Literatur

Friedenspreisträger Jorge Semprún ist tot

Er überlebte den Nazi-Terror und antwortete auf Fragen nach seiner Nationalität stets mit: „Ich bin ein Überlebender aus Buchenwald". Nun ist der spanische Friedenspreisträger Jorge Semprún ist im Alter von 87 Jahren gestorben.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Wenn der Schriftsteller Jorge Semprún – gebürtiger Spanier, lange in Paris lebend – auf seine nationale Identität angesprochen wurde, entgegnete er: „Ich bin ein Überlebender aus Buchenwald.“ Von 1943 bis 1945 war er in diesem „Konzentrationslager“ bei Weimar inhaftiert, und die beiden Jahre haben sein Leben geprägt. Er wurde zu einem wichtigen Zeitzeugen des 20. Jahrhunderts. Am Dienstag (7. Juni) ist er in Paris gestorben, wie das Madrider Kulturministerium am späten Abend mitteilte.

Geboren ist Semprún 1923 in Madrid als Sohn einer großbürgerlichen, linksliberalen Familie, die 1936 wegen des Spanischen Bürgerkrieges ins Exil ging, zuerst nach Den Haag, später nach Paris. Im Zweiten Weltkrieg schloss sich der Philosophiestudent der französischen Résistance an und wurde Mitglied der kommunistischen Partei. 1943 verhaftete ihn die Gestapo, verhörte und folterte ihn und deportierte ihn nach Buchenwald, wo er das SS-Wachpersonal durch sein gutes Deutsch, das er schon als Kind gelernt hatte, und durch seine Kenntnisse der Weimarer Klassik verblüffte.

In Buchenwald lernte er den Faschismus kennen und das Zwangs- und Vernichtungssystem KZ. Das hat ihm die Augen geöffnet, um später - als er Solschenizyn las – das System Gulag in der Sowjetunion als ebenso menschenverachtend zu durchschauen. In Buchenwald beteiligte er sich am lagerinternen kommunistischen Widerstand, der manchen Häftlingen das Leben rettete. Nach 1945 musste er erleben, dass einige der Genossen aus dem KZ in Schauprozessen angeklagt und hingerichtet wurden, weil sie angeblich mit den Nazis kooperiert hatten. Semprúns spätere eigene Loslösung vom Kommunismus hatte hier eine ihrer Wurzeln.

1953 ging Semprún in das frankistische Spanien und organisierte die Untergrundtätigkeit der spanischen kommunistischen Partei PCE. Reisen nach Ostberlin, Prag und in die Sowjetunion führten ihm aber das stalinistische Terrorsystem, das ja mit Stalins Tod 1953 nicht geendet hatte, immer deutlicher vor Augen. KP-Funktionäre waren nur noch Befehlsempfänger einer zynischen Machtpolitik. Eigenes Denken war nicht mehr erlaubt. Da Semprún es sich nicht verbieten ließ, wurde er 1964 aus der Exil-PCE ausgeschlossen.

Ab den 60er Jahren hat Semprún Romane und Drehbücher geschrieben. Autobiografisch gefärbt war 1966 das Script für den Film „Der Krieg ist vorbei“ von Alain Resnais, das Porträt eines Exil-Spaniers in Paris, der gegen das Franco-Regime kämpft. 1968 und 1979 folgten die Vorlagen für die Costa-Gavras-Filme „Z“ und „Das Geständnis“. Unter seinen Büchern ragen die beiden Buchenwald-Romane „Die große Reise“ (1963) und „Was für ein schöner Sonntag“ (1980) heraus. Vor allem für sie erhielt er 1994 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

In „Die große Reise“ schildert Semprún die fünftägige, qualvolle Fahrt in einem mit Gefangenen überfüllten Eisenbahnwaggon von Frankreich nach Buchenwald. Neben ihm steht ein 16-jähriger Junge, eine fiktive Gestalt, der am Ende stirbt, ein Sinnbild für all die Tausende von Menschen, die auf diesen Deportationen ums Leben kamen.

„Was für ein schöner Sonntag“ beschreibt den Alltag im Lager, ist aber vor allem eine Autobiografie. Scharfsinnige politische Analysen stehen neben Trauer, Leidenschaft, Träumen. Selbstkritisch sieht Semprún seine eigene Rolle, er blieb ja lange Mitglied der Kommunistischen Partei. Die Bücher sind Erfahrungsberichte, die zu großer Literatur wurden, sie bewahren die Erinnerung, sind heute Klassiker.