Nachlass-Album

"Michael" zeigt die Schwächen in Jacksons Spätwerk

Es ist das erste von zehn angekündigten Nachlass-Alben von Michael Jackson. Leider offenbaren die Songs auf "Michael" enorme Schwächen.

Er hielt es für eine gute Idee, sich zum Einschlafen ein Betäubungsmittel spritzen zu lassen, das sonst nur in Operationssälen zum Einsatz kommt. Er leistete sich einen Hofmaler, der ihn farbenfroh in lebensnahen Situationen porträtierte, und er war nach Aussage seiner Kinder nebenbei der beste Vater überhaupt, der sich besonders auf die Zubereitung von Frühstücksspeisen wie "Arme Ritter" verstand.

Wer kann angesichts dieser Qualitäten schon mit letztgültiger Sicherheit sagen, welche musikalische Vision der Künstler Michael Jackson für sein nächstes Album verfolgte? "Michael" lautet der schlichte Titel des ersten von zehn Alben, die Sony in den kommenden sieben Jahren aus dem Nachlass veröffentlichen will.

1. Hold My Hand (feat. Akon)

Es beginnt mit einem Lob des Zwischenmenschlichen: Wenn man sich gegenseitig die Hand hält, so die frohe Botschaft, ist beinah jede Hürde zu nehmen. Leider wird sie gleich von der ersten Zeile verdunkelt, in der Jackson beiläufig erklärt, dass das Leben endlich sei ("this life don't last forever").

Angesichts seines frühen Todes verursacht das zuverlässig einen morbiden Schauer, der sogleich von einem schunkelnden Beat und allerhand Orchesterschmalz mitgenommen und gegen Ende einem Chor zugeführt wird, der stimmungsvoll den Rhythmus klatscht.

2. Hollywood Tonight

Seit "Billie Jean" war es neben der Weltrettung ("Heal The World") und der Weltanklage ("Leave Me Alone") eine von Jacksons Lieblingsbeschäftigungen, sich über das Schicksal ehrgeiziger junger Frauen Gedanken zu machen. "Hollywood Tonight" handelt von einem Mädchen, das sich Richtung Los Angeles verabschiedet, um im Filmgeschäft groß herauszukommen.

Doch es ist nicht alles Gold, was glänzt. Jackson hatte den Song ursprünglich für sein letztes reguläres Album "Invincible" von 2001 geschrieben. Sein damaliger Produzent Teddy Riley hat "Hollywood Tonight" jetzt mit allerhand Funkgitarren und einem flott gekeuchten Beat angereichert, wobei es ihm offenbar an Text fehlte. Die erste Strophe wird gleich zweimal wiederholt, und zwischendurch ergreift sogar Riley selbst das Wort, um für ein Mindestmaß an Verständlichkeit zu sorgen.

3. Keep Your Head Up

Auch wenn es mitunter mal schlecht laufen sollte, schreite erhobenen Hauptes durch Leben: Jacksons Lob des aufrechten Ganges handelt von einer Kellnerin, die an den Verhältnissen zu scheitern droht, wenn Jackson ihr nicht in gewohnter Balladenform Trost spenden würde.

"Keep Your Head Up" entstand 2007 im Hause des Hotelmanagers Dominic Cascio, mit dessen Söhnen Jackson gemeinsam musizierte, und zählt damit zu jenen Songs, deren Echtheit von Teilen der Jackson-Familie, die nicht an den Gewinnen beteiligt sind, angezweifelt wird. Doch Entwarnung, er ist es.

4. (I Like) The Way You Love Me

Jetzt wird es spannend: Jackson singt seinem Produzenten Theron "Neff-U" Feemster Melodie und Rhythmus des Songs durchs Telefon aufs Band. So hat er also gearbeitet, schnell mal jemanden angerufen, wenn er einen Einfall hatte. Doch dann bricht die Durchsage auch schon wieder ab, und Feemster überführt die Skizze in das seichte Gewässer einer vollständig vernachlässigenswerten R&B-Produktion.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Songs bereits 2004 in der "Ultimate Collection" veröffentlicht wurde. Die Plattenfirma bezeichnet die frühe Version jetzt als Demo, was insofern verwundert, als Jackson niemals etwas veröffentlicht hätte, was er nicht für perfekt hielt.

5. Monster (feat. 50 Cent)

Für den letzten Beweis, dass es dieser Songsammlung an einem schlüssigen Konzept mangelt, ist 50 Cent zuständig, der wie aus dem Hinterhalt auftaucht und zu Heckenschützengeballer seine vor vielen Jahren einmal beliebten, an dieser Stelle aber völlig unpassenden Mord-und Totschlag-Reime absondert. Laut 50 Cent hat ihn Jackson höchstpersönlich um diesen Beitrag gebeten.

6. Best Of Joy

Entspannt geht es weiter. Der Song soll einer der letzten gewesen sein, an denen Jackson im Hinblick auf die geplante Konzertreihe in London gearbeitet hat. In der umfangreichen Pressemitteilung beschreibt Produzent Theron "Neff-U" Feemster die Atmosphäre im Studio wie folgt: "Er fragte zum Beispiel: ,Wie fühlst du dich?', und ich antwortete: 'Ich fühl mich gut.' Dann fragte ich ihn: 'Und wie fühlst du dich?', und er entgegnete: 'Ich fühl mich auch gut.' Und dann meinte er einfach: 'Lass uns sehen, was passiert.' Der Kamin war an, sogar im Sommer. Die ganze Atmosphäre war einfach ziemlich cool."

7. Breaking News

So oder so der Tiefpunkt des Albums. Zum einen weil Jackson nur unzureichend nach Jackson klingt. Zum anderen weil sich sein gut dokumentierter Größenwahn hier besonders unerfreulich mit seinem nicht minder dramatischen Selbstmitleid verschränkt und das Ganze zu einem Beat aufgetischt wird, der einem in seiner aufgeregten Belanglosigkeit den Atem verschlägt.

8. (I Can't Make It) Another Day (feat. Lenny Kravitz)

Langsam ist es an der Zeit, sich darüber zu wundern, warum dieses erste posthume Werk so läppisch geraten ist. Seine letzten, noch zu Lebzeiten veröffentlichten Werke "History" und "Invincible" krankten bekanntlich daran, dass Jackson seine Songs so lange im Studio schleifen ließ, bis ihnen der letzte Rest Leben ausgetrieben war.

Für "Michael" musste aber niemand mehr auf Jacksons falsch verstandenen Perfektionsdrang Rücksicht nehmen. Man hätte die Songskizzen einfach so veröffentlichen können. Oder man hätte sie Produzenten überantworten können, die nicht nur über Studiotechnik sondern auch über Ideen verfügen. Doch stattdessen gab man sie Leuten wie Lenny Kravitz.

9. Behind The Mask

Und dann das: Kurz vor Schluss taucht plötzlich wie aus dem Nichts der einzige Song auf, den man freiwillig ein zweites und drittes Mal hören möchte. "Behind The Mask" ist Jacksons Bearbeitung eines Songs des Yellow Magic Orchestras, den er bereits in den 80er-Jahren aufgenommen hat. Darin singt er von einer Frau, die ihre Gefühle und ihr wahres Ich hinter Masken versteckt, was angesichts von Jacksons Vorliebe für plastische Chirurgie, Masken und Verkleidung ein Thema ist, von dem er etwas versteht.

10. Much Too Soon

Der Songtitel führt in die Irre, diese Ballade kommt nicht zu früh, sondern trotz der Gesamtdauer von nur rund 45 Minuten sogar viel zu spät. Nach dieser reichen Ausbeute sieht man den kommenden neun Alben mit umso größerer Spannung entgegen.