Patricia Kaas

"Ein Auftritt ist wie ein Liebesakt"

Einst verschaffte sie sich in Bierzelten Gehör, jetzt singt sie beim Grand Prix in Moskau. Im Gespräch mit Morgenpost Online erzählt die Sängerin Patricia Kaas von ihren Anfängen in der Saarbrücker "Rumpelkammer", ihren persönlichen Heldinnen wie Coco Chanel – und verrät das Geheimnis ihrer großen Liebe.

Morgenpost Online : Was war das letzte Heldenhafte, was Sie getan haben?

Patricia Kaas : Darüber können andere urteilen, aber dass ich so etwas über mich selbst sage - so bin ich nicht. Natürlich ist das, was man aktuell macht, immer die größte Herausforderung. Für mein neues Album habe ich versucht, die Aura des Kabaretts in den frühen Dreißigern einzufangen. Darum wird es auf der Bühne ein richtiges "spectacle" geben, mit alten Aufnahmen, zeitgenössischem Tanz und Literatur. Ob ich deswegen gleich eine Heldin bin - also das entscheide nicht ich.

Morgenpost Online : Ihr neues Album "Kabaret" ist auch eine Hommage an Ihre persönlichen Heldinnen Marlene Dietrich, Greta Garbo oder Coco Chanel.

Kaas : Oh ja, Coco Chanel. Ich habe eines ihrer Interviews gesehen. Sie stand an einem Kamin mit einer Zigarette. Stolz und sehr schön. Ein Journalist fragte: "Erzählen Sie uns bitte mehr über ihre Designs." Und sie sagte einfach: "Nein, ich habe keine Lust." So etwas zu einem Journalisten zu sagen, das bewundere ich. Diese Angst vor Nichts, diese starke, eigene Haltung beeindruckt mich. Damals musste man als Frau ja fast arrogant sein, damit einem einer zuhört.

Morgenpost Online : Sie bewundern dieses Verhalten. Sind Sie selbst so?

Kaas : Komischerweise wird eine Frau, die sich so benimmt, kritisch beäugt. Und bei einem Mann sagen alle: "Der weiß, was er will." Wenn du eine Frau bist und einen Mann ansprichst, bist du gleich verschrien als ... wie sagt man ...

Morgenpost Online : ... forsch?

Kaas : Mehr noch. Eine Frau, die viele Männer hat, die ist eine ...

Morgenpost Online : Ein Flittchen?

Kaas : ... voilà. Und ein Mann ist ein Held. Ich bin keine große Feministin, doch da wird immer noch zwischen den Geschlechtern unterschieden. Ob ich diese Stärke auch in mir finden kann? In den letzten Jahren immer mehr. Nun traue ich mich, auch mal Nein zu sagen. Früher war das für mich undenkbar. Aber wenn man 22 Jahre im Rampenlicht steht, muss man stark sein.

Morgenpost Online : Coco Chanels Motto lautete: "Ich bereue nichts im Leben. Außer dem, was ich nicht getan habe." Was bereut die Sängerin Patricia Kaas?

Kaas : Ich versuche, nicht so kritisch zu sein und mich nicht wegen vergangener Dinge zu plagen. Punkt. Außerdem: Man vermisst nichts, was man nicht kennt.

Morgenpost Online : Sie haben einmal gesagt: "Ich kann kämpfen." Wann haben Sie das gelernt? Sie standen bereits als 13-Jährige regelmäßig auf der Bühne.

Kaas : Sie spielen auf die Zeit in der "Rumpelkammer" an. In dem Saarbrücker Club bin ich damals jede Woche aufgetreten. Heute denke ich: Das war eine gute Schule. Genauso wie die Bierzelte, denn die Leute kamen da ja eigentlich nur, um zu trinken. Damals habe ich gelernt, mir Gehör zu verschaffen. Trotzdem war ich bis Zwanzig noch sehr kindlich und schüchtern. Bis zum Tod meiner Mutter war ich schrecklich unselbständig.

Morgenpost Online : Haben Sie sich etwas Kindliches bewahrt?

Kaas : Meine Freunde sagen mir immer: Wenn du auf der Bühne stehst, bist du so charismatisch und stark, aber in manchen Momenten auch verspielt und kokett wie ein kleines Mädchen. Das ist jedoch keine Pose, die ich aufsetze. Ich habe eben eine verspielte, aber auch sentimentale Seite.

Morgenpost Online : Ihre Songs wirken melancholisch. Sind Sie auch privat so?

Kaas : Eigentlich nicht unbedingt, nein. Leider sind die Momente im Leben, von denen man am meisten lernt, oftmals die traurigen. Ich habe ja meine Eltern früh verloren, diese Verletzung ist schon präsent. Es ist eine Narbe. Es war damals schwer für mich, weiterzumachen. Zu sagen: Nein, ich zerbreche nicht und traue mich auch wieder zu lächeln, Glück zu empfinden. Aber vielleicht hört man meinen Liedern diese Erfahrungen auch an.

Morgenpost Online : Sind Sie sehr leidenschaftlich?

Kaas : Auf der Bühne mehr als im echten Leben. Das ist meine Stärke und zugleich meine Schwäche. Auf der Bühne traue ich mir weitaus mehr zu.

Morgenpost Online : Ist Musik dann also Ihre große Liebe?

Kaas : Auf jeden Fall die, die am längsten gehalten hat. (lacht) Der Auftritt auf der Bühne erinnert mich manchmal sogar an das Gefühl, das man beim Liebesakt hat. Und der Applaus am Schluss, diese Ekstase, das ist wie ein Höhepunkt. Zu sehen, wie die Menschen feiern, wie sie sich vergessen und verlieren, das ist schon erregend.

Morgenpost Online : Sie vertreten dieses Jahr Frankreich beim Eurovision Song Contest.

Kaas : Darauf freue ich mich sehr. Ich empfinde es als eine Ehre. Es ist aufregend, und ich habe auch ein wenig Angst, immerhin repräsentiere ich in Moskau eine ganze Nation. Und das, obwohl meine Mutter ja eine Deutsche war und mein Vater Franzose.

Morgenpost Online : Gibt es Träume, die Sie sich erfüllen wollen? Vielleicht nächstes Jahr für Deutschland ins Rennen gehen?

Kaas : Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht, merci! Nein, ernsthaft: Ich bin glücklich, ich kann mich wirklich nicht beschweren. Trotzdem gibt es da eine Stimme in mir, die immer sagt: Du musst noch weiter, das ist noch nicht gut genug. Diese Suche nach Perfektion treibt mich an.

Stellen Sie sich vor: Auf meinen Konzerten sehe ich viele Menschen, die klatschen, tanzen und lachen. Erblicke ich aber nur einen, der auf seinem Platz sitzt und gelangweilt guckt - was glauben Sie, wie ich mich für den ins Zeug lege! Den will ich kriegen. Sonst bin ich hinterher nicht zufrieden.