Theater-Debüt

Keira Knightley überzeugt als Vamp auf der Bühne

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Thomas Kielinger

Foto: AFP

Es ist der erste Auftritt des Hollywoodstars auf einer großen Theaterbühne: In London spielt Keira Knightley derzeit in einer modernisierten Version von Molières "Der Menschenfeind". Vor ihrem Auftritt war Knightley so aufgeregt, dass sie sich fast übergeben hätte. Doch manche Kritiker waren voll des Lobes.

Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit, ob sie den Sprung wagen würde von der Leinwand auf die Bühne, vom Kamera-Cut auf die Live-Vorstellung in einem zwei Stunden langen Theater-Klassiker. Mit einer Mutter als Bühnenautorin (Sharman Macdonald) und einem Vater als Schauspieler (Will Knightley): Was konnte schief gehen, bei solchem Erbe? Viel.

Denn eines muss man haben, es ist nicht erbgeschenkt, wenn die Bühne droht und keine Kamera mit ihrem schmeichelhaften Zoom schöne Züge heranholt: Mut, Stehvermögen, Spiel im Ensemble, das vor allem. Hat sie es mitgebracht an diesem Abend, auf die Bühne des "Comedy Theatre" in Londons West End? Die Star-Schöne aus Jane Austens "Stolz und Vorurteil", aus der Filmserie "Piraten der Karibik" und Ian McEwans "Abbitte"?

Sie hat es, durchaus. Mehr: Sie kam, sie spielte, sie siegte. Mit der Vorstellung als Heroine in Molières Klassiker "Der Menschenfeind" hat Keira Knightley ein neues Kapitel ihres Schauspielerlebens aufgetan, und man wird gespannt sein, ob diese Bravour-Leistung ein Vorgeschmack ist auf weitere Bühnenerfolge oder nur ein Einmal-Ereignis in einem einmalig gut zu spielenden Stück wie Molières Satire.

Jedenfalls, was Martin Crimp, der Stückeschreiber, aus der Vorlage gemacht hat, ist einer Keira Knightley wie auf den Leib geschrieben. Das höfische Scharwenzeln im Frankreich Ludwigs des Vierzehnten transponiert er in die Flimmerwelt aus Film und Bühne, diesen Celebrity-Kult, wie er sich in einem Londoner Hotel in Gestalt ebenso eingebildeter wie giftender Gestalten darstellt.

Der Kritiker, der Bühnenautor, der Schauspieler-Agent, die Journalistin, die Sprechlehrerin - ein Inzest der Eitelkeiten. Davon glaubt Alceste, halb-gescheiterter Theaterautor, sich verächtlich abwenden zu müssen, er ist etwas Besseres, er möchte diese ganze Gesellschaft in den Orkus der Nichtswürdigkeit verdammen, wo er die Menschheit insgesamt ansiedelt. Niemand, der seinem Ideal des ehrlichen Menschen entspricht, der sich anpässlerischer Correctness verweigert.

Doch Alceste - es ist der einzige Name, den Crimp aus Molières Original übernimmt - hat eine Schwachstelle: Er ist dem amerikanischen 22 Jahre alten Filmstar Jennifer, die da in das Londoner Treiben hereingeschneit ist, amourös verfallen. Sex, die Achillesferse des Idealisten.

In Jennifer kann die Knightley sich gleichsam selber spielen, besser gesagt: den Typ des gefeierten Hollywoodstars ironisch auf die Spitze treiben. Sie ist einmal Vamp, dann getarnte Liebhaberin, oder auch ehrlich Empörte über Alcestes unerträgliches Moralisieren. Letztlich eine Frau, die aus Prinzip der Trivialität huldigt.

Da steht sie, in ihrer fragilen Figur, die, wie jemand schrieb, "in einen Schirmständer passen würde", und parliert in schönstem amerikanischen Akzent zusammen mit den spitzen Zungen der Londoner Insider. Keira Knightley hat ein Problem mit ihrer Figur, anders als in den Filmen, die sie meist hoch kostümiert zeigen. Die edlen Züge gehören zu einer hoch gewachsenen Elfengestalt, die besondere Register der Attraktivität ziehen muss, um sich in Szene zu setzen.

IDie besitzt die Knightley, so sehr, dass immer dann, wenn sie auftritt, die übrigen Figuren wie zu neuen Spitzenleistungen ihrer Zwielichtigkeit heranwachsen. Die Filmschauspielerin, die einen Filmstar spielt - Molières Célimène hat in Keira/Jennifer eine würdige Kokotte gefunden, im äquivalenten modernen Milieu. Martin Crimp, der Übersetzer, hat dabei die Sprache des Originals in ein rhythmisches Englisch verwandelt, in das er laufend gereimte Zweizeiler einpasst, wie Dolchstöße von Pointen.

Das hat Thea Sharrock die Inszenierung erleichtert, denn diese auf enthüllenden Witz zugeschnittene Sprache erzielt ihre Wirkung wie von selber - wenn, ja, wenn man neben dem weiblichen Star auf Schauspieler wie Damian Lewis/Alceste und ein Ensemble vom Feinsten zurückgreifen kann. Der Schlussakt, in dem sich die Protagonisten barock verkleiden, ist eine Tour de force genüsslichster Persiflage.

Keira Knightley wurde bei den Vorläufer-Abenden, die nach Londoner Sitte bereits vor der eigentlichen Premiere vor zahlendem Publikum spielen, nicht nur von Paparazzi und Fans umlagert, sie hatte auch lange Zeit mit großem Lampenfieber zu kämpfen.

Noch ehe die ersten Proben überhaupt begannen, hätte sie sich, wie sie in einem Gespräch beichtete, "allein bei dem Gedanken daran am Liebsten übergeben". Die Lektüre der ersten Kritiken werden sie für diese Sorge reichlich entschädigen: "Unmissable", schrieb der "Telegraph" gestern über ihre Vorstellung, man muss es sich einfach ansehen. Die eine Million Pfund, die schon der Kartenvorverkauf in die Kasse gespült hat, wird sich wie von selber vermehren.