Kulturpolitik

"Wir brauchen diese Kunsthalle in Berlin"

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Stefan Kirschner

Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz spricht im Morgenpost-Online-Interview über rot-rote Prestigeprojekte, die Kunsthalle am Humboldthafen und den drohenden Zerfall der Rundfunk-Orchester und -Chöre GmbH.

Morgenpost Online: Herr Schmitz, so verlässlich wie Silvester kommt, stellt der Intendant des Deutschlandradios am Jahresende die Zukunft der ROC infrage. Jetzt kündigt Willi Steul an, dass er ab 2013 rund 1,5 Millionen Euro weniger an die ROC überweisen will.

André Schmitz: Das ist ein Anschlag auf die ROC. Das Deutschlandradio ist mit 40 Prozent Anteil der größte Gesellschafter – und müsste mit dieser Rolle auch verantwortlich umgehen. Denn wenn einer der Gesellschafter die Mittel reduziert, dann sinken automatisch auch die Zuschüsse der anderen. Das wäre das Ende der Rundfunk-Orchester und –Chöre GmbH. Die Gesellschafter haben ja vor nicht allzu langer Zeit erst die Erhöhung des ROC-Etats um sechs Millionen Euro beschlossen…

Morgenpost Online: …die nun fast wieder zurück genommen werden soll.

André Schmitz: Es ist gefährlich, wie der Deutschlandradio-Intendant mit der ROC umgeht. Er will vollendete Tatsachen schaffen, die uns alle in große Probleme bringen würden.

Morgenpost Online: Steht denn Berlin zu dem erhöhten Etat?

André Schmitz: Wir haben den Zuwachs im Doppelhaushalt 2010/11 drin – und wollen die Summe auch im nächsten Haushaltsentwurf fortschreiben.

Morgenpost Online: Nachdem die von Steul Ende 2009 vorgeschlagene Fusion der beiden Orchester keine Mehrheit fand, wurde bei der ROC doch intensiv über Einsparungen diskutiert?

André Schmitz: Die interne Arbeitsgruppe, aber auch externe Beraterfirmen, sind zu dem Ergebnis gekommen, dass die ROC gut aufgestellt ist. Man kann keine Millionen einsparen, ohne an die Existenz einer der Klangkörper zu gehen. Und das will zumindest das Land Berlin nicht.

Morgenpost Online: Aber andere Gesellschafter wollen das?

André Schmitz: Wenn man den Vorschlag des Intendanten Steul hört, ist das offensichtlich so.

Morgenpost Online: Und jetzt soll das Berlin einen Vorschlag machen, wie es bei der ROC weitergeht?

André Schmitz: Warum eigentlich? Wir sind überhaupt nicht gefordert, denn wir stehen zur ROC mit allen vier Klangkörpern.

Morgenpost Online: Wie geht es jetzt weiter?

André Schmitz: Wenn es Herr Steul ernst meint, dann muss er uns einladen und informieren. Ich kenne seine Einsparankündigung bislang nur aus der Zeitung.

Morgenpost Online: Auch die Berliner Opern-Orchester sorgten in den vergangenen Wochen Schlagzeilen, weil immer wieder mal gestreikt wurde. Drohen im neuen Jahr weitere Aktionen?

André Schmitz: Wir hatten Ende November einen Runden Tisch in der Senatskulturverwaltung – und ich bin guter Dinge, dass wir auf Basis dieses Gesprächs im Januar zu einem tariflichen Abschluss kommen.

Morgenpost Online: Zwei wichtige Vorhaben der rot-roten Regierung sind noch nicht in trockenen Tüchern: Die Kunsthalle und der Neubau der Zentral- und Landes-Bibliothek?

André Schmitz: An beiden Projekten halten der Kultursenator Klaus Wowereit und sein Staatssekretär fest.

Morgenpost Online: Dann müssten die entsprechenden Mittel in den Haushalt 2012 eingestellt werden, die Beratungen beginnen demnächst.

André Schmitz: Die Zentral- und Landes-Bibliothek ist ein Projekt, das sehr gut zu einer rot-roten Regierung passt. Kulturelle Bildung ist ein Schwerpunkt in dieser Legislaturperiode.

Morgenpost Online: Und der Neubau auf dem Areal des Flughafens Tempelhof wäre dann die Krönung?

André Schmitz: Ein Bibliotheksneubau wird seit über 20 Jahren in Berlin diskutiert. Wir werden in den Haushaltsberatungen dafür kämpfen.

Morgenpost Online: Auch für die Kunsthalle, die innerhalb der SPD-Fraktion und auch beim Koalitionspartner umstritten ist?

André Schmitz: Berlin ist die derzeit spannendste Stadt, was zeitgenössische Kunst angeht. Deshalb brauchen wir diese Kunsthalle. Von der im kommenden Sommer am Humboldthafen geplanten „Leistungsschau“ versprechen wir uns noch mal einen Schub für die Idee der Kunsthalle.

Morgenpost Online: Der wird sicher auch gebraucht. Wurde denn genug in die Kultur investiert?

André Schmitz: Wir haben rund 500 Millionen Euro Investitionen im Kulturbereich in dieser Legislaturperiode auf den Weg gebracht, darunter fallen der Neubau der Opernwerkstätten, das Probezentrum fürs Deutsche Theater, die Topographie des Terrors und die Sanierung der Staatsoper.

Morgenpost Online: Die überwiegend vom Bund bezahlt wird, das Land kam für die Sanierung der Ausweichspielstätte Schiller-Theater auf. Wie wird die vom Publikum angenommen?

André Schmitz: Ich habe bisher nur Positives gehört. Generalmusikdirektor Daniel Barenboim ist von der Akustik begeistert und Intendant Jürgen Flimm berichtet, dass die Besucher das Schiller-Theater gut annehmen. Gewissermaßen die Wiederentdeckung eines in Vergessenheit geratenen kulturellen Ortes.

Morgenpost Online: Die neu gepflanzten kleinen Linden vorm Schiller-Theater erinnern an den alten Spielort der Staatsoper. Aber die Lindenoper bleibt nicht so lange im Schiller-Theater bis die Bäume groß sind?

André Schmitz: Ich hoffe nicht. Wir haben häufig Baubesprechnungen, bisher liegen wir bei der Sanierung der Staatsoper voll im Kosten- und Zeitplan. Aber natürlich ist das eine hochkomplizierte Baustelle.

Morgenpost Online: Am 3. Oktober 2013 ist die Wiedereröffnung der Staatsoper Unter den Linden geplant, im selben Jahr soll auch der Grundstein für das Humboldt-Forum gelegt werden.

André Schmitz: Das ist das nationale Projekt der Kulturpolitik seit der deutschen Wiedervereinigung. Dass sich Kulturstaatsminister Bernd Neumann jetzt intellektuelle Unterstützung durch ein Beratergremium geholt hat, begrüße ich sehr. Denn es ist bedauerlich, dass dieses Projekt öffentlich noch nicht so aufgenommen wird, wie es das Humboldt-Forum eigentlich verdient. Nur die Verschiebung des Baubeginns, die hätte man sich sparen können.

Morgenpost Online: Über was haben Sie sich – kulturpolitisch – in diesem Jahr am meisten gefreut?

André Schmitz: Über den tollen Erfolg der Intendantin Shermin Langhoff, die mit ihrem Ballhaus Naunynstraße, diesem Theater der kulturellen Vielfalt, hervorragend in diese Stadt passt – übrigens ein Thema, das wir kulturpolitisch noch weiter verstärken müssen. Und ich habe mich sehr gefreut über den Friedrichstadtpalast. Das ist eine Super-Erfolgsgeschichte, die Intendant Berndt Schmidt dort schreibt. 2010 dürfte als Rekordjahr in die Geschichte des Friedrichstadtpalastes eingehen.

Morgenpost Online: Im Theaterbereich stehen noch zwei Personalentscheidungen an. Die Nachfolge von HAU-Chef Matthias Lilienthal und eine mögliche Vertragsverlängerung von Volksbühnen-Intendant Frank Castorf. Wird beides noch vor den Wahlen entschieden?

André Schmitz: Lassen Sie uns noch ein bisschen Spannung fürs kommende Jahr.

Morgenpost Online: Geht’s denn bitte etwas konkreter? Lilienthal hört schließlich im Sommer 2012 auf?

André Schmitz: Die Nachfolge am HAU sollten wir noch in dieser Legislaturperiode entscheiden, damit der oder die Neue genügend zeitlichen Vorlauf hat, um sich thematisch darauf einzurichten. Denn ein neuer Senator würde sich nach den Wahlen im September möglicherweise erst Ende kommenden Jahres damit beschäftigen können.

Morgenpost Online: Und Castorfs-Volksbühnenvertrag?

André Schmitz: Das drängt nicht so sehr.