Fotografie-Ausstellung

Doppelschau zeigt Brassaï als Künstlerfreund

Die Sammlungen Berggruen und Scharf-Gerstenberg stellen Werke von Brassaï aus. In den Portraits sind die Künstler seiner Zeit zu sehen wie Picasso und Matisse. Zu ihnen pflegte er eine besondere Beziehung.

Der junge Brassaï muss ein ziemlich cooler Typ gewesen sein. Da bittet ihn der große unnahbare Pablo Picasso um einen Besuch in seinem Pariser Atelier, – er brauchte Fotos –, und der 32-jährige Fotograf notiert ganz lapidar: „Heute Vormittag mit Picasso verabredet. Die Metro ist überfüllt, Autobusse fahren selten – ich gehe lieber zu Fuß.“ Schöne Anekdote, wenn sie denn stimmt. Beide waren sich auf Schlag sympathisch. Brassaï und Picasso, daraus sollte einmal eine lange Freundschaft werden.

Brassaï rückte also mit der Kamera an im neuen Atelier in der Rue des Grands Augustins Nr. 7. Das allein war schon ein Vertrauensbeweis, Picasso ließ außer engsten Freunden niemanden in sein mit Kippen übersätes Atelier, nicht mal Olga, seine Frau. Brassaï fotografierte den malenden Egomanen mit vielen seiner Werke, auch die Atelierräume und die einzelnen Kunstwerke, rund 200 Skulpturen, lichtete er ab. Da gibt es die repräsentativen, für die Öffentlichkeit bestimmten Künstlerporträts, die Macht ausstrahlen und Souveränität. Picasso, wie er da vor einem imposanten Ofen sitzt, der einen geheimnisvollen Schatten an die Wand wirft, der wirkt wie ein Widerschein oder schwarzer Dämon über dem Kopf Picassos. Ein Symbol für die „innere Glut“ des schaffenden Künstlers. Manche Fotos sind wirklich magisch, wie das von Picassos rechter Hand, 1943 entstanden. Der kräftige Handteller ist von starken Linien durchzogen. Es spielt mit dem Mythos der potenten Künstlerhand.

Viel Atmosphäre und Empathie

Andere Motive, allesamt in Schwarzweiß, wirken scheinbar beiläufig wie die karierten Filzschuhe unter dem Stuhl, auf dem sich Bücher und diverse Lektüre stapelt. Oder Picassos fusseliger Hund Kazbeck, der sich selbstbewusst auf dem Teppich reckt. Oder jene spielerischen Objekte wie das Katzen-Gipsmodell oder einfach der vollgestopfte Kaminsims samt Spiegel im Atelier in der Rue La Boétie. All diese Bilder, sie verraten atmosphärisch viel über den Künstler und Menschen Picasso und werfen ein Schlaglicht auf Brassaïs fotografische Könnerschaft, seine Empathie für Menschen, Situationen und Dinge, die oft seltsame Geheimnisse bergen.

Dass er einen guten Blick hatte, wusste schon der US-amerikanische Schriftsteller Henry Miller, der ihn als „Das Auge von Paris“ bezeichnete. Die herausragenden Fotos Brassaïs, einer der Großen neben Henri Cartier-Bresson, sind nun in der Sammlung Berggruen in Charlottenburg zu sehen. Auf recht ungewöhnliche Weise werden sie dort präsentiert, nämlich locker und leicht „eingestreut“ in die Sammlung inmitten all der Gemälde und Skulpturen des Künstlers. Somit ergänzen sie die ausgestellten Werke auf ideale Weise – und ermöglichen so etwas wie ein Gesamtbild. Picassos Bronze „Die Kämmende“ beispielsweise entdeckt der Betrachter auf einem Foto, gleichzeitig steht sie in voller Größe vor dem Besucher.

Brassaï fotografierte nicht nur Picasso, auch Fotos von Henri Matisse sind zu sehen, von Georges Braques, Henri Laurens und Alberto Giacometti. Mit all den Künstlern, deren Werke Heinz Berggruen sammelte, war Brassaï befreundet, ging bei ihnen ein und aus. Dass wir heute viel über diese Verbindungen wissen, ist Brassaï zu verdanken, der ehemalige Journalist notierte viele seiner Treffen, oft nur auf losen Servietten. Daraus entstanden einige schöne Aufsätze, die im gelungenen Ausstellungskatalog zu studieren sind.

Parallel zu dieser Präsentation werden in der Sammlung Scharf-Gerstenberg, gegenüber von Berggruen, die Graffiti-Fotografien unter dem Titel „Auf der Straße“ des ungarischen Fotografen gezeigt. Er hat über mehrere Jahrzehnte eine Vielzahl an anonymen Kratzbildern, die auf Fassaden und Betonwänden entstanden, aufgenommen. Neben den Atelier- und Porträtfotos führen sie ein künstlerisches Eigenleben. Da tummeln sich schemenhaft Herzen, Totenköpfe, Vögel, Kühe und Teufelsgesichter auf grauem Hintergrund. Oft sind es nicht mehr als vier krause Löcher, Augen, Mund, Nase, die diese „Zeichnungen“ in die Nähe archaischer Höhlenbilder rücken. Sie erinnern in ihrer starken Kontrastierung an böse Geister und dunkle Dämonen. Kaum verwunderlich, dass die Surrealisten, die auf die Kraft des Unterbewussten („die innere Raserei“) setzten, von diesen Werken sehr schnell angetan waren. Art-Brut-Artist Jean Dubuffet, der sich gegen den bürgerlichen Kunstbegriff wandte, ließ sich von diesen naiven Figurationen offenbar für seine Malerei anregen. Einige seiner Werke, wie etwa die quietschrote „vache rouge“, sind zusammen mit Brassaïs Graffitis präsentiert.

Mit dieser engagierten Doppelausstellung „Im Atelier“ und „Auf der Straße“ kehrt Brassaï in die Stadt zurück, wo einst seine Karriere als Künstler hoffnungsfroh beginnen sollte: Nach dem Zusammenbruch Österreich-Ungarns kam Guyla Halász, so sein damaliger bürgerlicher Name, an die Spree, um sich an der Kunstakademie in Charlottenburg einzuschreiben, hier sollte er auch die legendäre Galerie „Der Sturm“ besuchen.

Beide Häuser arbeiten zusammen

Berggruen und Scharf-Gerstenberg sind beides Häuser, die als Teil der Staatlichen Museen unter das Dach der Nationalgalerie gehören, zwei Häuser, die aus privaten Kollektionen bestückt sind. Inhaltlich stehen sie sich nahe, sie vertreten die Klassische Moderne. Berggruen die großen Künstler wie Picasso, Matisse, Klee. Bei Scharf-Gerstenberg treffen sich die Flaneure der Nacht, des Surrealen und Fantastischen – Max Ernst, Magritte, Dubuffet, Dalí und Piranesi.

Künftig möchten sich die beiden Häuser mit ihrem Ausstellungsprogramm stärker verzahnen. Letztlich ist es ein Versuch, mehr Besucher zu gewinnen. Beide Institutionen haben um die Besuchergunst zu kämpfen. Seit Nofretete ins Neue Museum umgezogen ist, lassen die Zahlen sehr zu wünschen übrig. Die zentral gelegene Museumsinsel ist eine mächtige Konkurrenz. Die Doppelausstellung mit den beiden Aspekten der Fotografie Brassaïs scheint ein durchaus erfolgversprechender Beginn, um die Attraktivität beider Institutionen zu fördern. Zugleich läutet diese Ausstellung einen anderen Neuanfang ein: Mit Brassaïs Abzug wird die Sammlung Berggruen ab September schließen – sie bekommt einen Neubau und einen Skulpturengarten.