Musik

Daniel Johnston – von der Klapse auf die Bühne

Er ist der ewige Patient der Pop-Musik und sorgte bei seinen Verwandten bereits für gebrochene Gliedmaßen. Dennoch verehren die Fans den US-Sänger Daniel Johnston zutiefst. Beim Konzert in Berlin konnte man sich vor allem an seiner eigenwilligen Version eines Beatles-Songs erfreuen.

Foto: Hammerl Kommunikation / Hammerl

Die Bühnengarderobe möchte mit Bedacht gewählt sein. Ohne Jogginghose und das den darüber ragenden Bauch umspielende T-Shirt würde Daniel Johnston weniger ernst genommen. Damit kommt nur das Genie durch. Der Verkannte und Verzweifelte. Die Gäste brechen schon in Jubel aus, als Johnston mit der Liedermappe unterm Arm ins Licht hetzt.

Erst entwirft er A capella ein Szenario überfahrener Köpfe auf dem Bahndamm. Danach steht er brüchig singend mit einer Kompaktgitarre in der Gegend. Plötzlich bricht er ab, greift seine Mappe und marschiert gebeugt davon. Die Insassen der Volksbühne sind vor Begeisterung außer sich, dann ratlos.

Momentan gestattet sein Gesundheitszustand also Reisen und Konzerte. Daniel Johnstons Künstlerlaufbahn lässt sich pathologisch schildern: Regelmäßig stürzt er ab und landet in der Psychiatrie. Die Schübe folgen zuverlässig künstlerischen Höhepunkten. 1989 wird sein Werk „It’s Spooky“ einhellig gelobt, als Johnston einer Frau mit seinem Wahn so zusetzt, dass sie aus dem Fenster springt.

Nur ein Jahr später fliegt sein Vater ihn im Sportflugzeug von einer Preisverleihung heim, als Johnston in der Luft den Zündschlüssel in seine Obhut bringt. In beiden Fällen kommen seine Opfer mit dem Schrecken und gebrochenen Gliedmaßen davon.

Ein Johnston-T-Shirt trug schon Kurt Cobain

Dass Daniel Johnston an Erfolgen irre wird, hat seinem Ruf als überragender Independent-Künstler alles andere als geschadet. Kurt Cobain trug 1992 bei den MTV-Awards ein T-Shirt mit der Aufschrift „Hi, How Are You?“ und dem stieläugigen Comicfrosch von Daniel Johnston. Und 2004 erschien ein Album, auf dem Sonic Youth, Tom Waits und Beck die Songs des US-Patienten würdigten.

Auf die Berliner Bühne kehrt der 47-Jährige zur Erleichterung des Publikums zurück, nach zehnminütiger Auszeit. Erstmalig mit Band. Die John Dear Mowing Band wird schon berechenbarere Gemüter live begleiten haben. Andererseits: Das Unzulängliche gehört zu Daniel Johnston wie die unförmige Hose. Zunächst stellt er umständlich die Musikanten vor, den Schlagzeuger als Ringo Starr, dann freut er sich: „Das ist Berlin, richtig? Das ist cool!“ Die Stücke rumpeln anrührend neben der Spur. Auf „Rock This Town“ folgt „Casper, The Friendly Ghost“ von 1983 und seine Version von „Help!“, das bei den Beatles übermütig klang und hier, durch Johnstons Kopfstimme, tatsächlich wie ein Hilfeschrei.

Manische Musik wird gepflegt

Im Pop wird längst eine Art Tradition der manischen Musik gepflegt. Die üblichen Verwertungskreisläufe verlangen den funktionstüchtigen Künstler. Und seit die Ökonomien der Popkultur beklagt werden, erfreut man sich am wunden Geist des Sonderlings. Die schönsten Aufnahmen von Brian Wilson stammen aus dem dunklen Schlafzimmer, wo er beharrlich an der Melodie vorbei weint.

Auch Syd Barretts Meisterwerke stammen aus der frühklinischen Phase. Unermüdlich musiziert die Hamburger Patienten-Gruppe Station 17, wo es im Lied „Börsengang“ zum Beispiel heißt: „Die Aktien rutschen in den Keller / Was machen die da?“ Vernünftige Frage.

Daniel Johnston fantasiert sich zwar bedenklich zitternd aber schamlos durch ein angenehmeres Dasein. Darin wünscht er seinen Helden von den Beatles väterlich das Beste. In „Mrs. Daniel Johnston“ fistelt er sich Marilyn Monroe an die Seite. Eine Jogginghose kann auch schützen.

Daniel Johnston live: 4.11. München, 6.11. Köln