Jahresrückblick

Schöner abstürzen mit Thomas Gottschalk

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Antje Hildebrandt

Foto: dpa / dpa/DPA

Und noch ein Jahresrückblick: Auf Johannes B. Kerner am Freitag folgte am Sonntag Thomas Gottschalk im ZDF mit dem öffentlich-rechtlichen Kontrastprogramm zur trashigen 2009-Reminiszenz auf Sat.1. Grausam oder unterhaltsam? Morgenpost Online arbeitet die Checkliste ab.

Art des Rückblicks:

Unterricht in zeitgenössischer Geschichte mit „Wetten, dass..“-Moderator Thomas Gottschalk. Der hatte sich zur Feier des Tages einen eher schlichten Dreiteiler in gedeckten Farben (aber mit Leopardenfutter) angezogen und eine Stimme aufgesetzt, wie man sie von Nachrichten-Moderatoren kennt, die sich bemühen, Meldungen von Katastrophen betont sachlich vorzutragen, ohne jede Spur von Anteilnahme.

Hat das ausklingende Jahr das tatsächlich verdient? War 2009 eine einzige Katastrophe? Oder warum behielt Gottschalk diesen staatstragenden Tonfall über drei Stunden bei, egal, ob er die Fächer Sport, Politik, Kinder, Flugzeugabstürze, 20 Jahre Mauerfall, Amoklauf von Winnenden oder „Das neue Glück der Veronica Ferres“ durchdeklinierte?

Und wer, zum Teufel, war auf die Idee gekommen, den Jahresrückblick „Menschen 2009“ mit dem Kapitel „60 Jahre Grundgesetz“ mit einem Interview mit Karl-Heinz Schmitt zu eröffnen, jenem Herrn, der nach 42 Jahren Dienst im Bundestag als „Saaldiener der Demokratie“ in die Geschichte eingehen sollte?

Keine Frage, „Menschen 2009“ war ein Fest für die Freunde des ZDF-Historikers Dr. Guido Knopp und für Menschen, die keine Folge des "Heute-Journals" verpassen. Das öffentlich-rechtliche Kontrastprogramm zu dem trashigen Jahresrückblick, mit dem Gottschalks Vorgänger, Johannes B. Kerner, am Freitagabend die Zuschauer von Sat.1 beglückt/befremdet hatte.

Aber was war mit der Generation der Zuschauer unter 49-Jährigen? Hatte die sich nicht schon längst weg gezappt, bevor der verhinderte Lehrer Gottschalk auf seiner To-do-Liste die Punkte „Launiger Smalltalk mit dem neuen Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP)“ und „Krise“ abgehakt hatte, um sich den beiden jüngsten Gästen der Show zu widmen, dem 13-jährigen Leander Winkels und dem siebenjährigen Igor Falecki?

Winkels hat einen Fantasy-Roman geschrieben, um sich die Langeweile auf einem Kreuzfahrtschiff zu vertreiben. Falecki machte schon mit vier Jahren Karriere im Internet. Sein Vater stellte ein Video auf das Portal Youtube. Es zeigt, wie Igor mit nicht nachlassender Begeisterung auf sein Schlagzeug eindrischt. Mit über elf Millionen Klicks gehört es zu den meistgesehenen Clips im Netz.

Der Promi-Faktor:

Guido Westerwelle, Hans-Dietrich Genscher, Veronica Ferres, La Toya Jackson, Susan Boyle, Britta Steffen, Usain Bolt, live zugeschaltet aus Jamaika: Bei der Auswahl der Gäste hatte das ZDF nicht gekleckert, sondern geklotzt.

Dabei, das zeigte dieser Jahresrückblick, gab es interessantere Gäste als die Prominenten der Kategorie A: Zum Beispiel Heidi Hetzer, 72, aus Berlin und Thomas Brauße aus Frankfurt. Beide liehen der Krise ihr Gesicht. Hetzer als engagierte Opel-Händlerin und Brauße als Stehaufmann. Mitten in der Krise verlor er seinen Job als Banker. Doch der Familienvater gab nicht auf. Er eröffnete eine Würstchenbude im Bankenviertel. Heute versorgt er seine ehemaligen Kollegen mit „Dax-Wurst“ und „Dow-Jones-Wurst“.

Solche Gäste verrieten mehr über die Betriebstemperatur des ausklingenden Jahres, als die Dauergäste in den bunten Blättern. Die mussten in erster Linie als Quotenzugpferde herhalten. Neues entlockte ihnen Thomas Gottschalk jedoch nicht.

La Toya Jackson, die Schwester des toten "King of Pop", durfte noch einmal die Verschwörungstheorien aufwärmen, die sich um den Tod ihres Bruders Michael ranken. Sie behauptete, ihr Bruder habe sein Ende kommen sehen: „La Toya, ich habe Angst, die bringen mich um.“

Guido Westerwelle, der neue Bundesaußenminister, versicherte pflichtschuldig: „Ich spreche eigentlich ganz ordentlich Englisch.“ Absolution erteilte ihm niemand geringeres als Hans-Dietrich Genscher. Wie nicht anders zu erwarten, hält er seinen Nachfolger für kompetent: „Der kann es wirklich.“

Britta Steffen, die Doppel-Gold bei der Schwimm-WM in Rom holte, verriet, dass sie sage und schreibe 20 Minuten brauche, um das erste Mal in ihren sagenumwobenen Gummianzug zu schlüpfen: „Es ist wie mit einer Thrombose-Strumpfhose.“

Die naheliegende Frage, ob ihr nur dieses umstrittene High-Tech-Modell zu neuen Bestzeiten verholfen habe, stellte Gottschalk sicherheitshalber nicht. Man muss es so kurz vor Jahresende mit dem Journalismus auch nicht übertreiben.

Frisur des Moderators:

Ein Kritiker hatte vor der Sendung die Befürchtung geäußert, schon allein Gottschalks Locken könnten einer seriösen Präsentation des „Best of 2009“ im Wege stehen. Der Mann sei eben Entertainer, kein Journalist.

Derlei Bedenken waren unbegründet. Auftraggeber dieses Jahresrückblicks war schließlich das ZDF, nicht Sat.1. Das allein bürgt für eine gewisse Qualität. Gottschalk hat also nicht nur eine professionelle Nachrichtenredaktion im Rücken, die ihm fleißig Fragen auf Kärtchen schrieb.

Er kann auch auf den sagenumwobenen Schatz des ZDF-Historikers Guido Knopp, zurückgreifen: auf ein kilometerdickes Verzeichnis mit den Adressen von Zeitzeugen. Ein unschlagbarer Vorteil, wie das Kapitel „20 Jahre Mauerfall“ zeigte: Derselbe Mann, der am 9. November 1989 ergriffen beim Anblick der geöffneten Mauer geschluchzt hatte, durfte das noch einmal beim ZDF-Jahresrückblick tun.

Der Taschentuchverschleiß:

Bewegte sich sonst gegen Null. Und das war gut so. Bei dem heikelsten Thema, dem Amoklauf von Winnenden, bewies die Redaktion journalistisches Fingerspitzengefühl. Im Gegensatz zu Sat.1 hatte es Hinterbliebene der Opfer des Amokläufers Tim K. nicht als Trauerkloß-Platzhalter eingeladen.

Reporter hatten die Eltern einer Schülerin und einer Referendarin stattdessen vorher zu Hause besucht und am Grab ihrer Kinder gefilmt. So kam Gottschalk gar nicht erst in die Verlegenheit, das Thema Trauer beim Jahresrückblick thematisieren zu müssen. Er konnte sich stattdessen auf ihr Engagement in der Initiative „Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden“ fokussieren, das sich darum bemüht, weiteren Anschlägen an Schulen durch Aufklärungsarbeit vorzubeugen.

Unterhaltungswert:

Der Spagat zwischen Entertainment und Information gelang dem ZDF nur bedingt. Weniger Talk, mehr und vor allem originellere Satire- und Showeinlagen hätten dem Jahresrückblick gut getan. Oder reichte das Geld nur noch für die Sängerinnen Emiliana Torrini und Susan Boyle, das ehemals hässliche Entlein der englischen Castingshow „Britain’s got Talent“, weil Gottschalk den Etat schon einen Tag zuvor für „Wetten, dass.?“ verbraten hatte?

Als Trostpflaster gab es immerhin ein kleines Sahnestück. Nämlich den satirischen Rückblick auf das Superwahljahr von der Frontal-21-Redaktion. Toll!

Erkenntnisgewinn:

2009 war eigentlich wie immer: Ein bisschen Krise, ein bisschen Euphorie, ein bisschen Glück im Unglück. Haben wir noch etwas vergessen? Ach ja, richtig, Carsten Maschmeyer, der neue Lebensgefährte von Veronica Ferres, hat sich seinen Schnauzer abrasiert. Gut, dieses Event ist nicht vergleichbar mit „20 Jahren Mauerfall“. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Was bieten die Jahresrückblicke der anderen Sender? Lesen Sie bei Morgenpost Online ONLINE am 13. Dezember, eine TV-Kritik zum Rückblick von RTL mit Günther Jauch.