Manager-Kritiker

Martin Suter will unbelehrbare Banker regulieren

Mit rund 800 Kolumnen aus der "Business Class" hat sich der erfolgreiche Schriftsteller Martin Suter auch als Kritiker der Managerkaste einen Namen gemacht. Im Interview mit Morgenpost Online spricht er über sinnvolle Regulierung unbelehrbarer Banker – und beschreibt die Vorzüge des molekularen Kochens.

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Der gebürtige Schweizer Martin Suter (61) ist einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Schriftsteller. In seinem früheren Leben war Suter Werbetexter und Mitbegründer des Art Directors Club. Mit an die 800 Kolumnen aus der „Business Class“ hat sich Suter als Kritiker der Managerkaste einen Namen gemacht. In diesem Frühjahr laufen zwei Filme nach Suters Vorlagen im Kino („Giulias Verschwinden“ und „Lila Lila“). In seinem neuen Roman „Der Koch“ (Diogenes, Zürich. 272 S., 21,90 €) erzählt er vom tamilischen Molekularkochs Maravan, der in Zürich einen erotischen Cateringservice gründet, vom Ausbruch der Weltwirtschaftskrise und dem Bürgerkrieg in Sri Lanka.

Morgenpost Online: Besitzen Sie einen Rotationsverdampfer, unerlässlich fürs molekulare Kochen?

Martin Suter: Wenn „Der Koch“ ein Erfolg wird, werde ich mir vielleicht einen leisten.

Morgenpost Online: Haben Sie die Rezepte im Buch – Süß-pikante Kardamom-Zimt-Ghee-Sphären – selbst gekocht?

Suter: Nein, aber der deutsche Molekularkoch Heiko Antoniewicz hat mir nach sorgfältiger Überprüfung seinen Segen dazu gegeben.

Morgenpost Online: Seine Jugend, sagt Maravan, der tamilische Molekularkoch und Held Ihres Buches, duftete nach Kokosmilch, Zimt und Curry. Wonach hat Ihre Jugend geduftet?

Suter: Es gab keinen Duft, der sich durch meine Jugend zog. Auf jeden Fall keinen kulinarischen. Aber Laubfeuer, heißer Teer und Waschküchendampf haben mich in meiner frühen Jugend begleitet. Und nasse Wollsocken, Schnee, der auf Holz schmilzt und Arosana Sonnencrème.

Morgenpost Online: Sie kochen auch zu Hause. Haben Sie das bei Muttern gelernt?

Suter: Nein, ich bin da eher ein Autodidakt. Ich esse gerne und habe es versäumt, bei der Suche nach der Frau meines Lebens auf deren Kochkünste zu achten.

Morgenpost Online: Gibt es so etwas wie ein Lieblingsrezept, eine Lieblingsküche?

Suter: Nein, ich mag es, in den Küchen herumzuschwadronieren. Meistens koche ich aber einfach, sehr oft unter der Knute des Gemüsegartens, der manchmal tonnenweise Tomaten und dann wieder zentnerweise Zucchetti abwirft.

Morgenpost Online: Haben Sie jemals Essen als Aphrodisiakum eingesetzt?

Suter: Die meisten Männer hoffen, dass das Essen, zu dem Sie eine Frau einladen, als Aphrodisiakum wirkt.

Morgenpost Online: Was fasziniert Sie am Kochen? Für Maravan ist das Ernähren ja schon gar kein Ziel mehr. Er ist interessiert am Verwandeln.

Suter: Bei mir ist es tatsächlich auch das Verwandeln. Nur schon eine Zwiebel aus dem Garten holen, sie putzen, schälen, schneiden, würfeln oder hacken und andünsten, ist ein immer wieder faszinierender Verwandlungsprozess. Maravan geht da noch etwas weiter: Er verwandelt das Verwandelte immer weiter. Vielleicht ist das die Hohe Kunst.

Morgenpost Online: Ist Schreiben sozusagen molekulares Kochen mit anderen Mitteln?

Suter: Vielleicht. Wenn molekulares Kochen das Spiel mit dem Erfüllen oder Täuschen der Erwartungen ist, hat es viel mit dem Erzählen zu tun, wie ich es verstehe.

Morgenpost Online: Nun hätte es den Aufstieg der Molekularküche zum großen Ding der Restaurantszene ohne das Spesenrittertum vermutlich nie gegeben. Versuchen Sie mal jemandem wie mir, der molekulares Kochen auf der Skala überflüssiger Luxusdinge direkt hinter dem Porsche Cayenne einordnet, zu erklären, warum es diese sehr spezielle Form der Lebensmittelchemie geben muss.

Suter: Sie haben natürlich recht: Die Luxusgastronomie lebt zu einem großen Teil von der Business Class. Doch zu Ihrer Frage: Luxusdinge sind per definitionem überflüssig. Es sind die Dinge, die es nicht geben muss aber trotzdem gibt. Nicht nur, weil es Leute gibt, die sie konsumieren wollen, auch weil es solche gibt, die sie herstellen wollen. Es sind Künstler auf ihrem Gebiet, die sich und ihre Kunst immer weiter entwickeln wollen. Überflüssig aber so nötig wie sie eben ist, die Kunst.

Morgenpost Online: 750 Kolumnen, in denen Sie doch nicht gerade zimperlich mit dem Management umgehen und im Prinzip alles verhandeln, was dann zur Krise führte. Und dann bricht die Finanzwelt doch fast komplett zusammen. Haben Sie da nicht Selbstzweifel bekommen?

Suter: Nein, ich habe nie daran geglaubt, dass ich mit meinen Kolumnen die Welt verändern kann.

Morgenpost Online: Halten Sie die Finanzbrache nicht überhaupt für beratungsresistent? Im Moment scheint ja gerade die Restluft der geplatzten Seifenblase gleich die nächste aufzupumpen?

Suter: Es sieht tatsächlich so aus. Die Branche hört es nicht gerne, aber ich sage es trotzdem: Wenn sie sich nicht beraten lassen will, muss sie sich regulieren lassen.

Morgenpost Online: Was fehlt denn eigentlich? Sollte man an den Business-Schools Zwangsfächer wie Herzensbildung, Gewissen, Verantwortungsgefühl einführen?

Suter: Vielleicht liegt es am Bildungssystem. Vielleicht ist diese Entwicklung zur immer früheren, immer einseitigeren Spezialisierung das Problem. Unsere Schulen und Hochschulen bilden Fachidioten heran, und unsere Unternehmen sind so strukturiert, dass Fachidioten dort Karriere machen können.

Morgenpost Online: Die wahren Schuldigen für die Krise, die gierigen Anfangs- bis Mittedreißiger, kommen im „Koch“ ja eher nicht vor. Halten Sie diese neue Generation der Gierigen in ihrer ganzen Charakterlosigkeit und anscheinend prinzipiellen Inhaltsleere überhaupt für literarisierbar. Adam Haslett hat es in seinem gefeierten Roman „Union Atlantic“ vergeblich versucht.

Suter: Ich kenne das Buch nicht, aber literarisierbar ist diese Klasse schon, Tom Wolfe hat es in „Fegefeuer der Eitelkeiten“ eindrücklich bewiesen. Ich bin auch nicht sicher, ob Sie Recht haben, dass dies die wahren Schuldigen der Krise sind. Es war die Generation darüber, die den Gewinn zum einzigen Wirtschaftsmotiv und den Markt zum einzigen Regulator erhoben hat.

Morgenpost Online: „Der Koch“ ist auf mehreren Ebenen Ihr politischster Roman. War das von vorneherein so angelegt. Oder hat Sie während des Schreibens die Wut überkommen?

Suter: Ich wollte den Roman von Anfang an vor der Kulisse des aktuellen Geschehens spielen lassen. Ich plane und strukturiere meine Geschichten immer recht genau voraus. Das Weltgeschehen wollte ich diesmal als eine Art Zufallsgenerator einbauen, der die Möglichkeit hat, diesen Plan zu sabotieren. Das ist zwar kaum geschehen, aber immerhin ist das Ende des bewaffneten Konflikts mit dem Ende des Konflikts im Roman zusammengefallen. Ich wollte die kleine Geschichte vor dem Hintergrund der großen spielen und manchmal auch die Schatten der kleinen auf die große fallen lassen. Ich versuche immer, meine Fiktionen auf einer möglichst realistischen Basis abheben zu lassen. Der Entscheid, einen Koch zur Hauptfigur zu machen, der ein Küchengehilfe ist, stand am Anfang. In der Schweiz sind die meisten Küchengehilfen Tamilen. Und mit einem tamilischen Protagonisten konnte ich die Situation der tamilischen Diaspora und den Bürgerkrieg natürlich nicht ausklammern.

Morgenpost Online: Sie wirken immer ausgesprochen kontrolliert. Sie schreiben ausgesprochen kontrolliert. Was muss passieren, um Martin Suter auf die Palme zu bringen?

Suter: Gewalt, verbale und physische, Ungerechtigkeit, damit könnten Sie Erfolg haben. Aber was das Schreiben betrifft: Zum unkontrollierten Schreiben werden Sie mich nicht bringen.

Morgenpost Online: Und was bringt Sie anschließend wieder herunter von der Palme?

Suter: Die Übersicht, die man dort oben gewinnt.

Morgenpost Online: Nach Jahrzehnten, in denen Sie hauptsächlich im Ausland gelebt haben, in Guatemala und auf Ibiza, wollen Sie jetzt tatsächlich wieder zurück in die Schweiz ziehen. Warum denn das? Ist ja kein besonders nettes Land, wenn man Sie so liest.

Suter: Da lesen Sie mich falsch. Die Schweiz ist das einzige Land, an dem mir so viel liegt, dass ich es kritisiere. Und was das Ausland angeht: Alle Schweizer wollen weg. Und alle wollen zurück.