Pop

Conor Oberst und die Magie in Mexiko

Seine Stimme zittert manchmal, und er besingt Straßen und Berge. Conor Oberst hat mit 28 Jahren schon viel erlebt. Ein Dutzend Platten gehen auf ihn und seine Band Bright Eyes zurück. Jetzt macht er solo Musik. Die CD "Conor Oberst" wechselt zwischen Kindlichkeit und Melancholie. So schön kann Folk sein.

Conor Oberst ist 28 Jahre alt und hat schon etwa ein Dutzend Alben veröffentlicht. Und keines davon ist schlecht. Mit 13 war er zu Hause in Omaha, Nebraska, der Mitbegründer der Plattenfirma „Saddle Creek“. Sie wurde für Musikfans zum Synonym für passionierte, unverfälschte Musik und große Produktivität.

In den Projekten ging es familiär zu, die Bands hießen „Son, Ambulance“, „The Good Life“ oder „Cursive“ und schrieben Indiegeschichte. Oberst freilich strahlt seit jeher heller als die anderen Sternchen des Labels. Er ist der einzige mit Chart-Erfolgen, sein Projekt „Bright Eyes“, dessen Mastermind er ist, machte ihn groß.


Und seine noch kurze Vita ist natürlich sagenumwoben: Angeblich klimperte er schon mit zwei recht ansprechend auf dem Klavier herum und war mit 15 Alkoholiker. Außerdem hatte er Glück mit seinem Vater: Der ist selbst Musiker und brachte ihm, als er zehn war, das Gitarrespielen bei. Es war nicht zu Obersts Schaden.

Authentisch, sympathisch und unstet

Mit Bright Eyes also schoss der junge Mann vor drei Jahren an die Spitze der Charts in seiner amerikanischen Heimat. Ein Folkmusiker, der gleichermaßen auf Akustikgitarre und Computer setzt, der so produktiv ist wie Ryan Adams und wie ebenjener gern besoffen auf der Bühne steht – die Popmusik hatte einen neuen Heilsbringer. Einen, der die Zeit zwischen den Bright-Eyes-Alben (zuletzt erschien „Cassadaga“) mit anderen Projekten überbrückt.

Mit seinem neuen Solowerk zum Beispiel. Und es ist ein Album mit fast nur gut gelaunten Songs geworden, das die Magie der Musik beschwört. Es erscheint heute und heißt „Conor Oberst“. Er hat es in den Bergen Mexikos produziert. Seine Mystic Valley Band, bestehend aus den alten Bright-Eyes-Gefährten, hat ihn begleitet. Conor Obersts Musik ist noch folkiger geworden als zuletzt, und vom Darkpop seiner frühen Tage hat sich Oberst inzwischen weit entfernt. Die Band spielt Folkrock und Lagerfeuerballaden ohne jegliche Anleihen in anderen Genres – das wird Puristen freuen.


Auf „Digital Ash in a Digital Urn“ (2005) versuchte er sich noch in der avantgardistischen Umsetzung einer Art Electro-Folk. Na ja, wahrscheinlich war es bloß klassisches Songwriting mit ein paar PC-Sounds. Spätestens jetzt ist Oberst beim klassischen Folk angekommen. Auf der Rückseite des Covers sitzt er, der ehemals Frühreife, mit seiner Band im Kreis um eine einzige hell strahlende Lampe. Aber Americana, die amerikanische Spielart des Folkrocks, ist nicht sesshaft. Zumindest erzählt auch Oberst vom Fahren: „There’s nothing that the Road cannot heal“, heißt es in einem Song, vorgetragen mit der charakteristischen, zittrigen Stimme, die immer noch manchmal an Robert Smith erinnert.



Oberst ist ein authentischer, ein sympathischer Mensch, und wenn er jetzt die großen Storyteller zitiert, Bob Dylan oder Bruce Springsteen, dann reiht er sich ein in die große Bande der Unsteten, die ein weites Land vor sich haben.

Der Poet Oberst kann manchmal auch kindisch-kindlich sein („I don’t wanna die in the Hospital“), vielleicht ist das aber auch nur das memento mori eines Melancholikers: Heute noch und im Angesicht des unweigerlich nahenden Todes hat Conor Oberst offenbar sein Seelenheil auf der Straße gefunden. Und wieder mal eine wunderschöne Platte gemacht.

Conor Oberst: Conor Oberst (V2)