Liza Minnelli

"Lass die Leute reden und kauf dir einen Burger!"

Sie ist einer der letzten großen Broadway-Stars der alten Schule: Sängerin, Schauspielerin und Entertainerin Liza Minnelli. Vor ihrer Deutschlandtour sprach Morgenpost Online mit ihr über Ruhm, Weghören im rechten Moment, Arbeit und den Umstand, dass schlechte Laune sinnlos ist.

Wild und sprunghaft ist das Leben internationaler Showgrößen, unübersichtlich ihr stetig wuchernder Terminplan. Es war schon schwierig genug, überhaupt einen Tag zu finden, an dem Liza Minnelli zu sprechen ist, doch kaum war er gefunden und der Flug nach New York gebucht, hatten sich ihre Pläne schon wieder geändert. Bei der zweiten Verabredung, man war schon nach New York gereist, kam die Absage nicht einmal eine Stunde vor dem anvisierten Treffen.

Warum? Sie sei spontan nach Deutschland geflogen. Das Interview könne in Berlin stattfinden, was es denn auch tat. Doch mag ihr Zeitmanagement höchst kapriziös erscheinen, das Auftreten der 63-jährigen Show-Legende ist es nicht. "Es tut mir so leid", sagt sie und fällt einem gleich um den Hals. "Verzeihen Sie, dass ich meine Wimpern nicht trage, ich hab es heute mit den Augen."

Morgenpost Online : Frau Minnelli, viele Leute wünschen sich nichts sehnlicher, als berühmt zu sein. Sie waren es von Anfang an. Ist es wirklich so erstrebenswert?

Liza Minnelli : Ich hab es gar nicht realisiert, bis ich aus Kalifornien fortgezogen bin. In Hollywood waren ja alle irgendwie berühmt. Jedes Kind hatte berühmte Eltern. Aber dann bin ich mit sechzehn nach New York gezogen, habe meine Ausbildung gemacht, wie verrückt gearbeitet und jeden Job genommen, den ich kriegen konnte. Als ich dann nach einem halben Jahr zurück in Hollywood bin, fällt mir auf: Mein Gott, hier sind ja alle berühmt. Und ich bin hier aufgewachsen und hab es nicht einmal wertgeschätzt. Im Grunde ist Hollywood ja wie eine Industriestadt oder ein Bergarbeiterdorf, wo alle in derselben Mine schuften. Es arbeiteten eben alle beim Film.

Morgenpost Online : Sie waren berühmt, ohne es zu wissen.

Minnelli : Eigentlich war ich ja gar nicht berühmt. Ich meine, ich war wie jedes andere Kind in Hollywood.

Morgenpost Online : In New York waren Sie dann plötzlich Judy Garlands Tochter?

Minnelli: In gewisser Weise ja. Aber das Kind von berühmter Eltern zu sein hilft einem vielleicht, einen Fuß in die Tür zu bekommen, aber darüber hinaus hilft es nicht. Man muss sogar stets besser sein, weil alle immer denken, dass man nur da ist, weil deine Eltern schon vor dir da waren. Aber all diese Fragen habe ich mir nie gestellt. Ich wollte immer nur ans Theater. Ruhm an sich habe ich immer von außen betrachtet, wie etwas Abstraktes.

Morgenpost Online : Sie fühlen sich also nicht berühmt?

Minnelli : Nein, überhaupt nicht, habe ich nie. Ich meine, ich freue mich, wenn mich Leute auf der Straße begrüßen und "Hey, Liza!" sagen, aber irgendwie wundert es mich auch.

Morgenpost Online : Warum?

Minnelli : Für mich ging es um die Arbeit. Ich liebe meine Arbeit, ich liebe es, neue Dinge zu lernen und von Leuten zu lernen, die mehr können als ich. Wie etwa Charles Aznavour – einer meiner Helden. Oder Kander & Ebb, die all diese großartigen Songs für mich geschrieben haben, wie zum Beispiel "New York, New York". Ich meine, kann man sich das vorstellen? Und wie hoch der Preis für den Ruhm auch immer sein mag, wenn man so dafür belohnt wird, muss man damit umgehen.

Morgenpost Online : Was ist der Preis?

Minnelli : Dass man unter Beobachtung steht und die Leute schreiben, was sie wollen. Aber wenn du im Showbusiness arbeiten willst, musst du das akzeptieren, weil es eben so ist, wie es ist. Oder wie meine Patentante Kay Thompson immer sagte: Lass die Leute nur reden, kauf dir lieber einen Hamburger! Das war der beste Rat, den mir jemals jemand gegeben hat.

Morgenpost Online : So gehen Sie mit dem Gerede um?

Minnelli : Ich gehe gar nicht damit um. Es nicht meine Aufgabe. Meine Verantwortung liegt bei dem Geld, das die Leute ausgeben, um mich zu sehen. Meine Verantwortung ist es, für das Geld hart zu arbeiten.

Morgenpost Online : Sie haben sich also an schlechte Presse gewöhnt?

Minnelli : Natürlich hab ich mich daran gewöhnt. Ich bin 63 Jahre alt, da bin ich längst daran gewöhnt, dass die Leute sagen, was sie wollen. Und manchmal ist es meine Pflicht, ihnen nicht dabei zuzuhören.

Morgenpost Online : Fällt Ihnen das schwer?

Minnelli : Heute nicht mehr, aber als ich anfing, sehr.

Morgenpost Online : Sie lesen also etwas in der Zeitung, das Sie angeblich gesagt haben ...

Minnelli : ... und bin frustriert. Aber man darf nie vergessen, dass man eine Wahl hat. Und die Wahl besteht darin, zu entscheiden, ob das Glas halb leer oder halb voll ist. Diese Entscheidung bin ich mir schuldig. Und für mich ist das Großartige am Ruhm, dass die Leute in meine Shows kommen, um mich zu sehen. Dass ich tun kann, was ich tun will.

Morgenpost Online : Was ist Ihnen bei der Arbeit das Wichtigste?

Minnelli : Das Handwerk. Dass ich das, was ich tue, gut mache. Das hat auch eine Menge mit dem Publikum zu tun. Also lasse ich immer die Beleuchtung etwas an, damit ich die Zuschauer von der Bühne aus sehe. Damit ich merke, ob der Dialog zwischen mir und dem Publikum die richtige Entwicklung nimmt. Es ist ja ein Unterschied, wo und unter welchen Bedingungen man auftritt. Wenn ich zum Beispiel in Las Vegas vor einem Publikum singe, das gerade ganz viel Geld verloren hat, dann ist es mein Job, es wieder in Stimmung zu bringen.

Morgenpost Online: Eine besondere Herausforderung?

Minnelli : Nein. Ich konnte das schon immer. Weil ich selbst immer gut gelaunt bin. Viele Leute wollen das nicht glauben und denken, dass ich eine gequälte Seele bin, aber nein: Das bin ich nicht. Ich bin wie jeder andere auch. Ich bekomme Augenentzündungen. Ich koche Dinner, ich gehe mit den Hunden vor die Tür, ich nehme Tanzstunden. Und abends stehe ich auf der Bühne und liefere eine gute Show

Morgenpost Online : Weil das Ihr Job ist?

Minnelli : Ja, und weil ich dem Publikum vielleicht eine Minute Entspannung schenken kann.

Morgenpost Online : Bedeuten Ihnen Konzerte deshalb mehr als Filme?

Minnelli : Das hängt von der Rolle ab. Auf der Bühne kann ich in viele verschiedene Rollen schlüpfen und mit dem Publikum spielen. Beim Film hab ich nur eine. Und Sie dürfen nicht vergessen, dass ich schon 63 bin, da wird einem nicht so viel Gutes angeboten.

Morgenpost Online : Nach dem unglaublichen Erfolg mit "Cabaret" 1972 folgten für Sie im Kino eine Reihe von Flops.

Minnelli : Ja, ich erinnere mich noch daran, wie ich "Lucky Lady" zum ersten Mal sah und dabei zwischen dem "Cabaret"-Regisseur Bob Fosse und meinem Vater saß. Und plötzlich dachte ich: Mist, das ist kein guter Film. So was ärgert einen natürlich. Der war auch so komisch geschnitten.

Morgenpost Online : Auch bei "New York, New York" von Martin Scorsese gab es Probleme mit dem Schnitt.

Minnelli : Ja, Marty wollte, dass der Film viel länger ist.

Morgenpost Online : Stimmt es, dass die meisten Dialoge in dem Film improvisiert waren?

Minnelli : Nein, alles war improvisiert.

Morgenpost Online : In der ersten Szene sagen Sie immer nur "No". Und zwar minutenlang.

Minnelli : Wahrscheinlich hab ich noch andere Sachen gesagt, aber Marty war so klug, sie wieder rauszuschneiden. Sehen Sie, es ist wichtig dass man sich in die Hände eines guten Regisseurs begibt. Auf der Bühne hat man da mehr Kontrolle, weil man die unmittelbare Reaktion spürt.

Morgenpost Online : Und bei Dreharbeiten muss man immer nur warten.

Minnelli : Ja, aber ich kenne ja beides seit meiner Geburt. Meine Mutter stand auf der Bühne, mein Vater stand hinter der Kamera. Meine Choreografin, mit der ich seit 1970 zusammenarbeite, sagt immer zu mir: "Du weißt gar nicht, wie sehr du deinem Vater ähnelst. Alle diese Ideen zu Beleuchtung und Bewegung und so." Ich habe es geliebt, meinem Vater bei der Arbeit zuzusehen.

Morgenpost Online : Sie haben auch mit Ihren Eltern zusammengearbeitet. War das nicht seltsam?

Minnelli : Mit meiner Mutter war ich nur einmal zusammen auf der Bühne, ein einziges Mal. Ja, das war in der Tat seltsam, und ich war gerade erst 17 Jahre alt. Ich dachte mir: Was mache ich hier eigentlich? Warum will sie mich dabeihaben? Aber ich war gut. Das hat sie ein wenig überrascht.

Morgenpost Online : Das war die Show 1964 in London.

Minnelli : Genau. Zu Beginn der Show stand ich mit meiner Mutter auf der Bühne, gegen Ende der Show hatte sie sich in Judy Garland verwandelt, wenn Sie verstehen, was ich meine. Ich dachte: Wow, das ist interessant! Aber ich habe dadurch gelernt. Sie war ja so gut in dem, was sie tat, sie waren beide so interessant. Ich konnte mit jedem Problem zu ihnen gehen. Schon als Kind haben sie mit mir gesprochen, als hätte ich den Verstand einer Erwachsenen, und mir damit auch die Verantwortung gegeben, den Verstand zu haben.

Morgenpost Online : Können Sie ein Beispiel geben?

Minnelli : Wenn ich nicht wusste, was ich tun sollte, sagte mein Vater zu mir: Du musst tun, was du denkst. Denk nach. Und ich dachte: oh je. Damals war ich ja erst vier Jahre alt.

Morgenpost Online : Ein eher untypischer Rat für ein kleines Kind.

Minnelli : Kein typischer Rat, aber ein guter. Denk nach, denn es gibt immer etwas zu tun. Es mag nicht das sein, was du dir vorgestellt hast, aber vielleicht ist es das, was du tun musst.

Morgenpost Online : Was haben Sie gemacht, wenn das, was beim Nachdenken herauskam, sich als Fehler erwies?

Minnelli : Dann hab ich eben versucht, den Fehler in Zukunft zu vermeiden. Versucht, es besser zu machen.

Morgenpost Online : Kennen Sie Reue?

Minnelli : Nein. Weil das Zeitverschwendung ist. Und Zeit ist im Grunde das Einzige, was du hast. Jeder Tag ist ein neuer Anfang.

Morgenpost Online : Das sagt sich so leicht.

Minnelli : Ja, aber das Gute daran ist, dass es einem die Neugierde bewahrt. Und wenn du neugierig bleibst, dann hält es dich davon ab, traurig und depressiv zu werden. Weil man sich eben nicht mit sich selbst, sondern mit allen anderen Dingen beschäftigt.

Morgenpost Online : Sie sind immer gut gelaunt?

Minnelli : Und wie. Ich meine, ich bin manchmal auch wütend, aber das dauert selten lange. Schlechte Laune ist langweilig und Energieverschwendung. Es ist viel leichter, das Leben zu genießen. Und man hat ja nur eins.

Morgenpost Online : Da passt es auch, dass mit "Cabaret" und "New York, New York" zwei Ihrer bekanntesten Stücke vom Weitermachen und Durchhalten handeln.

Minnelli : Ja. Es sind positive Songs. Und egal, was die Leute auch sagen, ich verspreche Ihnen, wer mich wirklich kennt, weiß: Ich bin wirklich ein positiver Mensch.

Morgenpost Online : Aber es heißt, die kommende Tour sei Ihre Abschiedstour.

Minnelli : Was? Wer sagt denn so was?

Morgenpost Online : Eine Wochenzeitung aus der Schweiz.

Minnelli: Diese Schweizer kennen mich nicht ... Aber ich erinnere mich: Da hat mich einer gefragt, ob ich bald aufhören würde? Und ich sagte: Spinnen Sie? Und er meinte: Warum hören Sie nicht auf? Und ich darauf: Weil mir meine Arbeit Spaß macht! Lassen Sie mich in Ruhe ... Das war ein merkwürdiger Typ. Sie machen sich ja gar keine Vorstellung, mit was für Leuten man es manchmal zu tun hat. Aber wissen Sie, was man dann am besten macht?

Morgenpost Online : Verraten Sie es mir?

Minnelli : Hab ich doch eben schon: Einfach nicht zuhören.

* Liza Minnelli ist an folgenden Terminen in Deutschland live zu erleben:

12. Juni, Frankfurt am Main, Alte Oper

14. Juni, München, Philharmonie

18. Juni, Bielefeld, Stadthalle

20. Juni, Düsseldorf, Tonhalle

22. Juni, Berlin, Friedrichstadtpalast