Komische Oper

Dieses Weiße Rößl schnurrt wie aufgezogen

Die Komische Oper hat mit dem Weißen Rößl in der ursprünglichen Fassung eine neue Hörens- und Sehenswürdigkeit auf die Bühne gebracht. Das Publikum durchlachte und feierte die Premiere.

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Im „Weißen Rößl“ kann man das Staunen lernen. Sich dort erholen zu wollen, ist allerdings nicht so einfach. Es ging Ralph Benatzky, dem fleissigen Melodienerfinder, wie seinem inszenierenden Co-Autor Erik Charell, darum, die alte Operettenseligkeit umzuwandeln in den Furor der modernen Revue. Prompt brachten sie 1930 ihr „Rössl“ im grössten Berliner Haus, der „Tropfsteinhöhle“, dem Grossen Schauspielhaus (später in Friedrichstadtpalast umgetauft) zur Uraufführung.

Mit dem kann die Komische Oper natürlich rein räumlich nicht Schritt halten, aber das einander prachtvoll in die Hände arbeitende Team macht trotzdem erfolgreich große Show. Auch wenn sie bedauerlicherweise erheblich zu lang ist. Dreieinhalb Stunden am Wolfgangsee halten die wenigsten Operettentouristen aus.

Also müssen Kürzungen her - und die nicht zu knapp. Dann aber wird sich die Lustigkeit der Aufführung, glücklicher noch als in der Premiere, entfalten. Aber eine Hörens- und Sehenswürdigkeit auf den Berliner Spielplänen ist die Aufführung auch schon jetzt. Sie wurde entsprechend gefeiert und schier unaufhaltsam durchlacht.

Es wiehert bezaubernde Melodien

Das Seltsame: es geschieht im Verlauf der Aufführung dramatisch eigentlich nichts. Das „Weiße Rößl“ tritt ausdauernd auf der Stelle. Es wiehert bezaubernde Melodien. Es gibt sich turbulent. Es zaubert Massenaufzüge des Chors aus dem Hut. Es gibt den Darstellern Bombenrollen, und damit Schluss.

Nur stochert der genialische Regisseur Sebastian Baumgartner, der grossartige Spassmacher, allzu ausgiebig soziologisch herum, die gute, alte kapitalistische Weltordnung in ihrer Rivalität aufzudecken. Schließlich dreht es sich um etwas so weltbewegendes wie den Fabrikanten-Wettkampf um Unterwäsche und mit ihm um die Kardinalfrage, ob die Knöpfe sich vorne oder hinten befinden sollen.

Da aber Unterwäsche meistens gar nicht oder wenn doch zumindest nur schlecht singt, müssen zusätzlich kreuz und quer noch ein paar weitere Kämpfe ausgetragen werden. Es sind die altbekannten und nie zu befriedenden der Liebe. Die aber singt sich noch immer am Melodienseligsten heraus. Selbst von Schauspielern, die gar nicht richtig zu singen verstehen, aber mit einem annähernd unsichtbaren Mini-Mikro am Mund dennoch glänzend über die Rampe klingen.

Das Orchester sitzt im Swimmingpool

Janina Audick hat ihnen ein ebenso schlichtes wie raffiniertes Bühnenbild entworfen: den aufklappbaren Vielzweck-Gasthof mit betriebsamer Küche und Doppelklo. Außerdem mit Swimmingpool, in dem das ausgezeichnete Orchester sitzt. Als Dirigent schwimmt ihm, sozusagen im grossen Operettenstil, Koen Schoots voran. Von hoch droben klingen zusätzliche Bläser und Saiteninstrumente herein.

Sie teilen sich die Aufmerksamkeit mit dem projizierten Zeppelin, mit dem der Kaiser in der bezaubernd weiblichen Gestalt von Irm Hermann höchstpersönlich in sein Salzkammergut, Salzkammergut, Salzkammergut einfliegt oder wenigstens so tut. Den unumgänglichen roten Teppich hätte man freilich eher für Max Hopp ausrollen sollen.

Er spielt Leopold, den Zahlkellner, und prompt zahlt man ihm mit dem denkbar herzlichsten Jubel. Zuzüglich mit Bravorufen als Trinkgeld. Er hat beides verdient. Hopp ist ein ausgewachsener Schauspieler mit Trümpfen in allen Taschen, und er zögert nicht, sie aufs zielgerechteste auszuspielen.

Er ist erzmännlich und gleichzeitig charmant. Er ist ritterlich im Kellnerfrack. Er singt glänzend und turnt kaum weniger gut. Er nimmt vor den blauen Flecken, die er sich bei den ihm von der Regie verordneten zahlreichen Stürzen zweifellos zuzieht, durchaus keinen Reißaus. Er riskiert seine Paraderolle auf Biegen und Brechen. Doch nichts bricht weg. Das Publikum kommt heil lachenden Auges davon. Max Hopp allein schon ist eine Sehenswürdigkeit auf Berliner Bühnen. Gegen ihn (oder mit ihm) aufzutreten, fällt selbst Dagmar Manzel nicht leicht.

Witzig-bezaubernde und verführerische Kathrin Angerer

Ihre Rolle als Rößlwirtin ist nicht halb so dankbar wie die ihres Kellners, obwohl auch sie glänzend zu servieren versteht. Nur sind es in ihrem Falle eher Eintopfgerichte. Die Grande Operetten-Cuisine darf diesmal ein anderer auftischen, und zu allem Überfluss hat er dabei eine Grosszahl von Helfershelfern, an der Spitze die witzig-bezaubernde, durchaus verführerische Kathrin Angerer, die ihrem Berlinischen Papa Dieter Montag kräftig das operettige Widerwort gibt. Wenn sie auftritt, ist sozusagen stets Sonntag.

Peter Renz wird nicht müde, sich köstlich zu befragen, warum er ausgerechnet als Sigismund so schön sei. Christoph Späth als offenbar honoriger Rechtsanwalt (geradezu eine Seltenheit in Operetten) darf sich Hals über Kopf attraktiv verlieben. Torsten Merten spielt einen verrückten Professor mit gleichfalls verrückter, aber durch Liebe heilbare Tochter namens Julia Giebel. Miguel Abrantes ist der unentbehrlich opferfreudige, umher gebuffte und gepuffte Unterkellner. Mirka Wagner hat für ihre winzige Briefträgerinnen-Partie extra das Salzkammergut-Jodeln gelernt. Nicht zu überhören bei aller Dezenz seines Vortrags der Pianist Daniel Regenberg auf der Bühne, der die Rezitative sachkundig zu begleiten versteht. Die Aufführung schnurrt wie aufgezogen von einer Bildpointe zur nächsten und gewinnt ihre Spannung daraus. Lang ist sie, aber exzellent.

Komische Oper, Behrenstraße 55-57, Mitte. Nächste Vorstellungen: 11.,16.12./2.,7.,9.,26.1. Kartentel.: (030) 4799-7400