Ausstellung

So prächtig waren die Feste am Hofe Friedrich II.

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Gabriela Walde

Foto: Christian Kielmann

Die neu arrangierte Dauerausstellung im Schloss Charlottenburg zeigt preußische Kroninsignien und die Schätze aus der Silberkammer der Hohenzollern.

Diese glanzvolle Ausstellung übt Kulturkritik, ohne es zu wollen. Nach dem Besuch der neu arrangierten Präsentation „Kronschatz und Silberkammer“ mit dem aufs feinste verzierten und opulent bemalten Servicen aus Silber, Gold und Porzellan im Schloss Charlottenburg möchte man urplötzlich keinen schlappen Coffee-to-go mehr aus schnöden Pappbechern schlürfen. Und auch die Currywust ohne Darm von Konnopke verdammen wir fortan bis in alle Ewigkeit. Wer die königlichen Hallen betritt, bekommt eine wirklich exquisite Lektion in Sachen Kulturgeschichte des Tafelns. Nach Abschluss der Präsentation ist man – zumindest kurzzeitig – geneigt, an den Untergang des Abendlandes zu glauben bei all den urbanen Imbiss-Schnell-ess-und-fress-Aktionen, die einen im hektischen Großstadtleben so täglich umspülen. Doch wer hat heute schon noch Zeit für neun fürstliche Gänge?

Auch die preußischen Kroninsignien werden gezeigt

Der Besucher muss sich nur einmal die in einer Vitrine kredenzte Menükarte der königlichen Mittagstafel vom 24. Mai 1913 auf der Zunge zergehen lassen: Schildkrötensuppe, Ostender Steinbutten, Poularde auf Italienische Art, Englischer Hummersalat, Schinkenauflauf mit frischen Morcheln, kalter Rehrücken Salat, Artischockenböden mit Mark, Holländische Bombe. Spätestens bei den Käsestangen und der abschließenden Nachspeise müssen wir passen. Beim zum Menü bereitgestellten Besteck verliert man leicht den kulinarischen Überblick bei all den Fisch-, Obst-, Dessert-, Käse- und Buttermessern. Das schlichte, schnörkellose Silberservice ist das modernste der Ausstellung – es wurde fertig, kurz bevor der Erste Weltkrieg ausbrach.

In neun Räumen sind ab morgen auf 300 Quadratmetern, doppelt so viel Platz wie zuvor, rund 600 Exponate in der neuen Dauerausstellung im Schloss ausgestellt. Gezeigt werden nicht nur die umfangreichen Preziosen aus der Silberkammer vom Barock bis zum Ende der Monarchie 1914, sondern auch die preußischen Kroninsignien wie Zepter und Krone, die in einem Gold ausstaffierten Raum von alter Würde künden. Die Porzellankammern der preußischen Schlösser dienten als Teil des „Staatsschatzes“ der Repräsentation zur Bekräftigung des Machtanspruchs. An den Servicen selbst ist über die Jahrhunderte eine Stilentwicklung ablesbar – vom Ornamentalen zum klassisch orientieren Ideal.

Beim Kulinarischen war es bei Hofe nicht anders wie heute: Was und wie der Kurfürst oder König speiste, gab Aufschluss über seine kulturelle, gesellschaftliche und ökonomische Situation. Kurios: Wenn Friedrich II. Krieg führte, ließ er kurzerhand sein Silber einschmelzen für die Kriegskasse. Den prächtigen Gold-Servicen erging es ebenso. „Es war aber so, dass Friedrich II. nach Beendigung des Krieges sofort wieder den Auftrag für eine Neuanfertigung gab“, erklärt die Porzellan-Expertin und Kustodin Michaela Völkel. Seine illustren Runden inspirierten Adolph Menzel zum stimmungsvollen Gemälde „Tafelrunde König Friedrich II. in Sanssouci“. Er war ein Freund kleiner Gruppen. „12 bis 17 Leute, das gefiel ihm“, so Michaela Völckel.

Florale Motive überwiegen

Viele Teile der Service erzählen ihre eigene Geschichte wie beispielsweise die opulent-geschwungenen Wärmeglocken mit den koketten Efeuranken. Das sind silberne oder versilberte halbrunde oder glockenförmige Objekte, die zum Warmhalten von Speisen über Teller und Platten gestülpt werden. Ihre Nutzung, die ins 18. Jahrhundert zurückgeht, hat einen ganz simplen Grund. Die Küchen lagen in den Schlössern sehr weit von den Wohn- und Essräumen entfernt. Jeder Ofen bedeutete Brandgefahr. Außerdem hatte die Herrschaft wahrlich keine Lust, den weißen Puder aus den Haaren ihrer Diener quasi als Puderzuckerdekoration auf der Kalbsniere serviert zu bekommen.

Friedrich II. war ehrgeizig und fantasievoll genug, eigene Ideen und Entwürfe in Meißen in Auftrag zu geben. Form, Reliefdekor und Farbgebung, alles hat er selbst durchdacht. Freilich, nach heutigem Geschmack schrammen einige Kreationen am Rande zum Kitsch, betrachten wir die pompöse Tiger-Terrine mit den Tatzen als Fuß und den zwei Tierköpfen als Henkel. Einige gemalte Tiere sind heute längst nicht mehr zu identifizieren, weil sie ausgestorben sind. Oder kennt jemand eine Tierart, die aussieht wie ein Hase mit Geweih und auffällig langem Puschelschwanz?

Für sein Stadtschloss in Potsdam und sein Residenzschloss in Breslau ließ Friedrich II. sich gleich mehrere eigene Service anfertigen. Hier überwiegen florale Motive. Typ Kurland mit all den Feldblumen war sehr beliebt, das wurde mehrfach bestellt, auch für Prinz Heinrich. Der Alte Fritz ging soweit, dass die Teller und Schüsseln farblich den Interieurs angepasst wurden. Wobei er ein Faible für „bleu mourant“ hatte, ein spezielles Hellblau, das auch in der Seidenmalerei genutzt wurde. 1782 bestellte er ein Tafelgeschirr in genau diesem Farbton – für KPM wurde das eine der größten farbtechnischen Herausforderungen, weil die Mischung der Farbe langwierig und ebenso kostspielig war.

Mit kreativen Arbeit lenkte sich Friedrich II von Kriegssorge

„Friedrich II. war ambitioniert, wenn es um persönliche Anweisungen für sein Geschirr ging. In der Forschung wird gemutmaßt, dass er sich mit dieser kreativen Arbeit von seinen Kriegssorgen ablenken wollte. Und das ist durchaus nachvollziehbar“, so Michaela Völkel. Angeblich zeichnete der sogar inmitten der Kriegswirren an ausgetüftelten Blumendekors.

Ablenkung, Repräsentation und der Entwurf eines Selbstbildes, alles dies spiegelt sich in den einzelnen Gedecken, die teilweise mehr als 200 Teile umfassten. In seinem Service mit dem Namen „preußisch-musikalisches Dessin“ sind Symbole wie jene Pfeile untergebracht, die auf die Kriegskunst, oder die schönen Künste und die Wissenschaft anspielen. Der König wusste: Auch weißes Gold ist ein Instrument der Weltenherrschaft.

Zu den großen Festtafeln gehörten oft mehr als 200 Teile. Feinste Figuren aus Silber dienten dabei als dekorative Tischaufsätze Christian Kielmann (3)