Oscar-Wilde-Verfilmung

"Dorian Gray" ist Teenie-Horror a la "Twilight"

Bis(s) das Bildnis röchelt: Die Verfilmung von Oscar Wildes "Das Bildnis des Dorian Gray" wirkt wie eine "Twilight"-Version.

Eigentlich hätte Robert Pattinson gleich die Hauptrolle spielen müssen. Das wäre nur konsequent gewesen. Denn die jüngste Verfilmung von Oscar Wildes Prosahauptwerk "Das Bildnis des Dorian Gray" ist so etwas wie die "Twilight"-Version. Zugegeben, dies ist kein Vampirfilm.

Aber auch hier geht es um einen schönen, jungen Mann, der immer etwas zu blass wirkt, der merkwürdigerweise nie altert und ein großes Geheimnis verbirgt. Auch in ihn verliebt sich ein Mädchen, das dies besser nicht tun sollte. Das nächtliche, spätviktorianische London liefert zudem Kulissen, die prächtig zu einer Gothic-Atmosphäre beitragen. Dorian Gray, ein Gruselfilm.

Nun hat, das macht ja gerade den Reiz von Klassikern aus, jede Generation das Anrecht auf eine eigene Umsetzung. Als 1945 Hurt Hatfield als erster Film-Dorian das berühmte Bild auf dem Speicher versteckte, nahm das die Verdrän- gungsmechanismen der Nachkriegszeit schon ahnungsvoll voraus.

In der Version von 1970 dagegen, die den Stoff mutig in die Gegenwart schubste, genoss Helmut Berger als Jet-Set-Dorian (durchaus bei beiderlei Geschlechtern) die sexuelle Revolution der 68er-Bewegung. Das war befreiend und enthemmend und doch auch moralinsauer: Denn da blieb ja das Gemälde, das an Stelle des Libertins alterte und uns schon damals zeigte, wie alt die Alt-68er einmal aussehen sollten.

Die neueste Version gibt sich nun wieder ganz klassisch, spielt also im London des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Inszeniert hat sie Oliver Parker, der bereits zwei Mal Oscar- Wilde-Stoffe brillant fürs Kino adaptiert hat: "Ein perfekter Ehemann" (1999) und "Ernst sein ist alles" (2002). Bei "Dorian Gray" besann sich Parker nun aber auch seiner anderen Ursprünge: Mit Clive Barker hat er einst Horrorstücke auf die Bühne gebracht.

Dorian Gray wird hier von seinem väterlichen Freund Lord Henry Wotton (Colin Firth, ein Muss bei allen Wilde-Adaptionen Parkers) in so ziemlich jedes Laster eingeführt: Tabak, Alkohol, Opium. Und Sex, in allen Ausschweifungen. (Zugegeben, das hätte es bei der prüden Mormonin Stephenie Meyer nicht gegeben.) Das wird in düsteren, tiefdunklen Bildern ausgemalt und mit entsprechender Musik unterlegt. Der Junge genießt all diese zehrenden Ausschweifungen, ohne dass sein Astralleib daran Schaden nehmen würde.

Das Gemälde aber, das man von ihm angefertigt hat, erfüllt offenbar den leicht dahingesagten Wunsch, es möge an seiner Stelle altern: Es vergreist nicht nur, die Ölfarbe droht aus dem Rahmen zu schmelzen, es fressen sich Maden durch die Leinwand. Am Ende röchelt und stöhnt das Bildnis sogar.

Das Horrorgenre ist eigentlich kaum noch ernst zu nehmen - und hat sich seit "Scream" & Co. zunehmend auf das Teenie-Publikum verlagert. Dem wird auch hier Rechnung getragen. Das eigentliche Drama ist ja ein anderes: Erst reißt sich die Gesellschaft um den Jüngling. Lange berauscht sie sich auch daran, dass er sich besser hält als sie. Je länger dieser Zustand anhält, je größer das Missverhältnis wird, desto mehr aber schwelt Neid und schließlich auch offene Ablehnung. Das Pubertätsdrama, von den Älteren nicht verstanden zu werden, wächst sich hier ins Metaphorische aus. Dorian Gray degeneriert zum Teenie-Posterboy.

Und es ist kein Zufall, das ihn Ben Barnes spielt: Der hat in den "Chroniken von Narnia" bereits einen Traumprinzen (Kaspian) gegeben und darf das hier wiederholen. Es geht Barnes indes ein wenig wie seiner Rollenfigur. Auch er muss auf dem Speicher ein Gemälde haben, das an seiner Statt schauspielert. Als Dorian bleibt er jedenfalls bloße Oberfläche und weiß die zunehmende Zerrissenheit und Abgründigkeit seines Charakters in keiner Weise darzustellen.

Schade eigentlich. So bleibt Dorian Gray nur ein Teenie-Horror-Film. Dabei leben wir längst in einem Zeitalter, in dem nicht wenige 20 Jahre jünger aussehen, als sie tatsächlich sind. Und doch, das hat sich nicht einmal ein Oscar Wilde ausmalen können, wirken viele Botox-Gesichter selbst nur noch wie Fratzen, in denen sich nichts Menschliches mehr regt. Von derartigen Anspielungen ist Oliver Parkers Dorian weit entfernt. Aber auch als Vampirfilm fehlt ihm einfach der Biss.