Jazz

Brönners fast kitschiges "Last Christmas"

Der Berliner Jazz-Trompeter Till Brönner ist als Musiker mit individueller Prägung sehr gefragt. Jetzt hat er ein Weihnachtsalbum mit den einschlägigen Songs von Wham! und der Stimme von Yvonne Catterfield aufgenommen. Für das Fest aber schlägt er persönlich die Flucht vor.

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Gut, wer einen Plan hat. Gerade zum Fest der Liebe, zu den Katastrophentagen mit verpönten Pralinenschachteln, verschmähten Krawatten und ungeliebten Socken. "Man sollte unbedingt einen Plan haben, um dem Ganzen notfalls zu entfliehen", rät der Berliner Jazz-Trompeter Till Brönner und verrät seinen Sofortmaßnahmenkatalog:

"Die Zeit gut einteilen, notfalls wegfahren, damit man die Dosis Weihnachten aushält, und das Bankkonto, das alles mitmacht. Weihnachten ist ja vor allem das Fest der Blumengeschäfte und Parfümerien."

Elternhaus mit tief weihnachtlicher Prägung

Brönner muss es wissen. Seit mehr als einem Jahr beschäftigt er sich intensiv mit dem Thema. Er, Deutschlands Exportschlager in Sachen Jazz, hat ein Weihnachtsalbum aufgenommen. Klassiker wie "White Christmas", "Winter Wonderland" und "Santa Claus Is Coming To Town" tutet der studierte Trompeter dort in festlichster Stimmung.

Abitur an der Jesuitenschule Aloisiuskolleg, dann eine Sakro-Pop-Band mit Stefan Raab. Das prägte. Und bot eine fundierte Früherziehung in Traditionspflege, Christlichkeit und weihnachtlichem Liedgut. Den Rest besorgte Brönners Elternhaus.

"Ich bin mit Liedern wie 'Macht hoch die Tür' schon fast belästigt worden. Meine Mutter hat am Klavier gesessen und Weihnachtslieder gespielt. Aber ob sich mir darüber ein spezielles Verständnis musikalischer Natur näher gebracht hat, wage ich zu bezweifeln. Ich vermute eher nicht."

Brönner ist unverkennbar, auch wenn er "Herzilein" spielt

Das Lichtlein der Erkenntnis um den Wert dieses Liedgutes zündete bei Brönner erst mit den amerikanischen Weihnachtsliedversionen, durch Jazz, Bebop und Swing.

Da hatte Brönner bereits die eigene Karriere gebastelt. Zunächst in der Big Band der Berliner Rundfunksenders Rias, dann Solo mit vielen Alben und noch mehr Stars wie Dave Brubeck, James Moody und Nils Landgren.


Auch als Komponist von Hilde Knef erlangte Brönner Respekt, wurde von Jazz-Experte Roger Willemsen ob seiner "dringlichen musikalischen Mitteilungen" gelobt. Dazu gab es den Preis der deutschen Schallplattenindustrie, einen Echo, und die Nominierung für einen Grammy.


Und aus Spaß musizierte der smarte Sonnyboy auch schon mal mit den Wildecker Herzbuben "Herzilein" im Duett. Brönners Erfolg ist fundiert, versiert, vielschichtig. Weil er eine Persönlichkeit ist. Weil er einen unverwechselbaren Ton entwickelt hat. Vielleicht weil er Jazz sagt und Pop meint. Und nun das.

Mit "Last Christmas" gefährlich nah am Kitsch vorbei

Ein Weihnachtsalbum. Puristen werden ihn zerfleischen, Kritiker belächeln. Anführen, er verspiele Respekt und Integrität. "Wer das meint, war vermutlich schon vorher von meiner Musik genervt", entgegnet er mit einem Lächeln, das sich selbst beim Vergleich "Easy Listening" hält. "Easy Listening, also "leichtes Hören" hat immer ein wenig den Stempel des Belanglosen", findet er.

"Dabei ist Musik, die leicht konsumierbar ist, meist unheimlich schwer herzustellen. Mein Album ist eine Kombination aus vielen Stilrichtungen, selbst R&B und eine Nummer, die aus dem Musical kommen könnte. Es ist sogar was Kitschiges dabei. Aber dazu stehe ich."

Mit Kitsch meint er die Übermutter aller Weihnachtshymnen. Das unvermeidliche "Last Christmas", das einst George Michael mit Wham! in die Hitparade der Herzen pflanzte und das Brönner nun mit Flügelhorn und Flöte gefährlich nahe am Kitsch vorbei manövriert. "Dieser Song ist das Symbol für totale Anbiederung", weiß auch er. "Ich fand die Nummer nie besonders, eher belanglos, kitschig, altmodisch.

Auch dieses Wham!-Gehüpfe war nie mein Ding. Aber alle, die ich fragte, haben ausnahmslos und unaufgefordert gesagt: 'Nimmst du auch ,Last Christmas' auf?' Okay, ich hab's getan."

Auch Yvonne Catterfield darf für ihn singen

Nicht nur er. Brönner hat Mittäter. Namhafte Komplizen. Jazz-Pianist Don Grusin, Sting-Gitarrist Dominic Miller, Saxofonist Curtis Stigers. "Ich habe über die Jahre Kontakte geknüpft und bin in der glücklichen Lage einfach zum Hörer zu greifen, anzurufen und zu fragen: Magst du was spielen?"

Auch Yvonne Catterfeld stand auf der Telefonliste, die ihre Stimme "Better Than Christmas" lieh. Laut Brönner ein Granatensong, der die Weihnachtsstimmung "voll auf den Punkt" bringt. Ihm war "sofort klar, dass Yvonne diese Nummer singen musste." Was sie auch tat. Weihnachtsgeschenk an Brönner, sozusagen.

"Dadurch dass sie öffentlich ist, gehören Misserfolge, Brüche und Skandale dazu", brummt Brönner. "Ich weiß gar nicht, was die Leute von ihr wollen. Sie singt doch wundervoll."

Nur einer Dame kann sein Herz gehören

Parallel ist Brönner dabei seine Festtage zu planen, darunter die Frage, ob er am eigenen Herd steht oder sich bewirten lässt. Da er selber "gut und gerne" kocht, könne er sich durchaus vorstellen, sich "an eine kleine Gesellschaft heranzuwagen. Kochen ist für mich total entspannend, da komme ich richtig runter."

Was ihn vielleicht für das perfekte Promi Dinner prädestinieren würden, was er jedoch strikt abwinkt. "Nicht mein Ding. Obwohl das voll im Trend zu sein scheint, hat sich mir die Sendung nie erschlossen. Da finden ja wohl auch richtige Katastrophen statt, für den Blutdurst der Zuschauer, ob sich da irgendwelche Fernsehrecken blamieren, weil ihnen die Lasagne eingefallen ist."

Steht beim smarten Womanizer, der schon mal gerne an der Seite von Topmodels wie Carla Bruni oder Nadja Auermann flaniert, im Raum, mit welchem Weihnachtsengel an seiner Seite er die Festtage verbringen wird? "Wer weiß", so Brönners diplomatisch-rhetorische Rückfrage. Und geheimnisvoller Ausblick: "Vielleicht feiern Nadja und ich Weihnachten auch mal zusammen.


Aber ich glaube fest, dass sowohl sie als auch ich schöne Weihnachten verbringen werden." So ist bislang nur eine Dame eingeladen. "Die Dame meines Herzens. Die heißt 6330B - und ist meine Trompete."

Till Brönner: The Christmas Album (Verve/Universal)