Neu auf CD

Connor Oberst gönnt sich wieder Luft und Raum

Bright Eyes suchen nach dem wahren Sinn des Lebens. Gianna Nannini hat es da leichter. Sie feiert die späte Mutterschaft.

Vor die Musik hat Connor Oberst eine Brandrede gesetzt: Ausführlich spricht ein Freund aus Texas, ein Schamane, über Einstein, Hitler und den schwierigen Weg der Menschheit in die Zukunft. Von geheimnisvollen Schwingungen und ungeahnten Dimensionen. Man ist froh, wenn endlich der Gesang anhebt und die Gitarren da sind.

Die Musik klingt viel vernünftiger als die Idee des siebten Albums von Bright Eyes, der Band von Connor Oberst aus Omaha. Es geht um den Sinn des Daseins. Aber eigentlich geht es noch immer darum, wie man heute Folk für Menschen um die 30 macht.

Anführer des Neo-Folk

Mit 13 spielte Oberst seine ersten Lieder ein, mit Kinderkassettenrekorder und Gitarre. Er gründete eine Plattenfirma, und führte die Neo-Folk-Bewegung von Nebraska an. Die Platten wurden nicht nur gern gekauft in aller Welt, sie wurden musikalisch immer dichter. Bis zum Album „Cassadaga“ vor drei Jahren, von dem Oberst selber sagt, es sei ihm anschließend erschienen wie „zu lange in der Backröhre gewesen“.

Dieser Tage wird er 31. Reumütig kommt er zurück auf sein befreiendes Frühwerk und in seine Heimat, nach Nebraska. Seinen Klängen gönnt er wieder Luft und Raum. Mal mit, mal ohne Strom. Er klagt: „An empty sky! I fill it up with everything that’s missing from my life.“ Dass Musiker von Sinnkrisen beflügelt werden, ist nichts neues. Connor Oberst mischt den herkömmlichen Landlust-Folk geschmackssicher mit allerlei bizarren Elektronika. Er liebäugelt sogar mit Reggae und nennt einen seiner schönsten Songs „Haile Selassie“. Das Eröffnungsstück heißt „Firewall“, und nachdem der Schamane Ruhe gegeben hat, wirkt es als Schutzlied gegen alle Übel. Außer gegen ungebetene Gäste, die in die Musik reinquatschen. (drei von fünf Punkten)

Gianna Nannini: Io e te

Zum 54. Geburtstag schenkte sich die Quotenfrau des italienischen Musikgeschäfts ihr erstes Kind. Das Album dazu brauchte ein paar Wochen länger. Auf der Hülle hebt sie selbstbewusst das Herrenunterhemd unter der Lederjacke und zeigt ihren prallen Bauch. Die Platte heißt „Io e te“ (RCA).

Wer „ich“ ist, weiß man, „du“ könnte das Kind sein aber auch die fremde Frau, die dieses Album in die Hände nimmt und alles überdenkt, was wieder so erbittert diskutiert wird. Selbstverwirklichung, Hormonbehandlung und das Patriarchat. Italien richtet sich an Silvio Berlusconi auf und ist entrüstet über Gianna Nannini, die den Kindsvater nicht nennen möchte. Die italienische Mama ist auch nicht mehr das, was sie einmal war.

Auch wenn ihr Album wieder resolute Stücke wie „Rock 2“ mit rührenden Balladen wie „Volare“ abschmeckt. „Als ich meine Kleine zum ersten Mal im Arm hielt, habe ich ihr ‚Volare’ vorgesungen“, verrät sie in der „Bunten“. Man hat Gianna Nannini immer gern als Rockröhre belächelt und im heiseren Italopop als spätes Mädchen. Dabei hat sie schon vor 30 Jahren ein CD-Cover mit einer dildoschwingenden Freiheitsstatue verziert.

Ihr Philosophie-Studium hat sie zum Thema „Der Körper in der Stimme“ abgeschlossen. Und nun führt sie auch noch das Familienunternehmen, eine toskanische Großkonditorei, als singende Mutter in den besten Jahren und nimmt krachlederne Platten auf für ihresgleichen. (zwei von fünf Punkten)