80. Geburtstag

Armin Mueller-Stahl denkt nicht ans Aufhören

Der Schauspieler Armin Mueller-Stahl feiert seinen 80. Geburtstag. Im Interview mit Morgenpost Online spricht er über Hollywood, das Alter und seine Zukunftspläne.

Es gibt wenige deutsche Schauspieler, die den Sprung nach Amerika geschafft haben. Und sowohl drüben als auch bei uns Erfolge feiern. Armin Mueller-Stahl ist eines dieser raren Exemplare. 80 Jahre alt wird er heute. Im neuen, dem neunten Lebensjahrzehnt, möchte er etwas kürzer treten. Und nicht nur als Schauspieler in Erscheinung treten. Peter Beddies hat mit ihm gesprochen.

Morgenpost Online : Herr Mueller-Stahl, machen Sie es nun wahr: Machen Sie wirklich, wie Sie das angekündigt haben, mit 80 Schluss mit der Schauspielerei?

Armin Mueller-Stahl: Aber nein! Ich setze mich doch nicht selbst in ein derartiges Gefängnis. Ich habe immer davon gesprochen, dass ich die Sache irgendwann um den 80. Geburtstag herum – aber das kann sich auch bis 85 hinziehen – langsam auslaufen lasse. Da bin ich offenbar schwerst missverstanden worden.

Morgenpost Online :Stimmt es, dass Sie ein Angebot hatten, mit Tom Hanks nach „Illuminati“ noch einen Film zu machen?

Armin Mueller-Stahl: Angebot ist zuviel gesagt. Ich habe in Hollywood einige Typen getroffen, mit denen ich mich herrlich verstand. George Clooney etwa. Wenn jemand überzeugt ist, dass er zu Recht 30 Millionen pro Film bekommt, dann stimmt was nicht. Aber mit solchen Leuten habe ich mich nie umgeben. Tom Hanks ist auch ein sehr sympathischer Typ. Beim ersten Treffen zu „Illuminati“ hat er mich herzlich umarmt.

Morgenpost Online :Und das gemeinsame Projekt?

Armin Mueller-Stahl: Am letzten Drehtag von „Illuminati“ wollte er mir das Versprechen abringen, dass wir noch einen Film miteinander machen. Aber das konnte ich ihm nicht geben.

Morgenpost Online :Wie leicht oder schwer ist es Ihnen damals gefallen, in Amerika heimisch zu werden?

Armin Mueller-Stahl: Leicht und schwer zur selben Zeit. Ich hatte gleich das Angebot, unter Costa Gavras „Music Box“ zu drehen. Aber man wollte mir keine Arbeitserlaubnis geben. Also hat Costa Gavras den Produzenten Irwin Winkler losgeschickt, um nachzufragen. Und der kam mit der Antwort zurück: „Der Mueller-Stahl war doch in der DDR-Opposition. Das hat die Behörden misstrauisch gemacht. Man weiß nicht recht, ob aus ihm ein ordentlich Bürger wird.“

Morgenpost Online :Und wann gaben die Behörden klein bei?

Armin Mueller-Stahl: Das war recht lustig. Meine ganze Familie hatte schon die Green Card. Nur ich noch nicht. Am Vorabend der Oscar-Verleihung, als nicht klar war, ob ich vielleicht auf die Bühne muss, haben sie mir die Green Card dann gegeben. Die Angst war wohl doch zu groß, dass ich auf der Bühne von dem Vorgang erzähle.

Morgenpost Online : Staunen Sie manchmal selber, welchen Weg Sie genommen haben?

Armin Mueller-Stahl: Staunen ist sogar noch ein zu kleines Wort. Ich gebe Ihnen drei Beispiele: In meiner Kindheit war Hunger ein ständiger Begleiter. In den letzten Tagen des Krieges hieß meine Einheit Panzervernichtungstrupp. Und in der DDR bekam ich den Hinweis: „Sieh nur zu, dass Du nicht endest wie in deinem Film ‚Die Flucht'.“ Da werde ich erschlagen. Und das waren nur drei kleine Dinge unter vielen anderen. Wenn ich heute zurückblicke, dann ist das schon ein kleines Wunder, dass es mich so lange gab und noch gibt.

Morgenpost Online: Ihr Gastspiel in der Bundesrepublik war damals eher kurz. Ihr einziger Flop?

Armin Mueller-Stahl: So denke ich nicht. Es war eher so, dass eine gewisse Empörung herrschte. Da kam einer aus dem Osten und war nicht bereit, sich hinten anzustellen. Der wollte gleich an die Spitze. Und was machte er da? Lehnte den „Alten“ ab und den Chefarzt in der „Schwarzwaldklinik“. Das haben viele nicht verstanden. Aber ich wollte nur frei sein. Nach den Jahren in der DDR war das der einzige Wunsch, den ich hatte. In Amerika ist er mir erfüllt worden.

Morgenpost Online : Haben Sie es je bereut, im „Unsichtbaren Visier“ – einer beliebten Agentenserie des DDR-Fernsehens – mitgespielt zu haben?

Armin Mueller-Stahl: Ja, das habe ich. Aber nicht so, wie Sie das vielleicht denken. Ich war eingeladen zu den Feierlichkeiten anlässlich des 25. Geburtstags der Staatssicherheit. Da bin ich hin, weil ich neugierig war. Da standen die Generäle alle aufgereiht. Markus Wolf an erster Stelle. Schicker Mann, tolle Uniform. Dann Erich Mielke. Der kannte mich von der Serie, zog mich an seine ordenbesetzte Brust und wollte mich küssen. Ich weiß noch, dass ich irgendwas von „Mein Bart fusselt“ gerufen habe.

Morgenpost Online : Mielke küsste niemand gern. Aber ich meine eher die Mitarbeit an der Serie. Macht sich vielleicht nicht so gut im Rückblick?

Armin Mueller-Stahl: Wieso? Ich erzähle Ihnen etwas. Vor einiger Zeit bekam ich einen Preis in Leipzig. Geraldine Chaplin ist da und hält die Laudatio. Sagt sie doch, sie würde mich vom „Unsichtbaren Visier“ kennen. Hat sie auf Kuba gesehen. Das soll dort ein Straßenfeger gewesen sein. Und wissen Sie warum? Weil die Menschen das so gesehen haben, wie ich es angelegt hatte. Ich wollte diese Rolle spielen. Aber ich habe da keine Stasifigur gespielt. Ich habe daraus eine Art James Bond gemacht. Der wurde weltweit verstanden. Für so eine Rolle muss man sich auch heute nicht schämen.

Morgenpost Online : Sie machen einen sehr vitalen Eindruck. Wie erleben Sie das Altwerden?

Armin Mueller-Stahl: Was für eine Frage. Ich kann ja nichts dagegen tun. Man darf nur keine Angst davor haben. Und man sollte Gesprächen über kleine Zipperlein aus dem Wege gehen. Für viele ist ja das Alter das Schlimmste. Aber es gibt auch einige, die es lieben. Endlich keine Feinde mehr. Keine Pflichten. Aber, wie man's auch dreht und wendet: Wenn es Sie hat, dann hat es Sie!

Morgenpost Online : Wie schwer fällt es, das kreative Feuer immer noch in sich zu spüren?

Armin Mueller-Stahl: Das suche ich manchmal schon, das kreative Brennen. Aber was ich festgestellt habe, bei der Frage, was ich auf diesem Planeten eigentlich mache: Ich will, unabhängig vom Erfolg, kreativ tätig sein. Ob als Schauspieler oder als Maler. Dieses kreative Tätigsein gibt mir eine Zufriedenheit, die ich anders nie erreichen könnte.

Morgenpost Online : Was passiert beim Malen, was Schauspiel nicht leisten kann?

Ich kann versuchen, das zu erklären. Wenn ich male, organisiere ich einen Zufall und bin dann selbst überrascht, was ich getan habe. Da ist ein Farbpunkt und noch einer und noch einer. Dann wird daraus etwas, das Ganze geht sehr schnell. Im Gegensatz zur Schauspielerei, die aus so viel Warterei besteht. Ja, da entsteht plötzlich etwas und das spricht dann zu mir. Besser kann ich's nicht beschreiben.

Morgenpost Online : Hat man nach all den Jahren als Schauspieler das Gefühl, etwas bewegt zu haben?

Armin Mueller-Stahl: Normalerweise würde ich sagen, dass meine Aufgabe in der Kunst darin besteht, Brücken zu bauen und aufzuklären. Aber auf der anderen Seite weiß ich auch, dass man mit Film die Welt nicht verändern kann. Es sind Tropfen auf einem heißen Stein. Obwohl, halt, das stimmt nicht ganz. Peter Ustinov hat mal gesagt: „Es ist wie ein Tropfen in einem Meer. Da geht er nicht verloren.“ Damit hat er Recht.