"Der Adler der 9. Legion"

Legionsadler sind wichtiger als ein paar Dörfler

"Der Adler" könnte ein guter Sandalenfilm sein. Wenn er sich nicht auch noch für Völkerkunde, Landschaften und Klischees interessierte.

Seit dem Eröffnungsgemetzel von Steven Spielbergs "Der Soldat James Ryan“ (1998) gehört es sich für einen Kriegsfilm, der auf sich hält, diesem Vorbild seine Referenz zu erweisen. Natürlich mit einer noch realistischeren, aufwändigeren, ungewöhnlicheren Attacke. Der Sandalenfilm, der ja immer auch ein Kriegsfilm ist, macht da keine Ausnahme.

Erinnern wir uns an Ridley Scotts Meisterwerk "Gladiator“ (2000). Da stehen die Römer mitsamt ihrer eindrucksvollen Kriegstechnik im Schnee, dann fällt der Satz, „ein Volk sollte wissen, wann es besiegt ist“, und der Schnee färbt sich mit Blut. Dafür und noch vieles mehr gab es fünf Oscars.

Immerhin einen Oscar gewann der Hauptdarsteller in „Der König von Schottland“ (2006) von Kevin Macdonald. Diese Reminiszenzen an die Filmgeschichte drängen sich unwillkürlich in den Anfangssequenzen des Films "Der Adler der 9. Legion“ von Kevin Macdonald, in dem es wieder um Schottland geht. Allerdings zu einer etwas anderen Zeit. Und der Reihe nach.

Der römische Offizier Marcus Aquila (Channing Tatum) übernimmt sein erstes Kommando in der römischen Provinz Britannia. Sein Vorgänger in der kleinen Festung aus Holzpalisaden hat sich aus dem Staub gemacht. Ansonsten herrscht, nun ja, Lagerleben. Und die Patrouille ist verschwunden. Marcus Aquila hat so seine Ahnungen und befiehlt in nebeliger Nacht Kampfbereitschaft. Was folgt, ist ein regelrechtes Gegenstück zu "Gladiator“. Ein schmutziges Schlachten, in dem schließlich sogar die berühmten Sensenwagen auftauchen, mit denen Ridley Scotts Held erst im Kolosseum Bekanntschaft machen muss. Ein starker Auftakt, keine Frage.

Kevin Macdonald macht klar, dass es ihm um größtmögliche Authentizität geht. Im Lager wird gekocht, gebetet, geschissen, der Held ist verwundbar und die Körperteile fliegen reichlich. Später müssen auch Kinder am eigenen Leib erleben, dass Krieg kein Spiel ist. Soweit der Subtext.

Marcus Aquila folgt aber auch einem sehr eigenen Ziel. Er kam nach Britannien, um das Schicksal seines Vaters zu klären. Der trug 20 Jahre zuvor den Adler der 9. Legion, als sie in die Highlands des Nordens aufbrach, ohne je zurückzukehren. Der Verlust eines Adlers aber ist, wie wir seit Varus wissen, die größte Schmach, die die römische Armee zu bieten hat.

Die Vorlage lieferte eine Jugendbuchautorin

Nachdem er doch noch irgendwie seine Fähigkeit zu gehen wiedererlangt und dem einheimischen Sklaven Esca (Jamie Bell) vor dem sicheren Tod in der Arena gerettet hat, bricht Marcus Aquila mit diesem nach Kaledonien auf. Spätestens hier ahnen wir, wie die Geschichte ausgeht.

Die literarische Vorlage zu dem Film lieferte die britische Schriftstellerin Rosemary Sutcliffe (1920-1992). In ihrem Jugendbuch geht es vor allem um die Reise der beiden in den Norden. Macdonald geht es um mehr. Im geht es um den Clash of Civilizations, nicht nur zwischen Römern und Barbaren, sondern auch zwischen arroganten Senatoren und erdverbundenen Legionären. Schließlich spielt das Ganze zur Zeit des Kaisers Hadrian (reg. 117-138), der den berühmten Wall baute, der zur Nordgrenze Englands wurde und von dessen Herrschaft der große britische Historiker Edward Gibbon sagte, sie sei ein Goldenes Zeitalter gewesen. Dann geht es um den Wert der Ehre, des Vaters, des Sohnes und Roms.

Der Film vergisst das Wesentliche

Auch will der Film offenbar Spielszenen zu einer „National Geographic“-Produktion liefern, so spektakulär wird die Natur Schottlands in Szene gesetzt und so detailverliebt gerät die Vorstellung ihrer Bewohner. Und über allem hat der Film auch noch einen Plot, aber der hat unter den vielen anderen Aufgaben zu leiden, denen „Der Adler der 9. Legion“ nachkommen muss.

Vor allem hat der Film über das Interesse für Natur und (ziemlich klischeebeladene) Ethnologie vergessen, dass er doch ein Sandalenfilm ist. Und in dem gibt es die Guten und die Bösen, und die sind – nun ja – Verbrauchsmaterial. Nachdem Russell Crowe als „Gladiator“ in der Arena die Legionen Roms besiegt hat, lässt er, ganz Krieger, in großer Geste der Freude über seinen Triumph freien Lauf. In Schottland fragt man sich, woher der Held überhaupt die Kraft dazu nehmen soll. Und die Freude geht unter den Ansprüchen des dreckigen Kriegsfilms verloren.

Das Schlachtfeld als Schatzhaus

Dann finden wir uns auf einmal auf dem letzten Schlachtfeld der Legion wieder, das von Rüstungen übersät ist. Spätestens hier nimmt man Macdonald seinen ganzen Authentizitäts-Fimmel wirklich übel. Denn die Picten hätten vielleicht einen Haufen beizeiten desertierter Legionäre unbeschadet ziehen lassen aber gewiss keinen Metallschatz, der vermutlich mehr wert war als alle Highländer-Dörfer zusammen. In Kalkriese, dem wahrscheinlichen Ort der Varus-Schlacht, kann man die Spuren der Gier ziemlich genau studieren, mit der die Barbaren die Rüstungen der Römer fledderten.

So richtig schlecht ist der Film dennoch nicht. Sein Anfang, die Landschaftsaufnahmen, eigentlich auch die Geschichte machen ihn zum passablen Sandalenfilm. Wäre da nicht das permanente Bemühen, ihn zu mehr machen zu wollen, als er ist.