Japan

Takashi Murakami – Allegorien des atomaren Traumas

Er ist einer der wichtigsten japanischen Künstler: Murakamis schrille Figuren sind Allegorien von Hiroshima und Nagasaki.

Sie kommen grinsend, fröhlich und grell bunt daher. Doch der Widerspruch zwischen virtueller Wahrnehmung und interpretatorischer Dichte, die Japans Starkünstler Takashi Murakami seiner Kunst verleiht, ist groß. Denn seine kindlichen Kultfiguren Kaikai und Kiki stehen für eine Kunst, die das japanische Trauma von Hiroshima und Nagasaki durch die atomaren Vernichtungsschläge im August 1945 zum Ausdruck bringt. Kaika und Kiki versinnbildlichen nicht nur das Gute und das Böse. Sie visualisieren Erniedrigung und Infantilisierung Japans durch die amerikanische Kultur. Sie sind künstlerische Befreiungsschläge.

Am sichtbarsten und eindeutigsten kommt Murakamis ikonografische Vergangenheitsbewältigung in seinen Abbildungen des Atompilzes zum Ausdruck, zum Teil märchenhaft, zum Teil aggressiv, feindlich. Meistens verlangen die von Murakami inszenierten grinsenden Mangas mit Kulleraugen vom Betrachter viel interpretatorische Eigenleistung, um dahinter Allegorien des Traumas der Niederlage zu entdecken.

Ohnmacht vor dem Unerträglichen

Wenn Murakami über sein Land und dessen Vergangenheit redet, bleibt er gelassen, ruhig und stoisch. Eine Haltung, die Teil des Nationalgefühls ist. Amerika habe Japan ernährt und erhalten und habe seinem Land gezeigt, dass die Bedeutung des Lebens in der Bedeutungslosigkeit liege, sagt der Künstler.

Der 49-Jährige bildet in seiner Pop-Kunst die Ohnmacht vor dem Unerträglichen ab. Er greift dabei auf die Otaku-Kultur zurück, die auf der Grundlage der Rekonstruktion eines “Pseudo-Japans“ nach der Zerstörung des alten Japans beruht. Seine Comic-Figuren und sein nackter Cowboy mit Spermalasso sind Ausdruck dieser Welt der Traumata und des von Amerika übergestülpten Massenkonsums.

Murakami zählt zu den Spitzenverdienern und gilt als Business-Künstler. Wegen seines ausgeprägten Geschäftssinns – er steht an der Spitze eines 120-Mitarbeiter zählenden Unternehmens mit Filialen in Tokio und New York – ist er nicht unumstritten. Wie kein anderer verwischt er die Grenzen zwischen Kunst und Kommerz und versteht sich selbst als Marketingkünstler. Aber vielleicht ist dieses kapitalistische Kunstkonzept letztendlich der ureigenste Ausdruck seiner Kritik an der heutigen Gesellschaft.