Kino-Projekte

Fast hätte Gaddafis Geld Mickey Rourke finanziert

Al-Saadi Gaddafi hat Hollywood-Filme koproduziert. Den Studiobossen war allerdings schon immer egal, woher ihr Geld kommt.

Hollywood hat ein Faible für Familien mit vielen Kindern. Charlie Chan, der berühmte Leinwanddetektiv, besaß sieben Söhne und eine Tochter. Zwecks Vereinfachung nannte Charlie sie nie beim Namen, sondern nach der Reihenfolge ihrer Ankunft: „Sohn Nummer drei haben guten Kopf. Frage war nur immer: Was darin enthalten?“

Auch Muammar al-Gaddafi hat sieben Söhne (Khamas, der siebte, soll am Montag ums Leben gekommen sein) und eine Tochter. Sohn Nummer drei, Al-Saadi, war lange als Fußballspieler in libyschen und italienischen Mannschaften aktiv, meist im offensiven Mittelfeld. Mit Mitte dreißig begann er sich, wie jeder Fußballer, nach neuen Betätigungsfeldern umzusehen.

Bei einer Party an einem Strand auf Mauritius traf er Matthew Beckerman, einen Filmproduzenten auf der Suche nach Investoren. Im Januar 2010 erstaunte Beckerman die Filmwelt mit einer neuen Produktionsfirma namens Natural Selection – genauer, mit seinem Geschäftspartner Al-Saadi al-Gaddafi, der mehr als die Hälfte des Startkapitals von hundert Millionen Dollar einbrachte. „Als Filmfan bin ich sehr aufgeregt, in einer Industrie arbeiten zu können, die ich schon lange in meinem Herz trage“, sprach Saadi und bekannte, die Serie „Lost“ dreißig Mal gesehen zu haben.

Natural Selection verlor keine Zeit. Als erstes ging „Isolation“ in Produktion, ein Thriller mit der Susan Sarandon-Tochter Eva Amurri. Weder Vater noch Sohn Nummer drei ließen sich am Set sehen und waren doch präsent: Ein leerer Regiestuhl mit dem Namen Qaddafi stand stets neben dem Stuhl des richtigen Regisseurs – eine beliebte Geste gegenüber Geldbringern; beim „Parfum“ stellte Bernd Eichinger neben den Tom Tykwer- einen Gigi Oeri-Stuhl, denn die Erbin des Hoffmann-La Roche-Imperiums hatte zehn Millionen investiert.

"Wir lehnen kein Geld ab"

Das nächste Gaddafi-Geld floss in „The Experiment“, das amerikanische Remake des deutschen Films mit Adrien Brody in der Moritz-Bleibtreu-Rolle, und der Drehbeginn von „The Ice Man: Confessions of a Mafia Contract Killer“ mit Mickey Rourke in der Titelrolle ist fürs Frühjahr vorgesehen.

Fragen nach der Herkunft des „Natural Selection“-Gelds wurden schon vor Beginn des libyschen Bürgerkriegs gestellt, von „Isolation“-Produzent Danny Thomas aber mit einem zeitlos wahren Satz abgebürstet: „Wir in Hollywood lehnen kein Geld ab, das uns angeboten wird.“ Das war schon immer so, und die Ironie, dass Gaddafis Geld ausgerechnet einen Mafia-Film finanziert, hätte kein Drehbuchautor besser erfinden können.

Es begann mit Mafia-Dollars

Es waren Mafia-Dollars, mit denen Joseph Kennedy, John F's Vater, Anfang der Zwanziger versuchte, in der Filmstadt Fuß zu fassen. Kennedy hatte ein Geschäftsmodell – Kino als vertikal integrierte Industrie, alles in einer Hand von der Produktion über den Verleih bis zur Vorführung –, aber nicht das Geld dafür, da die Banken dem windigen Filmgeschäft misstrauten. So lieh sich Kennedy Geld von Al Capone und kaufte das FBO-Studio, das Groschenwestern herstellte. Er freundete sich mit dem Zeitungszaren William Randolph Hearst und dem Filmzensor Will Hays an, ließ von Capones Männern Alkohol – in den USA herrschte Prohibition – nach Hollywood schmuggeln und begann eine Affäre mit dem größten Star seiner Zeit, mit Gloria Swanson.

Kennedy öffnete dem Gangstertum den Weg nach Hollywood, aber die Nähe war sowieso vorhanden. Al Capone, das „Narbengesicht“, besorgte sich im Vornherein das Drehbuch zu dem ersten großen Gangsterfilm „Scarface“, Regisseur Howard Hawks empfing wohlbekannte Mafiosi im Nadelstreifeanzug am Set, und auf einer Party für Hawks überreichte Capone dem Regisseur ein kleines Maschinengewehr als Souvenir.

Die Rolle von Scarfaces Vollstrecker besetzte Hawks mit dem Schauspieler George Raft, der sich ein paar Jahre vorher noch in den Kreisen der Gangster Lucky Luciano, Meyer Lansky und Bugsy Siegel – der beherrschte später die Statistengewerkschaft in Hollywood – bewegt hatte. Im Film wirft Raft ständig eine Münze in die Luft – ein Manierismus, den echte Gangster adaptierten.

Als ein Jahr nach „Scarface“ die Studios ihren Technikern eine fünfzigprozentige Lohnkürzung diktierten und diese in Streik traten, bewährten sich die Verbindungen. Aus der Gangsterhauptstadt Chicago brachte ein Mann namens Johnny Rosselli seine Strolche mit, welche die Streikenden zusammenschlugen. Rosselli sorgte dafür, dass keiner mehr streikte, wurde zum Lieblingsbuchmacher der Stars und kaufte eines Tages zwei identische Rubine und ließ sie in zwei Ringe passen. Einen behielt er, den anderen verehrte er dem Filmmogul Harry Cohn, Gründer von Columbia, der ihn auch jahrelang stolz trug. In der Mafia können nur Italiener Blutsbrüder werden, aber dies kam einer Aufnahme in die Bruderschaft sehr nahe.

Kino braucht Risikokapital

Seitdem hat der Fluss von Geld aus dunklen Kanälen ins Filmgeschäft nie aufgehört, denn die Partner passen zueinander. Kino braucht Risikokapital, viel und schnell, und die Geldwäscher brauchen ein Projekt, das legale Profite verspricht, blütenweiß und schnell.

Beim Dreh von „Ocean’s Eleven“ nahm Peter Lawford Sammy Davis jr. beiseite und öffnete in der Garderobe einen Lederkoffer. Darin: eine Million Dollar in bar, die letztlich wohl als Spende in John F. Kennedys Wahlkampf landeten. Oder die Million, die aus der Rentenkasse der Lkw-Fahrer-Gewerkschaft verschwand, und, über Umwege, zum Gründungskapital der Firma Lorimar wurde, die dann „Dallas“, „Die Waltons“ und „Ein Offizier und ein Gentleman“ mit Richard Gere produzierte.

22.000 Dollar für "Deep Throat"

Der nächste Gere-Film sollte „Cotton Club“ heißen, „eine Art ,Pate’ mit Musik“, wie ihn Produzent Robert Evans Finanziers schmackhaft zu machen versuchte. Ölmogule aus Texas und Waffenhändler aus Arabien beschwatzte er, aber erst der Showpromoter Roy Radin versprach „Geld aus Puerto Rico“ – und wurde ermordet. Ein Casino-Besitzer aus Las Vegas sprang mit zwanzig Millionen ein und schickte den Gangster Joey Cosumano als Aufpasser, als Regisseur Francis Ford Coppola das Budget überschritt. Der tat etwas Kluges: Er ließ einen Regiestuhl mit dem Namen „Joey“ beschriften und stellte ihn neben seinen. Von da an schütze ihn der Gangster vor seinen Auftraggebern.

Die beste Filminvestition aller Zeiten tätigte wohl Butchie Peraine, dessen Vater und Onkel Mitglieder der New Yorker Columbo-Gangsterfamilie waren. Er finanzierte mit 22.000 Dollar „Deep Throat“, der am Ende 600 Millionen Dollar eingespielt hatte. Das reicht fast an die Einnahmen aus dem Ölgeschäft heran.

Auf die, zumindest die Gaddafi-Millionen, wird Hollywood wohl verzichten müssen. Die Filmstadt hat urplötzlich entdeckt, aus welch zweifelhaften Quellen sie sich da bedient. Matthew Beckerman ist nun persona non grata. Und aus dem Vorspann von „Live at Preservation Hall: Louisiana Fairytale“, einer anderen seiner Produktionen, ist sein Name mysteriöserweise verschwunden.