Kunst

Anselm Kiefers Sonnenblumen erinnern an van Gogh

Die Niederlande haben einem Deutschen ihr Allerheiligstes geöffnet: Im Rijksmuseum durfte Anselm Kiefer auf Rembrandts "Nachtwache" reagieren.

Foto: pa/dpa/akg

„What’s going on there?“, ruft eine Touristin im Amsterdamer Rijksmuseum ein wenig ungehalten. Der Weg zu Rembrandts „Nachtwache“ ist am Freitag teilweise versperrt, eine lange Schlange steht vor dem Saal. Der Grund dafür ist die Anwesenheit eines deutschen Künstlers, der von Kamerateams und Reportern umlagert wird: Anselm Kiefer (66).

Das Gedränge ist so groß, dass die Journalisten leicht gereizt sind. „Schubsen Sie mich nicht!“, weist ein Herr eine Dame zurecht. „Aber, aber“, beschwichtigt Kiefer und spricht den beiden begütigend zu.

Der öffentlichkeitsscheue Künstler, bekannt für seine unheilsschwangeren, düsteren Werke, die oft auf Deutschlands Nazi-Vergangenheit Bezug nehmen, wirkt überraschend locker in diesem Gewühl. Geduldig und durchaus humorvoll kommentiert er die Installation, mit der er auf eine Bitte des Rijksmuseums hin auf Rembrandts „Nachtwache“ antwortet.

Nationalheiligtum der Niederlande

Die riesige „Nachtwache“ ist so etwas wie das Nationalheiligtum der Niederlande. Die Architektur des kathedralenartigen Rijksmuseums von 1885 war ursprünglich ganz auf dieses Bild zugeschnitten: Dort wo man in einer Kirche den Altar erwarten würde, hing das Hauptwerk des Rembrandt van Rijn (1606-1669), des „größten Künstlers aller Zeiten“, wie der Berliner Museumsdirektor Wilhelm von Bode ihn nannte.

All dies hat allerdings dazu geführt, dass die meisten Niederländer mit dem Bild so vertraut sind, dass es ihnen nichts mehr sagt. Kiefer soll ihnen einen neuen Blick auf das Gemälde eröffnen.

Dargestellt sind die piekfeinen Mitglieder einer Schützengilde, einer Art Rotary-Club des 17. Jahrhunderts. Jeder, der aufs Bild wollte, musste dafür zahlen. Aber anders als üblich reihte Rembrandt seine Kunden nicht so auf wie die Gäste einer Erstkommunion, sondern stellte sie als dynamische Gruppe dar. Eine Horde von Musketieren, die gerade in den Krieg zieht.

Dass den Herren das nicht gefiel, ist eine Legende: Die Amsterdamer wussten Avantgardekunst schon damals zu schätzen.

Nach unten hängende Sonnenblumen

Dem Gemälde gegenüber steht nun eine Vitrine mit Kiefers Auftragsarbeit. Sie besteht aus kopfüber nach unten hängenden, vertrockneten Sonnenblumen und einem völlig verbogenen Provence-Stuhl über einem ausgetrockneten Lehmboden. Das alles erinnert eher an Vincent van Gogh (1853-1890), zumal Kiefer auch den Titel „La berceuse“ von einem Werk des Post-Impressionisten übernommen hat.

In den Niederlanden war deshalb schon gewitzelt worden, der Deutsche habe wohl das Rijksmuseum mit dem gegenüberliegenden Van-Gogh-Museum verwechselt. Auch Boris de Munnick vom Rijksmuseum gibt zu, dass man sich doch erst etwas gewundert habe. „Aber als wir es dann gesehen haben, waren wir begeistert.

Und natürlich haben wir von Anfang an nicht erwartet, dass er da jetzt 19 Köpfe mit Federhüten malt – das wäre einfach nicht Kiefer!“

Große Pläne enden in Enttäuschungen

Es ist auf jeden Fall etwas Besonderes, Rembrandts marschierende, trommelnde, Gewehre ladende Musketiere durch Kiefers Sonnenblumenstängel zu betrachten, was man tun kann, wenn man sich hinter die Vitrine stellt. Kiefer gibt offen zu, dass er sich eher von van Gogh hat inspirieren lassen.

Den Bezug zu Rembrandt sieht er vor allem darin, dass dieser ebenso wie der unglückliche „Ohrabschneider“ hochfliegende Pläne hatte, die dann in einer Serie von Enttäuschungen endeten. Das Thema der Installation lautet dementsprechend: „Die Utopie scheint zu Bruch gegangen zu sein.“