Kino

Tapetenwechsel für den Stadtneurotiker – "Match Point"

| Lesedauer: 5 Minuten
Peter Zander

"Match Point" ist der erste Film von Woody Allen, der außerhalb New Yorks entstand. Mit ihm findet der Regisseur zu alter Größe zurück

Als er 17 war, soll Dan Harris, derzeit einer der hofiertesten Drehbuchautoren Hollywoods, von einem Tennisball Woody Allens getroffen worden sein. Daraufhin soll Harris spontan beschlossen haben, Filmemacher zu werden. Diese Anekdote gehört nicht zwingend hierher, paßt aber zum neuen Film von Woody Allen, der auch vom Tennis handelt. Und der gleich zu Beginn eine Metapher über das Glück an einem Tennisball festmacht, der sich an der Netzkante verfängt. Das Glück, heißt es da, wiegt mehr als Talent. Kommt der Ball über das Netz, auf das gegnerische Feld, ist er gewonnen; fällt er zurück, ist er verloren.

Diese Metapher ließe sich natürlich ohne weiteres auf die Kunst des Filmemachens übertragen, zumal deren Wesen sich in zahlenverliebten Zeiten wie den unseren gern auf die Frage Top oder Flop reduziert. Und was Woody Allen selbst angeht, so muß man leider sagen, daß der Ball in diesem Sinne in den letzten Jahren häufig aufs eigene Feld zurückgefallen ist; daß er - der Querschlag auf Dan Harris mag da nur ein Indiz gewesen sein - keine glückliche Hand bewiesen hat. Titel wie "Schmalspurganoven" oder "Im Bann des Jade-Skorpions" weckten nur noch wehmütige Erinnerungen an eine einst starke, nun wohl erschlaffte inszenatorische Hand; andere fanden gar nicht erst ("Hollywood Ending") oder nur mit extremer Verspätung ("Anything Else") den Weg in unsere Kinos. Doch Totgesagte leben länger. Oder kommen, das läßt sich in den Comicadaptionen des durch Allen erleuchteten Harris studieren, um so größer wieder. Mit einem, um im Bild zu bleiben, völlig neuen Aufschlag. Schon der Vorspann von "Match Point" läßt aufhorchen, spielt zu den immergleichen Schriftzügen jedes Allen-Films doch einmal nicht die immergleiche Jazz-Musik, sondern erstmals Opernmusik, wenn auch im selben scheppernden Schellack-Sound. Und alsbald führen die Filmfiguren ihre endlos geistvollen Dispute einmal nicht in den obligatorischen Schauplätzen der Intelligenzia von Manhattan, sondern in der Tate Modern, der Royal Opera, dem Gherkin-Tower, dem St. James Park; ergo in den entsprechenden Kulissen Londons. "Match Point" ist der erste Woody-Allen-Film, der gänzlich außerhalb von Amerika, von New York, von jenen paar Straßenzügen, die das Weltbild des Stadtneurotikers prägten, entstand. Und es soll, das hat er bereits angekündigt, nicht der letzte sein.

Ich brauch Tapetenwechsel: Es ist, als hätte Allen die alte Chansonweisheit von Hildegard Knef beherzigt. Und außerhalb des gewohnten Reviers zu neuem erzählerischen Atem gefunden. Vielleicht, diese Überlegung sei im Nachhinein gewagt, hätte er den Sprung über den Teich schon früher wagen sollen. Er hat jedenfalls mit dem Tennis Court nicht nur ein typisch anglikanisches Fundament gewählt, sondern auch noch einen Witz, der nicht sein eigener ist und den man gleichfalls für very british hält: schwarzen Humor.

"Match Point" ist in verschwenderischer Fülle mehrere Filme in einem. Zunächst der eines Parvenüs. Ein irischer Tennisspieler (Jonathan Rhys Meyers), der es nie zum Profi geschafft hat, der sich aber auch nicht auf ewig als Tennislehrer verdingen will, heiratet, aus ärmsten Verhältnissen kommend, erst passiv, fast widerwillig in die Upper Class ein: die Tragödie eines fremdbestimmten Lebens. Dann ergießt sich der Film scheinbar in Allens ureigenes Metier, die Geschlechterkomödie: durch einen Seitensprung, der sich sinnig durch ein Pingpongspiel ankündigt: mit der Schwägerin (Allens neue Muse: Scarlett Johansson), die als Amerikanerin so fremd ist wie er, als erfolglose Schauspielerin sogar noch etwas fremder. Schließlich nimmt der Film aber noch eine Wendung, die zynischste, unvorhergesehenste. Indem der Parvenü, der sich an den Luxus gewöhnt hat, alles beseitigen will, was dem im Wege steht. Buchstäblich. Auch die lästige Affäre. Das erinnert stark an Allens "Verbrechen und andere Kleinigkeiten"; ist hier aber noch lakonischer, noch schwärzer inszeniert.

Pointiert, aber feinfühliger als sonst, reizt Allen die Gegensätze zwischen Klassen und Geschlechtern aus. Rückt für dieses im Grunde tief im 19. Jahrhundert verwurzelte Drama ganz nebenbei Dostojewski (Schuld und Sühne!) als Kronzeugen ins Bild und läßt es auch mit entsprechenden Opernzitaten kommentieren. Der typische Allen hält sich diesmal so weit zurück, daß er nicht nur nicht mitspielt, sondern seinen Protagonisten einmal nicht als jüngeres, aber gleichsam zauselig zappelndes Alter Ego inszeniert. Jonathan Rhys Meyers füllt diese Rolle mit ganz anderer, viriler, stiller, auch: verzweifelter Kraft. Am Ende wird das eingangs eingeführte Glückssymbol direkt auf ihn übertragen, diesmal mit einem Ring statt des Tennisballs - und löst sich dann doch noch einmal ganz anders auf.

Glück wiegt mehr als Talent: Im Falle Woody Allens kann davon keine Rede sein. Erst vor vier Wochen 70 geworden, beweist er, daß er noch lange nicht aufs Altenteil gehört. Schon seinen letzten Film "Melinda & Melinda" nannten viele seinen schönsten seit langem. Mit "Match Point" beweist er, daß dies kein Zufallstreffer war. Woody Allen hat zu seiner früheren Größe zurückgefunden.