Konzert

Shakira unterhält Berlin bis zur Erschöpfung

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Michael Pilz

Sie ist sinnlich, schön und versöhnt mit ihrer Musik Stämme und Kulturen: Shakira schafft es trotz Schnee auch nach Berlin und erfindet Musik, Pop und Konzert neu.

Wir wissen nicht, was Günter Grass von Lena Meyer-Landrut denkt. Der kolumbianische Literatur-Nobelpreisträger Gabriel García Márquez aber gab seiner Landsfrau Shakira einen glühenden Satz mit auf den Weg, als sie die Welt eroberte: „Niemand kann singen und tanzen wie sie. Mit einer unschuldigen Sinnlichkeit, die ihre eigene Erfindung zu sein scheint.“

Die nicht mehr ganz so unschuldige Sinnlichkeit wird von Shakira am Donnerstag demonstriert, indem sie von der Seite in den Saal rauscht, eingehüllt in rosa Tüll, und Wangen küsst und Hände schüttelt. Auf der Bühne angelangt, wirft sie die Schleier ab. Dann steht sie da, wie das Musikgeschäft sie schuf: In schwarzen Leggins, obenrum trägt sie ein wenig goldenen Stoff. Aber es ist ja auch recht warm in der O2 World. Noch am Vorabend hatte der Schnee verhindert, dass Shakira in Frankfurt am Main auftreten konnte mit ihrem Programm „The Sun Comes Out“. Das Motto hat sie mit Bedacht gewählt. Zum Winter in Europa und als Krisenmanagement in schweren Zeiten. „Ich bin hier zu eurem Spaß“, ruft sie. „Ich möchte, dass ihr euch nach Kräften amüsiert.“

Es ist nicht nur von allem etwas, es ist ziemlich viel auf einmal. Auch für 12.000 Besucher: ein Konzert, weil auf der Bühne eine kaum zu überschauende Band mit Musikern aus allen Erdteilen in einem Arsenal von Instrumenten steht. Eine Präsentation, weil von der Bühne aus ein Laufsteg durch die Menge führt. Shakira singt und tanzt wie ihr Nobelpreisträger es versprochen hat, mit ihrer einprägsamen Stimme und dem schönen Körper. Bei ihr gibt es keine Grenzen mehr zwischen den Angeboten, die den Menschen in den Wohlstandsländern heute zur Verfügung stehen, um sich aktiv zu erholen. In Shakiras Tänzen mischen sich Flamenco und Pilates, Tabledance und Tango, Headbangen und Yoga, Bauchtanz und Tai Chi.

Am Ende ihres Laufstegs, mitten in der Halle, leuchtet eine zweite kleine Bühne. Dort hinauf zerrt sie vier deutsche Damen, die sie ohne sichtbaren Erfolg im Hüftschwung unterweist. Man kann es so sehen: Die Erste Welt kann einiges lernen von Shakira. Sie wuchs unter Arabern in Barranquilla, einer Hafenstadt Kolumbiens, auf. Als Kind maß sie sich in Gesang und Tanz bei Wettbewerben, trat in Fernsehserien auf und spielte Platten ein. Ihr drittes Album „Pies Descalzos“ (barfuß) fiel Mitte der Neunzigerjahre mit dem Hoch des Latinpop in Nordamerika zusammen. Die lateinamerikanischen Migranten in Los Angeles, Miami und New York hatten die Zahl erreicht, die nötig war, um einen Poptrend auszulösen. Spanisch wurde häufiger gesprochen.1997 zog Shakira nach Miami, und von dort war es ein nur noch ein kleiner Schritt hinüber in den Rest der Welt.

„Wherever, Whenever“ singt sie seither voller Inbrunst, auch an diesem Abend, sie vermengt es mit dem Rocksong „Unbelievable“ der Briten EMF von 1990, und das darf man als Triumph verstehen: Eine Sängerin aus einem Land der Dritten Welt, wo Bürgerkriege toben und die Drogenmafia herrscht, ist die Gewinnerin der gegenwärtigen Globalisierung. Eine kleine Frau, die möchte, dass es allen gut geht. Auch ihre Musik versöhnt die Stämme und Kulturen. Rockmusik und House, Afropop und Turbofolk, arabische Musik und HipHop.

Eine zweite Tänzerin tritt auf, sie schwenkt dramatisch einen Strauß Narzissen, wirft sich vor Shakira in den Staub und opfert ihr die Blumen. Eine kolumbianische Kapelle spielt, allerdings ohne Panflöte, „Nothing Else Matters“ von Metallica. Shakira stimmt mit großer Geste in den Klassiker des Heavy Metal ein, im roten Samtrock. Kurz darauf liegt sie wie Carmen aus der gleichnamigen Oper reglos auf dem Boden. Sie spielt Mundharmonika, Gitarre und am Ende „Waka Waka“, ihre Fußballhymne für Südafrika im letzten Sommer. Dazu regnet es Konfetti auf die Köpfe ihrer glücklichen aber erschöpften Gäste.

Gabriel García Márquez hat nicht unrecht: Seine Muse singt zwar Songs wie „Hips Don’t Lie“ und „Underneath Your Clothes“. Sie bekräftigt solche Botschaften im Tanz. Aber Shakira wirkt dabei auf unschuldige Weise sinnlich. Die Musik, den Pop und das Konzert hat sie im Sportsgeist neu erfunden. Wärme durch Bewegung.