"Jüdische Zeitung"

Lesen Sie hier Reich-Ranickis ersten Artikel

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Spurensuche: Marcel Reich-Ranickis erster Text für die "Jüdische Zeitung". Es handelt sich um eine Kritik eines "Samstagmorgen-Konzertes" im Warschauer Ghetto

Aus dem kulturellen Leben Warschaus

Mit Dankbarkeit und Genugtuung stellen wir fest, dass sich das Repertoire unserer Samstagmorgen-Konzerte um ein so wertvolles Werk wie das berühmte Violinkonzert D-Dur von Tschaikowsky erweitert hat, das bei uns seit Langem nicht gespielt worden war.

Dieses außerordentlich beliebte, durch die Interpretation aller großen Geiger berühmt gewordene Konzert ist in Form und Stil ein Meisterwerk, ein Bild voller leuchtender Farben. In diesem Konzert hat Tschaikowsky nicht nur alle Geheimnisse des Violinenspiels genutzt, sondern ein Werk von so edlen melodischen Linien geschaffen, so elegant in seinem Einfallsreichtum, von solchem koloristischen Reichtum und Schwung der Inspiration, dass es trotz seines Alters nichts von seinem Wert und seiner Frische verloren hat.

Die gewaltige Beliebtheit dieses Konzerts erklärt sich vor allem durch seinen ungewöhnlichen Reichtum an melodischen Themen, die in jedem Teil dieses Werkes reichlich ausgeschüttet sind. Die Melodie ist in Tschaikowskys Violinkonzert nicht nur das Fundament der Konstruktion, das den musikalischen Überbau stützt, sie ist vielmehr das Wesen dieses Werkes, in dem sich der musikalische Aufbau bisweilen erschöpft. (An dieser Stelle offenbar ein Satzfehler, d. Red.:) sie ist vielmehr das Wesen dieses Werkes, in dem sich bisweilen der ganze Erfindungsreichtum des großen Komponisten erschöpft, der ein Meister der Melodie ist und in dieser Form sein künstlerisches Vermächtnis in der Musikliteratur verewigt hat.

Das Violinkonzert hat Herr Zygmunt Lederman, der Kapellmeister des Jüdischen Symphonieorchesters und erste Geiger des Warschauer Streichquartetts, sehr korrekt aufgeführt, wenngleich er hinsichtlich der Interpretation viel zu wünschen übrig ließ. Es störte vor allem, dass der erste Teil zu süßlich war, sowie eine zu oberflächliche Darbietung des zweiten Teils, der beliebten Canzonetta.

Der dritte Teil, der voller brillanten Virtuosentums ist, wurde ohne Esprit und Verve gespielt und enthüllte einige technische Mängel des Geigers. Andererseits ist zu betonen, dass Herr Lederman die Phrase durchaus korrekt intoniert und über einen weichen, farbigen, wenn auch nicht allzu großen Ton verfügt. Außer dem Konzert Tschaikowskys hat Herr Lederman eine Reihe kleiner Werke mit Klavierbegleitung aufgeführt. Das Publikum, das es gewohnt ist, in unseren Konzerten jugendliche, zumeist allzu früh auftretende Geiger zu hören, klatschte Herrn Lederman heftig Beifall.

Im Orchesterteil wurden Werke wiederholt, die in der laufenden Konzertsaison bereits gespielt worden waren, nämlich die Ouvertüre zu Webers Oper "Oberon" sowie Beethovens Siebte Symphonie. Die Ouvertüre zum "Oberon" ist eine außerordentlich gelungene Einleitung zu einer misslungenen Oper, die heute mit Ausnahme einiger weniger Fragmente völlig in Vergessenheit geraten ist.

Recht blass ausgefallen

Die Aufführung der Ouvertüre, dieses wahrhaft romantischen Werks, das zum ständigen Repertoire aller Symphonieorchester gehört, ist trotz der großen Anstrengungen Herrn Neuteichs, der sich sehr heftig bemühte, den schläfrigen Klang der Blasinstrumente zu beleben, recht blass ausgefallen. Besser präsentierte sich Herr Dirigent Marian Neuteich, der gegenwärtig aufgrund der Krankheit Szymon Pullmans jede Woche dirigiert, bei der Aufführung der Siebten Symphonie A-Dur von Beethoven, die trotz einiger sogenannter "Pannen" recht korrekt gespielt wurde.

Herr Neuteich sorgte sich nicht allzu sehr um die Seite der Interpretation, zeigte jedoch, dass er den Orchesterapparat vollends beherrscht und ihn in einem einheitlichen Rhythmus zu bewegen versteht. Im letzten Teil der Symphonie, dem mächtigen Finale, gelang es ihm sogar, das Orchester zu inspirieren, indem er ihm starke expressive Akzente entlockte.

Zum Abschluss dieses Berichts ist zu bemerken, dass die Orchesterbegleitung zum Solokonzert diesmal relativ sorgfältig vorbereitet war, lediglich im ersten Teil störte eine gewisse Unregelmäßigkeit des Tempos.

Übersetzung: Gerhard Gnauck