Leipzig

Wo Johann Sebastian Bach seine Aktien hortete

Es hat sich gelohnt, sieben Millionen Euro zu investieren. Das neu gestaltete Komponisten-Museum in Leipzig setzt Maßstäbe. Zu den spektakulärsten Entdeckungen gehört Johann Sebastian Bachs riesige, eiserne Geldkassette mit elf Schlössern. Hier versteckte er seine Anteile an der Freiberger Silbermine.

Es geschieht nicht selten, dass Menschen in der Leipziger Thomaskirche plötzlich erstarren und dann niederknien, die Hände zum Gebet gefaltet: sie haben das Grab Johann Sebastian Bachs entdeckt.

Die große Bronzeplatte vor dem Altar sagt ihnen, dass der Komponist, der längst weltweit wie ein Gott verehrt wird, tatsächlich als Mensch gelebt hat und hier, an seiner Wirkungsstätte über 27 Jahre, noch zu finden ist. Ausgerechnet ihm, der so erhaben und unerreichbar scheint, können wir unglaublich nahe kommen.

Leipzig besitzt mit der Thomaskirche, dem Bach-Archiv und dem renovierten sowie neu gestalteten Bach-Museum eine singuläre Stätte: der authentische Ort vereint lebendige Musikpflege mit Forschung und nunmehr attraktiv gestalteter Wissensvermittlung.

Das neue Bach-Museum, dessen Eröffnung dieses Wochenende feierlich begangen wird, ist in baulicher wie konzeptueller Hinsicht hervorragend gelungen - einfach zum Niederknien! Und setzt Maßstäbe für ähnliche Vorhaben in den nächsten Jahren, etwa die überfällige Auffrischung des Hauses Wahnfried in Bayreuth.

Derzeit jedenfalls kann sich allein das Bonner Beethoven-Haus mit dem Bach-Museum vergleichen, allerdings nicht ganz: Beethoven hat in seinem Geburtshaus natürlich nie gewirkt, sondern nur kurze Zeit mit Holzpferdchen gespielt.

Die Bach-Verehrer wollten von Anbeginn eine moderne, zukunftsweisende Konzeption. Gute zwei Jahre benötigte Leipzig für den Umbau des Museums. Es ist nach wie vor im Bosehaus untergebracht, direkt gegenüber der Thomaskirche, das Quergebäude wurde jedoch mit einem modernen Anbau versehen, dahinter soll noch ein historischer Barockgarten angelegt werden.

Der Schmuckhändler Georg Heinrich Bose hatte das Haus 1710 erworben, Bach pflegte mit der Familie freundschaftlichen Verkehr und musizierte wohl auch regelmäßig im so genannten Sommersaal.

Das alte Bach-Museum verfügte über eine Fläche von 200 Quadratmeter, jetzt beanspruchen die 12 Ausstellungsräume inklusive Café und Werkstatt 750 Quadratmeter. Den größeren Teil des Bosehauses nehmen wie gehabt das Bach-Archiv und dessen neu ausgestattete, öffentliche Bibliothek ein.

Die permanente Entweihung des Hauses durch das Kabarett Pfeffermühle wurde beendet - es residiert jetzt auf der anderen Ringseite. Christoph Wolff, der Direktor des Bach-Archivs, darf als geistiger Vater des neuen Museums bezeichnet werden.

Ihm vor allem ist es auch zu danken, dass man zu den 5 Millionen Euro aus öffentlicher Hand zwei Millionen Privatspenden einwerben konnte. Mit Recht spricht Wolff von einem "Schaufenster des neuesten Wissens über Johann Sebastian Bach".

120 für die Bach-Dynastie relevante Werke wurden allein in den letzten sechs Jahren wiederentdeckt; man kann die Ergebnisse der Forschung endlich angemessen wissenschaftlich und musikalisch darstellen. Den Anfang macht am Sonntag die Aufführung des Gesellenstücks von Carl Philipp Emanuel Bach, eine letztmalig 1734 gespielte Kantate.

Das neue Eingangs-Foyer dominiert Gottvater JSB auf einem Sockel, aber auf einem "nicht sehr hohen Sockel", wie Museumsleiterin Kerstin Wiese betont. Im Durchgang zu den historischen Räumen erklingt Musik des 17. Jahrhunderts, also aus Bachs Jugendzeit.

Den Raum ziert eine Genealogie von 53 Vorfahren, die er persönlich erforscht hat - fast ausschließlich Kantoren und Organisten. Das interessanteste Instrument unter den Exponaten ist der Spieltisch einer Orgel, die einst der Johannes-Kirche gehörte und vom Meister 1743 geprüft und disponiert wurde.

Zu den spektakulären Entdeckungen gehört Bachs riesige, eiserne Geldkassette mit elf Schlössern (er besaß Aktien der Silberminen in Freiberg); sie ist das einzige echte Möbelstück aus dem Haushalt Bachs und wurde erst kurz vor Museumseröffnung im Meißener Dom anhand des Familiensiegels identifiziert.

Da die hier im Modell nachgebaute alte Thomas-Schule zwischen Kirche und Bosehaus mitsamt der Bach-Wohnung 1902 abgerissen wurde, sind fast keine Haushaltsgegenstände erhalten geblieben. Umso mehr vertrauen die Museumsmacher auf Touch-Screens und Hörstationen.

Der Besucher kann virtuelle Spaziergänge durch das Leipzig anno 1723 unternehmen und im Klangraum einen Bach-Choral mithilfe von 20 historischen Instrumenten nach eigenem Gusto instrumentieren. Er kann sich auch sämtliche Bach-Werke anhören, und das sind weit über tausend.

Im Forschungslabor besteht die Möglichkeit, sich über wissenschaftliche Datierungsmethoden zu informieren, über Wasserzeichen, alte Notenschlüssel und die Unterschiede zwischen der frühen und späten Handschrift Bachs.

Höhepunkt des Rundgangs, nicht nur in optischer Hinsicht, ist die amazonisch grün funkelnde, freilich besser klimatisierte Schatzkammer mit originalen Bach-Manuskripten, darunter ein kompletter Stimmsatz der Kantate "Wie schön leuchtet der Morgenstern." Dieser Raum birgt auch einige Relikte aus dem ursprünglichen Eichensarg Bachs.

Selten wurden sieben Millionen sinnvoller ausgegeben als hier in Leipzig. Orte wie das neue Bach-Museum dienen zudem der Popularisierung einer noch oft als elitär empfundenen Musik. Hier verbirgt sie sich nicht länger in Kirchen und verstaubten Archiven. Der Traum Christoph Wolffs hat sich aufs Großartigste erfüllt.