Ausstellung

Wie Liebermann das Meer lieben lernte

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Gabriela Walde

Foto: Sammlung Würth, Künzelsau / Sammlung Kunst der Westküste, Alkersum/Föhr

Eigentlich mochte Maler Max Liebermann das Meer überhaupt nicht. Zu verkitscht erschien es ihm durch romantische Kunst. Doch dann entwickelte er einen eigenen, fast impressionistischen Zugang, dem die Wannsee-Villa nun eine Ausstellung widmet.

Gerade jetzt, wo sich viele irgendwie an einen Strand hinwegträumen aus den urbanen Tagesgeschäften, mag es absurd klingen, aber: Max Liebermann hasste das Meer. Nicht die mondänen Seebäder zur Erholung, nein, die brauchte auch er, um sich von der lauten Stadtwohnung am Brandenburger Tor zu erholen, noch bevor er sein Wohn- und Gartenidyll am Wannsee bezog. Es war das Wasser als Motiv seiner Malerei, das ihm anfangs nicht ins Konzept passte. Zu reaktionär!

50 Gemälde, Aquarelle und Pastelle

Das Meer war für ihn durch die Romantik mit ihrem pathetischen Zugriff und die biedere Salonmalerei verdorben. Sturm und Brandung? Zu dramatisch, zu literarisch. Er fand für sich als Künstler mit naturalistischem Ansatz einfach keine Möglichkeit, auf innovative Weise damit umzugehen. Von Überhöhung hielt er nichts: „Nur wer die Natur als ein Lebendiges empfindet, kann sie lebendig darstellen, und nur der ist ein Künstler.“ Authentizität, das war sein Credo, und wusste malerisch doch nicht, wie er diese umsetzen sollte. Die holländische Nordseeküste mit ihren lichtdurchfluteten Sandstränden bereiste Liebermann, oft in Begleitung von Frau und Tochter, bereits seit Anfang der 1870er für längere Studienaufenthalten. Zu dieser Zeit malte er noch die einfachen Menschen in ihrem Alltag, die Bauern, Netzflickerinnen und Handwerker auf dem Lande, und nicht das Meer, die Landschaft drumherum oder gar die Atmosphäre als Phänomen. Er führt den Betrachter in Arbeiten wie „Karre in den Dünen“ oder „Alte Frau mit Ziegen“ buchstäblich nur bis knapp an den Strand.

Doch in den 1890er Jahren sollte sich seine Meinung grundsätzlich ändern. Jetzt erst warf er einen Blick auf die Dünenlandschaft, das Wasser und die weiten, weiten Wogen. Die erste, die zusammen mit dem Meer auf die Leinwand kam, war seine Frau Martha, die er 1885 in Scheveningen malte. Martha sitzt ganz entspannt im Sonnenstuhl auf dem Balkon des Hotelzimmers, durch das Gitter hindurch sieht man den Strand blitzen. Eine erste Annäherung in zartem Gelb und Blau. Ein Jahr später wagte sich Liebermann in „Badende Knaben“ direkt an den Strand von Zandvoorten, sieht eine Gruppe unbekümmert einheimischer Jungs, wie sie sich aus- und anziehen und/oder ins kalte Wasser hüpfen. Im Hintergrund befinden sich Badekörbe mit den wohlhabenden Sommergästen. Liebermann beginnt mit Studien in Kreide und Öl, ehe das große Gemälde „Badende Knaben“ entsteht, das heute in den Bestand der Pinakothek in München gehört und als erstes Strandbild des Berliner Künstlers gilt.

Die Liebermann-Villa am Wannsee, startet ab 17. April mit der maritimen Ausstellung „Max Liebermann am Meer“ in die Frühjahrsaison. Gezeigt werden rund 50 Gemälde, Pastelle und Graphiken, die die Bandbreite der Meeres- und Stranddarstellungen Liebermanns beleuchten sollen. Schätzungsweise 150 Arbeiten zu diesem Thema entstanden in Liebermanns sommerlicher „Kernzeit“ von 1895 bis 1914. Jene Zeit, die eine Zäsur im Werk von Liebermann darstellt: „In den Bildern vom Meer wird Max Liebermann zum Impressionisten“, so die These von Martin Faass, Leiter des Hauses.

Der französische Impressionismus stellte die Malerei auf eine neue Basis, in dem er die Leinwand in eine feine Struktur aus flirrenden, flimmernden Licht- und Farbflecken „zerlegte“ und somit die Materialität der Dinge auflöste. Die Impressionisten malten zudem „pleinair“, in freier Natur und direkt vor dem Motiv – sie waren an der momentanen Erscheinung der Gegenstände interessiert, nicht am Status Quo. Sie waren es auch, die bürgerliche Freizeitgestaltung als neues Thema entdeckten und mit ihr auch andere Motive. Sonnenschirme, Picknick, Segeln, Baden und Pferde hielten fortan Einkehr in die Malerei.

Mehr Licht und Leuchten

Durch den Einfluss der Impressionisten, die Liebermann bald selbst zu sammeln begann, änderten sich auch seine Bildmittel, vor allem aber sein Zugriff auf die Farbe, die lichter und leuchtender wurde. Im Sommer 1900 verlegte er während seines Urlaubs in Scheveningen sein Atelier kurzerhand an den Strand. Er war nicht alleine, sondern zusammen mit seinem Malerkumpel Isaac Israels, gemeinsam erarbeiten sie Motive wie „Eselreiten am Strand“ und „Pferde“.

Wer den Kunsthistoriker Herbert Malecki kennt, weiß um dessen schriftlich verfasste Ikonografie des Meeres in der Kunstgeschichte: der Strand steht für Neuanfang und Aufbruch, aber gilt zugleich auch als ein Ort des Scheiterns mit seinem unendlichen Horizont. Schrecken, Dämonie, Traum, Erhabenheit und unendliches Blau – das Wasser bindet also viele Vorstellungen und Visionen. Ohnehin aber hatte zu Liebermanns Zeiten, mit zunehmender Industrialisierung, das Interesse der Malerei an Szenen wie Schiffbruch oder Untergang längst abgenommen. Die Romantik hatte noch das Übermächtige der Natur beschworen, der der Mensch schlicht ausgeliefert war. Den Impressionisten und in deren Gefolge auch Liebermann aber ging es weniger um diese inhaltliche Durchdringung, sondern ganz einfach um die weite Oberfläche und den luftigen Widerschein des Lichtes mit seinen hüpfenden Punkten und deren malerische Übertragung auf die Leinwand. Der Strand als Metapher der Befreiung. Auf der kleinen Öl-Pappe (1900) ist der „Strand von Scheveningen“ mit seinen Segelbooten ein einziges Meer aus bunten Punkten, nur gehalten durch den Himmel. Viel flächiger und strukturiert dagegen das mondäne Panorama „Strandleben“ von 1916 aus Privatbesitz. Da flanieren die betuchten Sommergäste mit Schirm und Hut am Wasser entlang. Der Berliner Großbürger Liebermann hat sich dort sicher gerne eingereiht.

Badete er eigentlich gerne? Über dieses und vieles mehr gibt es ab Ende August wohl einiges zu lesen. Dann soll der erste Band der achtbändigen historisch-kritischen Gesamtedition erscheinen, die rund 2500 großteils unveröffentlichte Briefe des Malers umfasst.

LIEBERMANN-VILLA AM WANNSEE, Colomierstraße 3. Tel. (030) 80585900. „Max Liebermann am Meer“, ab 17. April 2011. Täglich außer dienstags 11 - 17 Uhr. Bis 15. August 2011.