Weihnachtslied

"Last Christmas" – Whams geniale Endlosschleife

You'll never fool me again: Alle Jahre wieder taucht "Last Christmas" von Wham! wieder auf, jetzt schon zum 25. Mal. Mindestens 70 verschiedene Künstler haben das Lied interpretiert, in dem es eigentlich gar nicht um Weihnachten geht. Harald Peters würdigt einen der großen Klassiker der Popgeschichte.

Das Jahr 1984 war ein gutes für Wham! Noch im Vorjahr standen George Michael und sein Gesangspartner Andrew Ridgelay kurz vor der Trennung – sie hatten sich mit ihrer Plattenfirma verkracht und hatten Mühe, die beeindruckenden Rechnungen ihrer Rechtsanwälte zu bezahlen –, aber mit einem neuen Vertrag und den Singles "Wake Me Up Before You Go Go" und "Careless Whisper" lief es auf einmal wieder bestens für das Duo.

Als Wham! ankündigten, ein Weihnachtslied zu veröffentlichen, war der Titel eigentlich eine sichere Nummer eins. Doch dann durchkreuzte Bob Geldof mit seinem Hungerhilfeprojekt Band Aid und der Single "Do They Know It's Christmas?" den Plan, weshalb "Last Christmas" zwar das erfolgreichste Weihnachtslied der Popgeschichte ist, aber in keinem Land außer Irland jemals an der Spitze der Singlecharts stand.

In England wurde es gleich drei Jahre nacheinander wiederveröffentlicht, in Deutschland taucht es seit 1997 regelmäßig auf, mindestens 70 verschiedene Künstler haben das Stück interpretiert – unter anderem Max Raabe, Romina Power und der Crazy Frog. Dem Autor Nick Hornby diente "Last Christmas" sogar als Grundidee für seinen Roman "About A Boy", der von einem antriebslosen Mann erzählt, der mühelos von den Tantiemen eines ewigen Weihnachtshits leben kann, den sein Vater schrieb.

Neuerdings kursiert das Gerücht, dass "Last Christmas" überhaupt kein Weihnachtslied sei, sondern ein Osterlied und ursprünglich "Last Easter" hieß, bis die Plattenfirma Sony intervenierte und Michael zwang, dem Song mit dem Austausch eines simplen Wortes eine weihnachtliche Note zu verpassen. Nur weiß man weder bei Sony etwas davon, noch hat George Michael sich je zu diesem Vorfall geäußert. Noch merkwürdiger ist, dass dieses Gerücht nur in Deutschland kursiert, wo man von englischen Osterbräuchen offenbar wenig Ahnung hat: "Letztes Ostern schenkte ich dir mein Herz" – als wäre Ostern eine Zeit des Gebens.

Das Besondere an "Last Christmas" ist, dass es sich um ein Weihnachtslied handelt, in dem es eigentlich gar nicht um Weihnachten geht. Das Fest liefert nur den Rahmen, um von einer gescheiterten Liebe zu berichten, doch die Geschehnisse liegen bereits ein Jahr zurück, dieses Jahr sucht man ein neues Glück.

Durch die geniale Verwendung des Wörtchens "Last" dehnen Wham! die Geschichte rückwärtig ins Unendliche. Zu jedem Jahr gibt es ein Vorjahr, und jede Weihnacht kann man wunderbar von der letzten Weihnacht singen und damit einen allgemeingültig sentimentalen Ton anschlagen, der selbst allergrößte Skeptiker weihnachtlicher Sentimentalität anspricht, weil er vor allen Dingen winterlich ist.