Kino

Mueller-Stahl wird ein "Buddenbrook"

Vier Generationen in 140 Minuten: Heinrich Breloers Verfilmung der "Buddenbrooks" wird ein Kinoereignis der besonderen Art. Die erste Klappe ist bereits gefallen. Stars wie Armin Mueller-Stahl, Iris Berben und Jessica Schwarz sind mit von der Partie.

Foto: pa/dpa

Ihre Augen leuchten, ihre Finger fummeln in den Innereien. Heinrich Breloer und Götz Weidner sind wie kleine Kinder, die mit ihrer Puppenstube spielen. Nur ist ihr Spielzeug das Modell des Buddenbrook-Hauses, das sie in einem Kölner Studio nachbauen.

Der erfolgsverwöhnte Regisseur und sein Ausstatter drehen „Buddenbrooks“. Die inzwischen vierte deutsche Adaption des Romans. Ein gewaltiges Projekt, dessen Budget von 15 Millionen Euro locker drei durchschnittliche deutsche Filme finanzieren würde. An diesem Dienstag fiel die erste Klappe. Davor aber lud Breloer in das Rathaus von Lübeck – wohin sonst? –, um sein Konzept vorzustellen.

Das letzte Mal wurde in Danzig gedreht

Und musste erst mal etliche Höflichkeitsadressen an die Stadt richten. Denn auf die kommt einiges zu. Breloer will an zahlreichen Originalschauplätzen drehen, Komparsen werden die Stadt belagern, der Set zu Staus führen; es gibt Nachtdrehs mit Kutschen. „Wir hoffen“, so Breloer, „dass die Bürger nicht die Nachttöpfe auf uns werfen.“

Womöglich sind sie aber sogar stolz auf das Projekt: Denn das letzte Mal, als „Buddenbrooks“ verfilmt wurde, 1979 als ARD-Elfteiler, wurde in Danzig gedreht, das mehr alte Bausubstanz, aber eben nicht das typische lübische Stadtbild bot.

„Da gibt es einiges wiedergutzumachen“, sagt Gernot Roll, der, Ironie am Rande, nicht nur bei den Breloers letzten Arbeiten hinter der Kamera stand, sondern auch beim TV-Elfteiler.

Eine 140-Minuten-Kinospektakel

Breloer hat „Buddenbrooks“ einst im Kino entdeckt. In der katholischen Schule, in der der damals 17-Jährige saß, war der Roman verpönt. So lernte ihn der Sohn eines Mehlgroßhändlers in einem Recklinghauser Lichtspielhaus kennen: 1959 mit der Pulver und Felmy. Eine Liebe fürs Leben.

Noch vor seinem ersten Dokudrama plante er mit Horst Königstein ein Doppelprojekt „Treffpunkt im Unendlichen“, das einmal den Klaus-Mann-Roman adaptieren und in einem zweiten Film die Mann-Überlebenden versammeln sollte. Nur der Roman wurde verfilmt (von Königstein), die Dokumente aber waren da. Und gingen 20 Jahre später in das Großprojekt „Die Manns“ ein. Das brachte Breloer Ruhm und Preise satt. Aber es ließ ihn nicht los. Mann & Er: eine eigentümliche Symbiose.

Und so wagt er sich nun noch einmal an Thomas Mann heran. An dessen ersten Roman. Es wird Breloers erster reiner Spielfilm, ohne die Doppeldramaturgie mit den Dokumentareinschüben, für die er so bekannt ist. Und es wird, mit 140 Minuten, sein erster Kinofilm, der Ende 2008 mit 200 Kopien starten und später als Zweiteiler im Fernsehen ausgestrahlt werden soll.

Der Bürgermeister ist Käsekuchen

Kein Dokudrama. Es läge an uns, eines daraus zu machen. Mit der Kamera müsste man draufhalten, wie Breloer an seinem Modell nestelt, während der Bürgermeister von Lübeck seinen Käsekuchen vertilgt. Und Gernot Roll beteuert, diesmal werde man „Buddenbrooks“ nicht museal ablichten, nicht als Stillleben inszenieren; die Kamera werde mittendrin sein. Wie er also seine Arbeit von einst klein macht, die doch das Beste war an der TV-Adaption.

Das alles müsste man in den fertigen Film hineinschneiden: als Dokumaterial. Denn von den Verwandten, den Ahnen Thomas Manns, die er ziemlich unverfroren in seinem Romanerstling karikiert hatte, ist naturgemäß keiner mehr da, der sich im Interview beschweren könnte.

Aber es soll eben kein Dokudrama mehr sein. Von „Staatskanzlei“ über „Todesspiel“ bis zu „Speer und Er“ haben die Spielszenen immer mehr Raum eingenommen, bei den „Manns“ hat Breloer dann gemerkt, wie erfrischend es ist, sich nicht in finstre Staatskanzleien und braunen Sumpf hinein zu denken. Außerdem sei er jetzt 66. Und hätte nie geglaubt, dass er das Geld wirklich zusammen kriege. Also will er es jetzt wissen.

Mueller-Stahl und die Berben

Und interpretiert den Roman hochaktuell. Die Buddenbrooks seien als Kaufmannsfamilie untergegangen, weil sie in einer Umbruchphase gelebt und den Weg in die Moderne nicht gefunden hätten: in den Deutschen Zollverein, das Kaiserreich mit seiner neuen Währung. Das alles fände so ähnlich auch jetzt statt, in der erweiterten EU, der Globalisierung, dem Euro.

Ein Grund, warum diese Buddenbrooks im Untertitel „Ein Geschäft von einiger Größe“ heißen: Der ökonomische Verfall – der etwa 1959 nicht ins Wirtschaftswunder-Bild passte und fast ganz ausgespart wurde – wird hier besonders hervorgehoben.

Gedreht wird mit Star-Aufgebot: Armin Mueller-Stahl, der Thomas Mann in „Die Manns“, sagte für den Konsul die Cruise-Avancen zu „Valkyrie“ ab; Iris Berben spielt die Konsulin, August Diehl den Christian und Jessica Schwarz die Tony Buddenbrook. Martin Feifel, Justus von Dohnányi, Nina Proll und Sylvester Groth sind in weiteren Rollen zu sehen.

Alle 20 Jahre eine Neuverfilmung

Nur die Schlüsselfigur, Thomas Buddenbrook, wird von einem nahezu Unbekannten verkörpert: dem Theatermimen Mark Waschke. „Das ist natürlich ein Risiko“, gibt Breloer zu. Aber es gäbe einfach zu wenige gute Schauspieler zwischen 30 und 40. Und Sebastian Koch, sein Speer, sein Baader, sein Klaus Mann, fühlte sich zu alt (und seine Agentin hat's ihm verboten).

„Buddenbrooks“ vertrage alle 20, 30 Jahre eine Neuverfilmung, so Breloer. Jede Generation müsse sich ihr eigenes Bild machen. Holger Pils vom Buddenbrook-Haus Lübeck inspiziert derweil das Modell. Freut sich, das es reale Ausmaße hat und nicht die ausladenden des Romans. Stellt aber fest, dass Götter- und Landschaftszimmer falsch herum angeordnet sind.