US-Literatur

Tennessee Williams – Plädoyer für gelebten Eros

Der amerikanische Schriftsteller Tennessee Williams war ein Anwalt der Zerbrechlichen. Daher sind seine Stücke auch zum 100. Geburtstag hochaktuell.

Famous last words sind aus der amerikanischen Literatur nicht eben häufig in den deutschen Sprachschatz eingegangen. Wir halten uns hierzulande eher an so markige Sätze wie "Dem Manne kann geholfen werden" oder "Kein Geistlicher hat ihn begleitet". Doch einen dramatischen Schlusspunkt gibt es, der auch bei uns sprichwörtlich wurde, obwohl er aus dem Theaterstück eines Amerikaners stammt. Das Stück heißt "Endstation Sehnsucht", seine weibliche Heldin Blanche Dubois. Und wenn dieselbe am Ende eines langen Tages Reise in die Abgründe der menschlichen Seele von einem Polizisten abgeführt wird, dann sagt sie: "Ich habe mich immer auf die Freundlichkeit von Fremden verlassen."

Ein Satz, an dem sich bis heute die Fans des psychologischen Theaters von Tennessee Williams erkennen. Ein Satz, in dem der ganze Autor steckt, der einmal von sich gemeint hat, alles was er schreibe, seien "Plädoyers für die Zerbrechlichen". "Ich habe mich immer auf die Freundlichkeit von Fremden verlassen": Dieses Lebensfazit einer Zerbrochenen muss eine gute Darstellerin der Blanche Dubois erhobenen Hauptes sprechen. Und doch muss sie auch den Wahnsinn leise nachzittern lassen, der darin steckt.

Er liebte es, "Blanche" genannt zu werden

Einer Marie Antoinette beim Gang auf das Schafott gleich, muss sie die schon ans Absurde grenzende Kühnheit einer vom Alkohol zerrütteten, durch viele Liebesenttäuschungen gegangenen Frau zum Ausdruck bringen, die noch dem namenlosen Polizisten, der seines Amtes waltend, sie in Haft nimmt, nicht nur huldreich den Arm reicht. Nein, sie gibt ihm auch noch zu verstehen, dass sie, ganz und gar große Tragödin, den kleinen Beamten für einen Gentleman hält, denn nur ein Gentleman wäre ihrer würdig. Und nur einem Gentleman gewährt sie generös die Gratifikation, dass sie sich "auf seine Freundlichkeit verlässt".

"Blanche Dubois, c'est moi", hätte der Südstaatler und langjährige Bewohner des so eminent französisch geprägten New Orleans Tennessee Williams, der am 26. März 1911 in Mississippi zur Welt kam, in Erinnerung an einen Kollegen aus dem alten Europa von sich sagen können. Und er hörte es gern, wenn seine Freunde ihn "Blanche" nannten. Einer seiner Lieblingsregisseure, Luchino Visconti nämlich, hatte es aufgebracht, und dabei blieb es dann auch.

Fünfzehn triumphale Jahre

Wie die meisten Homosexuellen seiner Generation identifizierte sich Tennessee "Blanche" Williams mit starken Frauen. Starken Frauen, die am Ende zerbrechen, dies jedoch in Schönheit, sollte man vielleicht hinzufügen. Denn das tun sie alle, die zu seiner Galerie unvergesslicher Gestalten gehören. Denken wir nur an die Laura seiner "Glasmenagerie", mit der er schlagartig berühmt wurde, als das Stück 1945 uraufgeführt wurde. Oder denken wir an die Karen aus seiner bekanntesten Erzählung "Mrs. Stone und ihr römischer Frühling", die 1950 zum ersten Mal erschien.

Auch mit dieser Karen hat der 40-Jährige, gewissermaßen prophetisch, eine Ich-Figur geschaffen: Ähnlich wie diese Schauspielerin mit ihrem späten trügerischen zweiten Frühling in Rom, kannte Tennessee "Karen" Williams alles in allem 15 triumphale Jahre. Zwischen 1945 und 1960 schleuderte er Jahr für Jahr einen Welthit aus sich heraus. Aber jenseits der Fünfzig ging es rapide mit ihm bergab, wie er auch unumwunden in seinem letzten erfolgreichen Buch, der Autobiografie von 1975, detailliert zu Protokoll gab. Als haltloser, drogenabhängiger, promisker Sexmaniac ist er dann schließlich mit 71 Jahren gestorben. Man fand ihn tot in einem New Yorker Hotelbett. Die Autopsie ergab, dass er am Plastikverschluss einer Medikamentenpackung erstickt war.

Grandiose Filmadaptionen

Er hat es nicht mehr erleben dürfen, dass er in den vergangenen zehn Jahren eine rauschende Renaissance erfuhr. Allein in Deutschland reißen die Neueinstudierungen seiner beliebtesten Stücke nicht ab, obwohl doch die meisten von ihnen ihre definitive Version im Kino erlebt haben – erinnern wir uns an "Die Katze auf dem heißen Blechdach" mit Liz Taylor und Paul Newman, an "Die tätowierte Rose" (eine Paraderolle für Anna Magnani) oder an das atemberaubende Filmdebüt von Marlon Brando als Testosteronbombe Stanley Kowalski in "Endstation Sehnsucht".

Keine Neueinstudierung dieser Stücke im deutschsprachigen Raum, nicht in Berlin, wo Thomas Ostermeier sich sehr respektabel an der "Katze" versuchte, nicht einmal in Wien, wo sich Andrea Breth ziemlich matt dem Stück zuwandte, konnte die charismatische Intensität erreichen, welche die legendären Film-Adaptionen aufweisen.

Nicht gelebte Homosexualität

Und doch versuchen es auch jüngere Regisseure aller Orten immer wieder - weil Williams' Dramen, auch wenn man sie noch so skelettiert oder dekonstruiert, immer noch den Zuschauer mit ihren packenden Seelendramen in ihren Bann ziehen. Vor allem aber verweisen sie als letzte Ausläufer jenes psychologischen Theaters, das eigentlich schon von Ibsen oder Tschechow zu seinem Höhepunkt geführt worden war, auf eine Vorstellung vom menschlichen Dasein, das "aus einem Punkte" erklärt werden kann.

Immer gibt es bei Tennessee Williams' Figuren die große Lebenslüge oder den Verrat am eigenen Eros, meist in Form nicht eingestandener oder zumindest nicht gelebter Homosexualität seiner männlichen Protagonisten, auf die alle Probleme und Konflikte zurückzuführen sind. Wir wissen längst, dass sich das Leben der meisten Menschen weitaus komplexer darstellt, und das Drama der verdrängten Homosexualität hat sich ohnehin schon seit geraumer Zeit, zumindest in der westlichen Welt, buchstäblich in Wohlgefallen aufgelöst. Aber die Zerbrechlichen, die gibt es noch. Um die muss man sich in der beschleunigten Welt des galoppierenden, schrankenlosen Kapitalismus mindestens so sehr kümmern wie zu Tennessee Williams' Zeiten. Und so dürfen wir wohl davon ausgehen, dass seine Stücke auch in den nächsten zehn Jahren zu den treuen Begleitern unserer Theater-Besuche gehören werden.