Partnersuche

Bei RTL wird der Flirt zur Peepshow im Darkroom

Ledig, blind, verzweifelt: Für eine neue Datingshow hat RTL sechs Singles in einen Darkroom gesperrt. Auf Erleuchtung warteten die Zuschauer jedoch vergeblich.

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Es war nur eine Frage der Zeit, bis auch RTL entdeckt hat, dass man ihm, dem Zauber, möglicherweise auch dort begegnen kann, wo man ihn am allerwenigsten erwartet: im Dunkeln.

Das klingt romantisch. Man stellt sich vor, wie der Sender den Kandidaten seiner neuen Datingshow die Augen verbindet und sie so schnell um die eigene Achse dreht, dass ihnen bei der Partnersuche neben dem Sehen auch noch das Hören vergeht. Tatsächlich aber spielt die Musik in einem Darkroom.

Hier treffen sie aufeinander, die drei Männer und drei Frauen, die RTL getrennt voneinander in einer Villa einquartiert hat. „Black Box“, steht auf der Tür. Es ist ein Raum, in dem es so zappenduster ist, dass man die Hand vor Augen nicht erkennen kann, geschweige denn, ob es sich bei dem Sitznachbarn mit der sonoren Stimme um George Clooney oder Spargeltarzan handelt.

Doch macht das noch einen Unterschied, wenn Spargeltarzan scheckheftgepflegt ist und auch sonst alle anzeigenüblichen Attribute erfüllt, die man mitbringen muss, um einer Frau den Kopf zu verdrehen? Springt der sprichwörtliche Funke auch im Dunkeln über? Und falls ja, wo bleibt er, wenn das Licht plötzlich angeht?

Es ist ein Geheimnis, das danach schreit, von Woody Allan gelüftet zu werden. In Zeiten, da der Partner fürs Leben immer häufiger online gecastet wird, bekommt sie beinahe eine existenzielle Tragweite. Ist Hermann Hesses berühmte Gedichtzeile vom Zauber des Anfangs auch im Zeitalter des Speed-Datings noch up to date? Und wenn ja, gilt sie auch im Darkroom?

Es sind Frauen wie die mollige Krankenschwester Rebekka aus Köln, die sich für dieses Experiment bei der Pilotsendung am Sonntagabend hergegeben haben. Vordergründig passt die 26-Jährige nicht in das übliche Beuteschema der RTL-Partnervermittlung. Sie sucht weder einen Junggesellen, der mit 35 Jahren den Absprung aus dem Hotel Mama verpasst hat, noch einen befristeten Aushilfsjob als Ausmisterin im Stall eines alleinstehenden Bauern, der sich schon damit abgefunden hatte, den Rest seines Lebens umgeben von Ziegen zu verbringen. Rebekka behauptet, sie suche einen Mann, der sie um ihrer selbst willen liebt.

Ein Mann, wie von Michelangelo modelliert

Es geht ihr da wie Maik, 31, aus Berlin. Er ist zwei Meter groß und hat einen Body wie von Michelangelo modelliert. Andere Singles würden für sein Six-Pack möglicherweise ihre Ex-Freundin verkaufen. Maik fragt sich nach achtzehn Monaten als Single, ob sein Astralkörper potenzielle Interessentinnen nicht eher abschreckt. Behauptet er jedenfalls.

Mit dem Widerspruch zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung ist das jedoch so eine Sache. RTL hat ihn seinen Kandidaten nur ins Drehbuch geschrieben. Im „Darkroom“ löst er sich schneller in Wohlgefallen auf, als Sportstudent Max, 28, der molligen Krankenschwester Rebekka an die Wäsche gehen kann. „Magst Du‘s, wenn ‘ne Frau etwas fülliger ist?“, fragt sie scheinheilig, um sein Interesse zu wecken.

"Du begrapscht mich"

Ein Blinde-Kuh-Spiel in der romantischen Version von RTL. „Ich merke schon, Du begrabscht mich“, frohlockt die Krankenschwester, als Max sie ungelenk umarmt. Dem Zuschauer entgeht kein noch so pikantes Detail dieser Begegnung. Was in einem Darkroom passiert, geht zwar normalerweise nur zwei Menschen etwas an oder den Jugendschutz. Doch in dieser Dunkelkammer wird nur das Vorspiel geübt. Und dabei gewähren dem Zuschauer Infrarotkameras ungewohnte Einblicke: In ihrem Licht gebärden sich die balzenden Kandidaten wie blinde Labormäuse.

Es gibt viele solcher komischer Bilder. Da ist der spindeldürre Sachse Toni, der die elfenhafte Nancy mit Erdbeeren füttert und ihr dabei hysterisch kichernd Sahne ins Dekolleté kleckert. Man sieht, wie die spröde Studentin Svenja einen gefühlten Meter von Toni abrückt, als der ihr gesteht, er lese kaum, und wenn doch, dann nur Bücher von Dieter Bohlen. Doch solche Momente reichen weder, um den sprichwörtlichen Zauber des Anfangs zu beschwören. Noch trösten sie darüber über die abgegriffenen Kommentare aus dem Off hinweg, mit dem ein Sprecher versucht, den akuten Mangel an Spannung oder gar Erotik zu kompensieren: „Vier Tage voller Euphorie, Leidenschaft und Intrigen. Was wird passieren, wenn das Licht angeht?“

In der ARD-Flirtshow „Herzblatt“ war das stets der Moment, dem die Zuschauer schon die ganze Zeit entgegengefiebert hatten. Eine Wand aus Sperrholz ging zur Seite, und die Kandidatin flog mit genau jenem Bewerber per Hubschrauber ins Blaue, dem das Kunststück gelungen war, auswendig gelernte Antworten auf ihre Fragen unfallfrei abzuspulen.

Hält RTL seine Zuschauer für blöd?

Bei der Pilotfolge von „Dating im Dunkeln“ dürften viele Zuschauer diesen Moment erst gar nicht mehr abgewartet haben: Dass Nancy das Sixpack namens Maik dem spindeldürren Toni vorziehen würde und dem Blondinen-Liebhaber Max beim Anblick der brünetten Rebekka für den Bruchteil einer Sekunde die Gesichtszüge entgleisen würden, stand von vornherein fest.

Und man musste auch kein Prophet sein, um vorhersagen zu können, dass die verbiesterte Svenja die Villa wieder so verlassen würde, wie sie sie betreten hatte: nämlich als Single. RTL mag seine Zuschauer für blöd halten. Sonst hätte sich der Sender nicht getraut, diese Peepshow als pseudo-wissenschaftliches Dokutainment zu verkaufen. Blind sind sie nach allem, was man über sie weiß, aber wohl noch nicht.