aufstieg des Popzirkus The Dome

Vor zehn Jahren war die RTL-2-Show noch ein Lückenfüller im TV-Programm, inzwischen feiert sie sich als größtes Pop-Event Europas: The Dome ist ein wahrer Popzirkus. Der Erfolg der Sendung, in der die Musiker versuchen, bloß möglichst geschickt ihre Lippen zum Playback zu bewegen, gibt allerdings Rätsel auf.

Foto: dpa / DPA

Die Chose schien auf Millimeterpapier so haargenau berechnet wie der Bauplan für Hamburgs Hafencity, und deshalb hielten die Experten auch ihre Halbwertzeit für leicht berechenbar. Als am 25. Januar 1997 in der Oberhausener Arena zum ersten Mal „The Dome“ angepfiffen und die bunt gemixte Playback-Show zum größten Pop-Event der Republik ausgerufen wurde, bloß weil damalige Chartstürmer wie DJ Bobo, Scooter, N’Sync und Tic Tac Toe sich eine Bühne teilten, da erntete der veranstaltende Sender RTL 2 von fast allen Seiten nur ein müdes Lächeln.

Nun feierte The Dome in Münchens Olympiahalle seinen 50. Durchlauf in zwölf Jahren. Eine gute Woche später strahlt RTL 2 das Stelldichein der mehrheitsfähigen Stars und Sternchen, die ihre Lippen zur groß inszenierten Show so synchron wie möglich bewegen, aus. Der Sender, nicht unbedingt für das Setzen rühmlicher Maßstäbe bekannt, feiert dann vor allem auch sich selbst. Und eben dieses Recht wird den Machern von The Dome heute auch der kritischste Kritiker nicht mehr absprechen.

500.000 Live-Besucher und 57 Millionen Zuschauer hat die vierteljährlich veranstaltete Reihe seit Anbeginn zu verzeichnen. Ihre TV-Quote ist beinahe kontinuierlich steigend – für ein Format, von dem sich fast alle anderen Sender, allen voran die öffentlich-rechtlichen, über die letzten Jahre klammheimlich verabschiedet haben. Pop und Rock auf der Bühne, das findet außerhalb der vorwiegend als Pinkelpause benutzten Megastar-Auftritte bei Gottschalks „Wetten dass..?" und längst ins Dritte verbannter Rockpalast-Nachthäppchen im Fernsehen schon lange nicht mehr statt. Einer wachsenden Anzahl von Konzertgängern aus drei Generationen zum Trotz.

Niemand allerdings muss deshalb gleich so weit gehen, The Dome zum ausschließlich lobenswerten Refugium einer zu Unrecht ignorierten Kunstform zu erheben. Natürlich wäre auch diese Sendung längst in den ewigen Jagdgründen verschwunden, hätte sie sich nicht als Dukatenesel erwiesen. Hierfür aber haben ihre Macher einiges getan und vor allem das bewiesen, was der Tonträgerindustrie ganz offenbar im Existenzkampf leider abhanden gekommen ist: Sie haben den nötigen Spürsinn entwickelt, zu erahnen, worauf denn die Meute da draußen wahrscheinlich gerade scharf ist.

Beschränkte man sich in den ersten Sendungen noch aufs traditionelle Schema Anmoderation – Song – Abmoderation, werden inzwischen die Künstler näher vorgestellt und auch schon mal befragt. Ein Platz, der nach dem Abgang von Jürgen von der Lippes „Geld oder Liebe“ unbesetzt geblieben war und den die RTL-2-Crew sich clever an Land zog.

Etwas länger hat es gedauert, bis man dort realisierte, dass Rock und Pop Jugendbastion endgültig geschleift worden sind und man darauf ebenfalls reagieren könnte. Unsere bisher einzige, persönliche Dome-Erfahrung datiert noch aus dem Februar 2005, als in Salzburg neben TV-Eintagsfliegen wie Nu Pagadi und Gracia Dauergäste wie DJ Bobo und als musikalischer Tiefpunkt auch ein singendes Krokodil namens Schnappi ins Licht gestellt wurden.

Die Liste der Artisten beim 50. Dome liest sich da schon ganz anders: Neben dem frisch gebackenen Eurovision-Song-Contest-Gewinner Alexander Rybak gibt es Selig, die Pet Shop Boys, A-Ha und James Morrison zu hören. Ein Line-Up, mit dem sich auch ernst zu nehmende Festivals schmücken könnten.

Zudem betreibt das RTL-2-Team eine Öffentlichkeitsarbeit, die ihresgleichen in der von Snobs und Blendern dominierten Musikbranche sucht. Den Medien öffnet man hier Tür und Tor. Sie dürfen mit den zu Recht oder Unrecht als Stars geführten Artisten den Speiseereich teilen, niemand redet um den Brauch des Playbacks lange herum. „Wer will“, sagt etwa Daniela Geissler, gern als „Mutter des Dome“ apostrophiert, „kann bei uns live spielen. Wir raten allerdings davon ab, weil das Ergebnis in einem solchen Umfeld oft hinter den Hoffnungen und Erwartungen zurück bleibt.“ Dereinst in Salzburg ließ sich der Wahrheitsgehalt solcher Worte beim Auftritt von Silbermond belegen: Die Band durfte den schlechtesten Sound des Abends für ihre Live-Darbietung verbuchen.

Auch innerhalb des an Quoten orientierten Senders stand The Dome schon oft genug zur Disposition. Seine Macher aber retteten ihr Baby bislang vor der Absetzung, auch weil die Zuschauerzahlen seit Jahren leicht steigen. Mangelnder Konkurrenz sei es gedankt. So lange The Dome samt kurz nach der Ausstrahlung veröffentlichter CDs allen anderen Formaten haushoch überlegen ist, wird die Reihe weiter Rekordzahlen schreiben.

Für die 100. Veranstaltung wünscht Daniela Geissler sich „ein ausverkauftes Wembley Stadion mit weltweiter Ausstrahlung wie bei Band Aid“. Noch quittiert sie die kleine Hybris mit einem kurzen Lachen. Ganz so unwahrscheinlich aber ist die Realisierung ihres Tagtraumes nun doch wieder nicht. So lange die Konkurrenz schläft, ist für The Dome beinahe alles möglich.

Ausgestrahlt wird die Sendung am 30. Mai auf RTL 2 um 16 Uhr