Stirb langsam 4

Zwei Fäuste für ein Daten-Halleluja

Bruce Willis alias John McClane ist ein Überbleibsel der alten, analogen Gesellschaft. Im vierten Abenteuer von "Die hard" wagt er den Aufstand der Alten gegen Hacker, Computerfreaks, Daten-Terroristen. Diese altmodische Art schauen wir uns ziemlich gern an.

Der neue Bruce Willis heißt im Original "Live Free or Die Hard", offenbar eine (für Nicht-Amerikaner) obskure Anspielung auf das Motto des Bundesstaates New Hampshire, "Live Free or Die". Im Rest der Welt heißt der Film schlicht "Die Hard/Stirb langsam 4.0", und dies fasst in meisterlicher Kürze die Komponenten dieses Blockbusters zusammen, nämlich die Rückkehr des John McClane zu einem vierten Abenteuer, in die Welt der Datenverarbeitung.

Was natürlich ein Widerspruch in sich ist, wie "Quadratur des Kreises" oder "intelligente Kriegsführung", denn McClane und Computer sind hundertprozentig inkompatibel.

Als Mr. McClane uns vor 20 Jahren erstmals mit seinem Haifischgrinsen beglückte, gab es keine Handys, kein Internet, und PC stand noch klar für political correctness. In diesem analogen Gestern verharrt McClane auch im Jahr 2007, und die zwei Jahrzehnte zwischendurch hat er offenbar mit einer bitteren Scheidung und bei den Anonymen Alkoholikern verbracht; immerhin beschäftigt ihn die New Yorker Polizei noch, wenn auch mit Routinejobs wie dem Abholen von Zeugen.

Lieber mit den Fäusten als mit Tastaturen

Bruce Willis ist Anfang Fünfzig, und John McClane versteckt sein Alter auch nicht; in Nahaufnahmen erkennt man deutlich die Falten am Hals des Helden. Fit ist er noch, und gleich zu Anfang sprintet und hechtet er gewaltig, um den jungen Hacker Matt Farrell (Justin Long in einer einst für Justin Timberlake vorgesehenen Rolle) einem mysteriösen Killerkommando wegzuschnappen. Es ist dies aber eine rein körperliche Fitness, denn den ganzen Film hindurch versteht McClane eigentlich nicht, was warum wie geschieht - ein Überbleibsel aus der analogen Vergangenheit.

Vordergründig geht es in "Stirb langsam 4.0" um das Ringen zwischen der Regierung und einem Bösewicht, der das gesamte elektronische Netzwerk der Vereinigten Staaten lahmzulegen trachtet. Letztendlich findet auf der Leinwand jedoch ein Kampf um eine andere Vorherrschaft statt: Fäuste gegen Tastaturen, Muskeln statt Datenfernübertragung, reale versus virtuelle Welt. John McClane verkörpert seine Generation, die Fünfziger, die sich mit dem ganzen Computerzeug arrangiert, aber nicht befreundet haben, und Probleme weiter lieber per Links/Rechts- statt per Tastenkombination lösen.

McClane vertraut auf Greifbares

Im Grunde spielt "4.0" durch, was geschieht, wenn materielle und elektronische Sphäre an ihren Schnittstellen zusammenprallen. Gleich zu Anfang drückt ein Hacker auf "Delete" - aber anstatt ein Programm zu löschen, löscht er sein eigenes Leben aus, weil plötzlich das Gerät explodiert; aus dem Wegwischen im Cyber-Raum wird ein Inferno im Wohnzimmer.

Immer wieder konfrontiert der Film das fragile, störungsanfällige virtuelle Netz mit der rohen, physischen Präsenz von Mr. Unzerbrechlich, und ein ums andere Mal wäre die virtuelle Welt verloren, eilte nicht dieser grobe Klotz mit seinen Fleischerhänden zu ihrer Rettung.

Ein faszinierendes Konstrukt, denn auch außerhalb des Kinosaals findet diese Auseinandersetzung ja statt; der Eindruck verbreitet sich, die Wertschöpfung dieser Welt resultiere zunehmend in nicht mehr Greifbarem. John McClane hingegen glaubt unbeirrt an Dinge, die er anfassen (oder eigenhändig zerstören) kann, steht für Alte statt Neue Technik. Der Film befindet sich in vollster Übereinstimmung mit ihm, das merkt man vor allem an den Action-Szenen, die zwar auf Computertricks nicht verzichten, wo aber das Handfeste, Mechanische dominiert

Parallelen zu Fight-Club

Es ist, als ob das von seinem digitalen Rivalen eingeschüchterte analoge Kino plötzlich sein Haupt erhöbe und sagte: "So spektakulär schaffe ich das auch.". Am schönsten zeigt sich dieses trotzige Selbstbewusstsein, wenn Low Tech und High Tech sich duellieren, sprich, ein einsames Automobil auf dem Boden mit hoch technisierten Luftfahrzeugen. Dreimal tritt McClane zu diesem ungleichen Kampf an, und dreimal holt er den Hubschrauber oder das Kampfflugzeug vom Himmel.

"Stirb langsam 4.0" ist ein Film für die analog majority, des gesunden konservativen Skeptizismus' gegenüber einer sich in Bits und Bytes verflüchtigenden Welt. Die Hauptbedrohung hier sind keine Flugzeuge mit Selbstmordattentätern oder in die Großstadt geschmuggelte Mini-Atombomben.

Die Bedrohung ist fast abstrakt (obwohl es natürlich noch einen Drahtzieher gibt) und besteht letztlich in der Löschung sämtlicher Computerdaten bei sämtlichen Finanzinstituten; eine radikale Maßnahme, die auch Brad Pitt in "Fight Club" bereits anstrebte. Dies wäre der große Gleichmacher auf unserem Planeten des immer ungerechter verteilten Reichtums, aber Bruce Willis verhindert den Daten-GAU, weil es das Pflichtbewusstsein seines Cops verlangt.

Computeranimationen sprechen Nachrichten

John McClane rettet die Welt also einmal mehr, aber ohne innere Überzeugung. Einmal sieht er im Fernsehen, wie gerade das Kapitol in Washington bei einem Terroranschlag in die Luft gesprengt wird, und er sprintet los, um an den Tatort zu gelangen - bis ihn der junge Hacker Matt zurückholt, der längst durchschaut hat, dass die Cyberterroristen lediglich eine Computeranimation in den TV-Kanal geschmuggelt haben.

Es ist nicht mehr McClanes Welt und womöglich auch nicht die Welt der wwwunderkinder. "Du hörst Nachrichten?" wird er von seinem Hackerschützling in einer seltenen ruhigen Minute entsetzt gefragt. "Ist doch alles manipuliert, damit wir Angst bekommen!"

Am Schluss deutet sich ein Schulterschluss der Generationen an. Matt Farrell haut dem Schurken eine Eisenstange ins Kreuz - und John McClane überlässt ihm, quasi als Belohnung für soviel handfeste Tatkraft, sein Töchterlein.