Luxus im Sozialismus

Auf DDR-Traumschiffen gab es sogar Telefone

Ein Buch beschreibt die luxuriösen Reisen der DDR-Bürger auf See. Mit dem realen Sozialismus hatte das nichts zu tun.

Es bleibt ein Widerspruch in sich: Kreuzfahrt und Sozialismus, Überfluss und Mangelwirtschaft, Freiheit und begrenzte Reisemöglichkeiten. Der Historiker Andreas Stirn hat eine Dokumentation über ein paradoxes Stück Reisegeschichte veröffentlicht. In "Traumschiffe des Sozialismus" erzählt er vom Luxus einer DDR-Kreuzfahrt.

Drei Kreuzfahrtschiffe fuhren zwischen 1960 und 1990 unter DDR-Flagge über die Meere - in die Karibik, nach Kuba, in die norwegischen Fjorde, durch das Mittelmeer und ins Schwarze Meer. Sie hießen "Fritz Heckert", "Völkerfreundschaft" und "Arkona". Nach Willen der SED-Führung sollten "verdiente Werktätige" als Belohnung Ferien auf den Weltmeeren machen können und nebenbei dem Klassenfeind die Überlegenheit des Sozialismus demonstrieren.

Etwa 280.000 DDR-Bürger hatten das Glück, solch eine Seereise zu unternehmen. 225 Passagiere und Besatzungsmitglieder zeigten sich undankbar und flüchteten bei Landgängen oder durch tollkühne Sprünge von Bord. Die meisten beließen es bei Fluchtfantasien in den ersehnten Westen.

Der Gedanke an einen Bruch mit dem Leben in der DDR, schreibt der Historiker Andreas Stirn, gehörte zu einem der stärksten Reize einer Kreuzfahrt. Der bloße Anblick des "fernen Westens" machte einen großen Teil des Erlebniswertes einer Seereise aus. Auf See gab es Dinge, die es eigentlich nicht geben durfte: Die Schiffe fuhren durch westliche Hoheitsgewässer, legten in Ausnahmefällen in Häfen des "nichtsozialistischen Auslands" an. Meistens fuhren sie in Sichtweite vorbei - dann standen Passagiere mit Ferngläsern und Fotoapparaten an der Reling. Als Passagiere einem Nato-Kriegsschiff zuwinkten, wurde eine Versammlung einberufen, auf der dieses Verhalten als ungebührlich kritisiert wurde.

Der Autor lässt in seinem Werk viele Zeitzeugen zu Wort kommen, zitiert aus Gästebüchern und Archiven. Die drei Kreuzfahrtschiffe verkörperten einen Luxus, der im Alltag fehlte. Auf der "Arkona" wurde auf Wunsch das Frühstück ans Bett serviert, jede Kabine hatte einen Telefonanschluss, während viele DDR-Bürger jahrelang auf einen Telefonanschluss warten mussten. Die Bordküche bot zu jeder Tischzeit verschiedene Essen an. Auf einer Kuba-Reise wurden "ratinierte Schildkrötensuppe, gespickte Rindslende, Heilbuttröllchen und zum Abschluss ein Cocktail Manhattan" serviert. Viele Passagiere fotografierten die opulenten Buffets. Manchmal wurde Haifischsuppe, Känguruschwanzsuppe und Geflügelleberpastete angeboten. Die Mannschaft beschwerte sich hin und wieder über das raffgierige Verhalten mancher Urlauber: "Lebensmittel wie Kräuterkäse werden in den Handtaschen mit aus dem Restaurant genommen; ebenso Geschirr".

Kostümfeste gehörten als Bordunterunterhaltung zu fast jeder Seereise. Beliebt waren Tanzabende, Kolumbusfeste zur Erinnerung an den Entdecker Amerikas und Saunaabende. Kaum besucht wurden politische Veranstaltungen. Die Urlauber wollten Erholung und Spaß. Bei den Solidaritätskonzerten, die fester Bestandteil jeder Seereise waren, wurden zur Legitimation erst einige "Arbeits- und Kampflieder" gespielt - anschließend wechselte die Bordkapelle auf Klassik, "La Paloma" und "Man müsste noch einmal 20 sein".

Einzige Mangelware waren Liegestühle. Auf der "Völkerfreundschaft" gab es 240 Liegestühle für 540 Passagiere. Ein Passagier schrieb während einer Karibikreise 1970 ins Gästebuch: "Bereits vor 5 Uhr begann der Kampf um die Liegestühle."

Eine Kreuzfahrt galt als Statussymbol: Für eine Reise nach Kuba mussten in den 80er-Jahren bis zu 6000 Mark gezahlt werden. In manchen Fällen übernahmen die Betriebe einen Teil der Kosten.

Vor allem Souvenirs, mit denen man die Teilnahme an solch einer exklusiven Kreuzfahrt dokumentieren konnte, waren besonders beliebt. Andere Passagiere vermieden es wegen des Überflusses an Bord nach ihrer Rückkehr über ihre Reise zu berichten. Eine Passagierin der "Arkona", die sich das Geld für die Reise mühsam zusammengespart hatte, erzählt: "Es war ja alles luxuriös auf dem Schiff. Und deshalb, das muss ich auch ehrlich sagen, hab ich gar nicht so viel meinen Kolleginnen erzählt." Sie wollte lieber keinen Neid erwecken. Wer in der DDR eine Seereise antrat, geriet leicht in den Verdacht, ein "Bonze" zu sein, viel Geld zu haben.

Ein Überbleibsel dieser ostdeutschen Kreuzfahrtgeschichte ist ein Spruch: "Wir sind doch hier nicht auf der 'Fritz Heckert'!" Er bedeutet "keine Extrawurst" und ist eine ironische Antwort auf übertriebene Ansprüche.

Andreas Stirn: Traumschiffe des Sozialismus: Die Geschichte der DDR-Urlauberschiffe 1953 - 1990, Metropol Verlag 815 S., 29,90 Euro