Bestseller "Empört euch!"

Die Jugend von heute ist auf Konsens ausgerichtet

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Trifft der Franzose Stéphane Hessel mit seiner Streitschrift den Nerv der Zeit? Geisteswissenschaftler sind skeptisch.

„Empört euch!“ fordert der ehemalige französische Widerstandskämpfer und Autor Stéphane Hessel. Er sieht viele Gesellschaften in Aufruhr, und die Welle der Unruhe kommt für ihn „in einem richtigen Moment der Geschichte“. Wissenschaftler sehen das anders. „Ich habe den ganzen Tag mit jungen Leuten zwischen 20 und 30 zu tun“, sagt die Professorin Jessica C.E. Gienow-Hecht. „Und ich muss feststellen: Jede Form von Revolution, von öffentlicher Empörung ist ihnen fern.“

Die Kölner Spezialistin für Konfliktforschung hält das Empörungspotenzial der westlichen Welt für nicht besonders hoch. „Hessel will die jungen Menschen aus ihrer Lethargie reißen, und ich kann das gut verstehen. Aber ich sehe keine breite Empörung von Leuten, die jetzt auf die Straße gehen. Die großen Brände sind zu fern, und die Themen vor der eigenen Haustür sind nicht brennend genug.“ Nach ihren Erfahrungen ist die Jugend ganz auf Konsens und Dialog ausgerichtet.

Die Ursachen des Unmuts sind zu unterschiedlich

Auch Hessels These vom „richtigen Moment der Geschichte“ stößt auf Widerspruch. „Einer solchen Denkweise liegt eine ganz bestimmte Geschichtsauffassung zugrunde“, sagt der Bochumer Historiker Constantin Goschler. Es sei die Vorstellung, dass die Geschichte irgendwann „reif“ für etwas sei. „Wenn man so denkt, kann man sich natürlich hinstellen und sagen: „Wir kämpfen nicht nur gegen den Stuttgarter Durchgangsbahnhof, wir sind Teil einer weltumspannenden Rebellion.““

Auch der Berliner Soziologe Dieter Rucht, spezialisiert auf „politische Mobilisierung in Europa“, glaubt nicht an die große Protestbewegung. Die Ursachen des Unmuts seien jeweils unterschiedlich – und die Ziele der Protestierenden ebenso.

Europas Länder beeinflussen sich selten

Es ist eine alte Historikerweisheit, dass man die langfristige Bedeutung aktueller Ereignisse meist überschätzt. Zurzeit stehen die Deutschen unter dem Eindruck der Proteste gegen Stuttgart 21 und die Castor-Transporte. Nach Ruchts Erkenntnissen gehen aber heute im Durchschnitt nicht mehr Menschen auf die Straße als zum Beispiel in den 80er Jahren bei den Demonstrationen der Friedensbewegung. Sogar in den 50er Jahren habe es starke Proteste etwa gegen die Wiederbewaffnung gegeben, die aber heute völlig vergessen seien.

Dabei beeinflussten sich die europäischen Länder gegenseitig kaum, meint Rucht. Wenn die Italiener gegen Berlusconi demonstrieren, sehen sich das die Deutschen in der „Tagesschau“ an – und das war’s.

Oft heißt es, die derzeitigen Protestbewegungen hätten durch das Internet eine Dynamik gewonnen, die es bisher noch nie gegeben habe. Aber auch in diesem Punkt sind Historiker skeptisch. „Es ist bei weitem nicht das erste Mal in der Geschichte, dass wir so etwas erleben“, sagt der Münsteraner Historiker Hans-Ulrich Thamer. „Im 19. Jahrhundert zum Beispiel hatten die französischen Revolutionen von 1830 und 1848 auch Auswirkungen auf andere Länder.“ Dabei spielten neue Technologien eine wesentliche Rolle: Es waren der Telegraf und die Schnelldruckpresse. Und schon damals hieß es, künftig werde nichts mehr so sein wie es mal war.

( dpa/bs )