Volksbühne

Eine Oper von und für Icke und die Opfer

Icke & Er sind eine Hip-Hop-Combo aus dem Internet und wollten eigentlich nicht berühmt werden, sondern Underground-Projekt bleiben. Jetzt stellen sich die spitzzüngigen Rapper selbst ins Rampenlicht mit dem Musical "Icke - die Oper". Ein Stück, das soziale Abgründe aufzeigt.

Foto: Thomas Aurin

Irgendjemand muss sich verschrieben haben. Die von der Volksbühne vielleicht, oder jemand in der Druckerei. „Icke – Die Oper“, das stand überall, feiert Premiere. Aber eigentlich ist es eher ein Musical und der bessere Titel wäre „Icke – Die Opfer“ gewesen. Das hat Icke, von Icke & Er, der einer HipHop-Band ähnlichen Combo aus dem Internet, die vor ein paar Jahren mit „Richtig Geil“ anfingen Kalenderweisheiten aus Spandau schlau zu vertonen, am Ende doch auch gesagt: „Icke – die Opfer“. Denn in der Revue an diesem Abend ging es vor allem ums Scheitern, um soziale Randgruppen oder Opfer, wie man im Milieu sagt. Eben das, was Icke & Er in Spandau verorten, dem Bezirk, den sie sich vor Jahren für ihre fiktive Herkunft ausgesucht haben.

„Wer keine Veränderung will, der soll in Spandau bleiben“ hatte Icke im Interview mit einem Stadtmagazin gesagt. Eigentlich geben sie keine Interviews. Nie. Aber da man ja jetzt Steuergelder ausgibt, fühlen sie sich vielleicht auch etwas verpflichtet, die Message in die internetfernen Schichten zu transportieren. Und um Veränderung geht es an diesem Abend. Dass die immer passiert, dass sie auch mit Entscheidungen zu tun hat, die man selbst trifft. Aber das ist jetzt auch schon etwas gutwillig hinein interpretiert. „Die Message ist die Message“.

Im Stück gibt es mehrere Personen, von echten Schauspielern gespielt. Da ist die Elendsbeziehung eines Eckkneipenpärchens inklusive Alkohol- und Sexproblem („Nüchtern betrachtet, is mir dit allet zu fülle“), da ist das dicke Kind, dem Pop- und Internetwelt das Hirn ersetzt haben („Hast du mich auf die Ignore-Liste gesetzt?“), die Sexarbeiterin, eine Erregungsmaschine, die eigentlich auch ganz gern mit Icke gehen würde („Ich will Sex oder promovieren“), und die Mutter von Icke hustet das nikotinverseuchte Leid der Alleinerziehenden heraus. Und dann gibt es ja auch noch Icke und der leidet darunter, dass er immer witzig sein muss, Vorbild sein, Hände schütteln, Icke werden und trotzdem auch noch die ausgeliehenen Videos zurückbringen müssen. Und das ständig alle wissen wollen, wer denn dieser Icke und dieser Er überhaupt sind, obwohl es doch erstens Kunstfiguren sind, hinter die man gar nicht blicken muss, und das, zweitens mit den vielen Identitäten allein von Icke, schon recht schwer zu klären ist, nervt auch ganz schön ab. Dann gibt es noch einen psychotischen Grillwalker, der vom Fliegen träumt, einen alten Mann, der entweder Penner oder Millionär ist, und der immer die Grenzen vom Theater zur Realität einreißt, bevor man sich unterhalten fühlen könnte, um sie jedoch gleich wieder aufzubauen („Alles hier ist inszeniert“). Und dann gibt es Er, oder zumindest den, der den spielt, der Er spielt, und er sitzt den ganzen Abend am Spielautomaten am Bühnenrand.

Soweit die Handlung. Das Bühnenbild von Michael Graessner bietet eine Showtreppe, ein großartiges Gebilde, das Laufband und Rednerpult zugleich ist, ein Gehirn im Himmel, eine Kneipe mit Deutschlandfahne. Wie üblich in modernen Produktionen wird wild zitiert. Die Kunstsprache aus „Fear And Loathing“, Christina Aguileras „Beautiful“ („Ich bin schön, egal was die anderen sagen“) oder Madonnas „Frozen“. Die Mutter singt ein Schlaflied („Schlaf Kindchen, das Leben macht dich klein, nur in deinen Träumen wirst du immer König sein“) und der Chor singt ein Wutbürgerlied („Rasen mähen, Kinder schlagen (...) Hier ist noch nichts zu Ende, wir greifen noch mal an“), alles wird mit Liveband gespielt, Opfer-Oper eben.

Es seien so viele Fragen aufgetaucht, dass eine Videobotschaft im Netz die Grenzen sprengen würde, erklärt Icke den Grund der Veranstaltung. Doch von Antworten keine Spur. Man müsse dem Publikum nichts mitgeben, das könne ja selber denken, so lautet die Ausrede dafür. Es ginge ums „Einatmen, Ausatmen und nicht durcheinander kommen“, „Machet einfach“, sagt Icke, der die große Kunst des „So siehtet nämlich mal aus“ beherrscht. „Dass das die Volksbühne nötig hat, ist krass“, sagt jemand beim rausgehen, „The Sky is the Himmel“, sagt Icke.