Oper

Wozzeck schreit aus einem Kellerloch

Triumph der Staatsoper im Schiller-Theater: Andrea Breth inszeniert einen großartigen „Wozzeck". Trotz schlechter Akustik gibt es tosenden Beifall für die fast perfekte Sängerbesetzung.

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Alban Bergs „Wozzeck“ ist die menschlich berührendste, gleichzeitig die kunstreichste Oper der Moderne. Das liegt auch daran, dass Bergs Werk auf einer klassischen Vorlage gründet, die sich von Anfang wie mit Händen und Füßen gegen die Einordnung in die Klassizität wehrte und damit überaus erfolgreich gewesen ist. „Wozzeck“ geht unter die Haut. Es schmeichelt sich nicht ein. Ihm wohnt eine ernst zu nehmende Schreckensgewalt inne. Es verschlägt seinem Publikum mit seiner nicht aussetzenden Binnenspannung die Sprache. Mit einem Wort: Es ist durch Inhalt und dramatischen Aufbau aktuell geblieben, und Berg hat musikalisch dafür gesorgt, dass es dabei bleibt.

Die Akustik ist problematisch

Der von Berg in Musik verewigte „Wozzeck“ hat Büchners „Woyzeck“-Dichtung auf den Theaterbühnen wohl schon überrundet. Zuletzt hat die Staatsoper, noch Unter den Linden, das Werk auf die Bühne gebracht, damals schon mit Daniel Barenboim an der Spitze der Staatskapelle. Eine Schallplatteneinspielung dieser denkwürdigen Aufführung kann man jetzt im Schiller-Theater erstehen. Sie ist überaus hilfreich bei der Ergründung des Werks. Denn das wahrhaft unüberhörbare Handicap der fabelhaften Neuinszenierung des Werkes durch Andrea Breth, vom Pult aus wieder von Barenboim beflügelt, liegt in der Akustik des Hauses, das nun einmal für Büchners, nicht aber für Bergs musikalisches Drama erbaut wurde. Trotz aller noch so aufwendiger Revisionen im Saal: Er klingt nicht. Die Akustik mauert. Sie musiziert nicht als dienender Geist mit dem Orchester mit. Der Klang bleibt meist trüb und spröde, wenn er überhaupt den Hörer erreicht. Das Klangbild bröckelt sich sozusagen durch die Partitur, so stark Barenboim auch versucht, es zusammenzuhalten. Er kämpft auf verlorenem Posten – und leider ist es gleichzeitig der Alban Bergs. Man hat sich halt damit abzufinden, so sauer man auch darüber wird.

Und dies umso mehr, als alles darauf hinweist, dass Berlin mit dieser Einstudierung die denkbar großartigste „Wozzeck“-Aufführung zustande gebracht hat. Sie überflügelt selbst die unvergessliche Erinnerung an die Inszenierung von Patrice Chéreau. Dies Wunder ist rundum Andrea Breth und ihrem Team zu danken, überdies einer annähernd makellosen Sängerbesetzung.

Welche Menschenmassen eine solche aufwendige Inszenierung in Bewegung setzt, ganz abgesehen natürlich vom Publikum, lässt sich am Schluss vom Aufmarsch aller Beteiligten ablesen: Orchester und Bühnenmusiker und Orchesterakademie und Chor und riesiger Kinderchor und Statisterie. Ein vorweggenommener Aufmarsch wie zum 1. Mai

Andrea Breth fängt mit Miniaturbildern an, die sich immer stärker ins Schreckensvolle weiten. Das Geschehen wird anfangs von Martin Zehetgruber auf wenige Quadratmeter eingekesselt, auf denen wechselnd der schmähfreudige Hauptmann Graham Clark, der seinen Gesprächspartnern die Worte geradezu ins Gesicht oder auf die Füße spuckt, oder der Doktor Pavlo Hunka residieren; dieser Doktor, dessen Ernährungsexperimente sogar Heidi Klum fix und fertig gemacht hätten. Und das will etwas heißen.

Paraderolle für Roman Trekel

Auch die arme Marie mit ihrem kleinen Sohn haust in einem derart vergitterten, armseligen Kellerloch. Es weitet sich erst später für die annähernd tobsüchtigen Partys der Bevölkerung mit der Soldateska: diesen Sauf- und Pissorgien und Vergewaltigungen auf offener Szene. Man erhält sozusagen Nachhilfeunterricht über die mörderhafte Herrlichkeit der abgelaufenen Jahrhunderte und der schieren Unmöglichkeit, ihr zu entgehen. Man lernt sehr rasch, den kleinen Fabian Sturm zu bemitleiden, der das Söhnchen Wozzecks und der Marie zu spielen hat. Am Ende liegt die Bühne schwarz, riesig und weit offen da. Sie hat die Menschen, die auf ihr lebten, liebten und sangen verschlungen. Die Oper ist an ihr schreckensvolles Ende gelangt. Alle ihre Mitwirkenden erringen sich reichen Beifall – mit einer einzigen Ausnahme. Nadja Michael, neu im dramatischen Sopranfach, überzieht gelegentlich ihre frisch entdeckten Ausdrucksmöglichkeiten ein bisschen. Darüber hört man ebenso normaler- wie höflicherweise hinweg, zumal Nadja Michael ihre Partie mit der angemessenen Exaltation darzustellen versteht.

Mittelpunkt des Abends ist natürlich Roman Trekel in der Titelrolle, die ihm geradezu zu einer Paraderolle des Elends gerät. Nie zuvor war Trekel mit jedem Satz, jedem Takt, jeder Note derart ausdrucksreich und erschütternd wie in dieser Partie. Lang und hager stakst er über die Bühne und durch seine Rolle, Mitleid erregend und notengetreu. Er ist aufrichtig zu bedauern und zu bewundern zugleich.

John Daszak singt den immerfort halbnackten, herkulisch unwiderstehlichen Tambourmajor, von dessen toller Silhouette sich Florian Hoffmann als Andres, Freund und Leidensgefährte Wozzecks, angenehm abhebt. Katharina Kammerloher und Heinz Zednik ergänzen das Parade-Ensemble. Es zeigte sich geschlossen dem Schlussjubel. Nur die Akustik blieb von ihm ausgeschlossen. Sie erschien, klug wie sie war, gar nicht erst vor dem Vorhang.