Zack Snyders "Sucker Punch"

Popkultur-Märchen für die Playstation-Generation

Nach "300" und "Watchmen" mixt Zack Snyder in "Sucker Punch" Action-Mythen und Sexfantasien zu einem Spektakel voller Blut und Gewalt.

Eine der auffälligsten Eigenschaften der Deutschen besteht darin, englische Begriffe zu verwenden, obwohl sie nur eine sehr vage Vorstellung davon haben, was sie eigentlich bedeuten. "Sucker Punch" zum Beispiel, der Originaltitel des neuen Films von Zack Snyder, den der deutsche Verleih aus dem Markendenken heraus gehorsam übernommen hat.

Immerhin kann auf Assoziationen gehofft werden, sowohl für sucker (cock) als auch für punch (planter’s). Dass beide nichts mit dem Film zu tun haben, wo weder gesuckelt noch gesüffelt wird, stört keinen großen Geist.

Ein Filmemacher mit eigener Vision

Als ein solcher wird uns seit "300" der Regisseur Zack Synder präsentiert. Die Amerikaner verwenden für ihn wiederum selbst ein Fremdwort, das die Franzosen für Godard, Truffaut & Co. erfanden: Er sei ein "auteur", das heißt, ein Filmemacher mit einer ganz eigenen Vision, unbeeinflusst von den Diktaten der Studiobosse und Marktforscher.

Nach "300" und "Watchmen", die beide auf Comicvorlagen beruhten, "fühlte sich Zack richtig befreit", jubelt das Presseheft, "als er endlich einmal etwas Eigenes schaffen konnte". Wir können "Sucker Punch" also als den bisher reinsten Ausdruck der Gedanken und Fähigkeiten des auteurs Zack Snyder betrachten.

Demnach drehen sich Snyders Gedanken um die Lobotomisierung unschuldiger Mädchen, Luftduelle zwischen Drachen und Kampfflugzeugen sowie neue Erfindungen des kaiserlich-deutschen Militärs.

Collage von Popkulturschnipseln

Das sind Dinge, die man normalerweise nicht unbedingt in einem Filmtopf zusammenrühren würde, aber möglicherweise besteht Snyders Auteurschaft hauptsächlich darin, weit versprengte Popkulturschnipsel zu einer Collage zu vermantschen; vor "300" hätte man alte Griechen und modernen Männlichkeitswahn eher nicht zusammengedacht.

Bei "Sucker Punch" hat sich Synder ein selbst für seine Verhältnisse ehrgeiziges Puzzle vorgenommen. Aus einem Kriminalfall (böser Mann bringt Baby Dolls Mutter und Schwester um) wird im Handumdrehen ein Normal-in-der-Klapsmühle-Drama (weil der Böse Baby Doll wegsperren lässt), welches sich schnell in ein Bordellmelodram verwandelt (da die schockierte Baby Doll sich die kahle Anstalt in ein Plüschpuff umphantasiert) und zudem regelmäßig Gedankenflüge zu japanischen Monstersamurai, in die Schützengräben des Ersten Weltkriegs und auf ein Heavy Metal-Schlachtfeld unternimmt.

Grauenhafte Computerspiel-Mechanik

Das klingt wirrer als es auf der Leinwand wirkt, Snyder verordnet seinen Phantasiesprüngen durchaus ein Korsett. Das führt dann aber zu einer grauenhaften Computerspiel-Mechanik. Babydoll notiert ihren Mitgefangenen auf einer Kreidetafel die vier Gegenstände, die sie zur Flucht benötigen – Plan, Feuerzeug, Schlüssel, Messer –, und dann geht es, immer nach dem gleichen Schema, an das Abarbeiten des Pflichtenhefts.

Jedes Mal muss Baby Doll die Hüter der Gegenstände mit einem wilden Tanz ablenken, und jedes Mal verfällt sie dabei in wilde Träume, die uns in eine Fantasy-Landschaft entführen.

Jedes Mal sind ihre Leidensgenossinnen in einem neuen Kampfoutfit mit von der Partie, und jedes Mal stellt ein verknitterter Charlie seinen Engeln eine Aufgabe: "Kämpft euch bis zu dem Drachenbaby durch, schneidet ihm den Hals durch und holt aus seinem Rachen zwei Feuersteine. Aber weckt dabei seine Mutter nicht auf." Und man kann seinen Joystick darauf verwetten, dass in den nächsten zehn Minuten aus diesen Steinen ein großes Feuer entfacht und die Mutter aus ihrem Schlaf geschreckt werden wird.

Zack Snyder nützt also die große Kinoleinwand, um Landschaften aus dem Computer zu zaubern, bei denen einem die Augen aus dem Kopf fallen – oder besser fielen, wenn er uns ein paar Sekunden Zeit ließe, sie anzusehen –, und opfert auf dem Altar der Überwältigungsbilder die beiden anderen Hauptelemente des Kinos, Geschichte und Charaktere.

Ideologie zwischen Darwin und Rumsfeld

Die "Geschichte" eines Ausbruchs hat der "Graf von Monte Christo" schon vor zweihundert Jahren besser erzählt, und die "Charaktere" wären selbst für ein Videospiel zu eindimensional. Denkt man dann noch einen Augenblick über die Ideologie von "Sucker Punch" nach, schwankt sie zwischen Darwin ("Euer Überlebenskampf beginnt in diesem Moment") und Rumsfeld ("Hier sind eure Waffen. Nehmt sie, und euer Weg in die Freiheit beginnt").

Playstation-kompatible Gewalt

Auch die Gewalt ist playstationkompatibilisiert; Baby Doll wird von Dampf getroffen statt von Blut, wenn sie die kaiserlichen Soldaten durchlöchert, denn das sind sowieso nur von Dampfmaschinen angetriebene Zombies.

Und dann wäre da noch die Sache mit dem Sexismus. In Interviews hält sich Snyder viel darauf zu gute, seinen Mädels nicht zu sehr an die Wäsche zu gehen. In der Tat sieht man für einen Lara Croft/Bordell-Film erstaunlich wenig nackte Haut.

Das dürfte allerdings weniger sein Verdienst als der des amerikanischen Zensors sein, der drohte, den Film erst ab siebzehn freizugeben; Warner Bros. legte Snyder erhebliche Schnitte auf, die "Sucker" nun in Elternbegleitung schon für Dreizehnjährige ansehbar machen.

Sein Film, dem schon Geschichte, Charaktere, Spannung und Gewalttätigkeit fehlen, wurde damit des letzten Elements beraubt, das ihn hätte retten können, der sexuellen Aufreizung.

Ein rarer Moment von Interviewwahrheit

"Mein Film ist ungefähr dreißig Prozent so verrückt geworden wie er hätte werden können", sagte Snyder in einem raren Moment von Interviewwahrheit. So wie er ist, kastriert und hohl, muss man den Titel wohl leicht uminterpretieren.

Der "sucker-punch", jener unerwartete und hinterhältige Schlag in die Magengrube oder andere Weichteile, wird von dem Film nicht wie versprochen an sein Publikum ausgeteilt, sondern hat ihn selbst getroffen.

Er vergisst am Ende sogar, den Bösen vom Anfang zu bestrafen. Der auteur Zack Snyder sollte in sich gehen, bevor ihm nächstes Jahr Superman zum Sucker Man gerät.