Animation

Shakespeare zieht in den Krieg der Gartenzwerge

In "Gnomeo und Julia – Liebe versetzt Zwerge" wird die deutsche Spießbürger-Mentalität trefflich aufs Korn genommen.

William Shakespeares Stücke sind nahezu unverwüstlich. Sie halten praktisch jedem Zugriff von Seiten anderer stand. Ihnen ist eine Art literarischer Chamäleon-Qualität zu eigen, dank derer sie sich wirklich jeder noch so radikalen Inszenierungsidee und selbst dem bizarrsten Umfeld anpassen können.

Immer bleibt zumindest ein unverwechselbarer Rest Shakespeare zurück, den Harold Bloom einmal so treffend als „die Erfindung des Menschen“ beschrieben hat. Davon zeugen mittlerweile unzählige Theaterinszenierungen und Kinoadaptionen. Alles ist mit ihnen möglich, sogar noch eine in 3D animierte und projizierte Version von „Romeo und Julia“, in der die großen Liebenden Gartenzwerge zweier verfeindeter Nachbarn sind.

Krieg zwischen den Gartenzwergen

Zwischen den roten und den blauen Gartenzwergen herrscht seit Urzeiten Krieg. Warum das so ist, weiß eigentlich keiner. Aber die Menschen, die in den beiden Hälften des Doppelhauses leben, sind verfeindet, also müssen auch die tönernen Figuren in ihren protzig-kitschigen Gärten ständig gegeneinander kämpfen.

Dabei unterscheiden sie sich letztlich nur durch die Farben ihrer Zipfelmützen. In allen anderen Dingen sind sie sich absolut gleich. So kommt es schließlich, wie es kommen muss. Als der blaue Gnomeo eines Nachts auf neutralem Terrain, einem völlig verwilderten Garten in der Nachbarschaft, erstmals mit der roten Julia zusammentrifft, ist es um beide sofort geschehen.

Seit mit „Shrek“ die Postmoderne endgültig Einzug in die Welt der Animationsfilme gehalten hat, kommt kaum noch einer von ihnen ohne zahlreiche Verweise auf andere Filme und sonstige popkulturelle Phänomene aus. Auch Kelly Asbury, der als Regisseur schon für den zweiten Teil der „Shrek“-Reihe verantwortlich war, begnügt sich bei „Gnomeo und Julia“ nicht alleine mit seiner Shakespeare-Travestie.

Er peppt sie vielmehr noch einmal durch Anspielungen auf britische Kriegsfilme und asiatisch Martial-Arts-Produktionen auf. Zudem präsentiert er einem nach Sensationen hungernden Publikum auch noch ein 3D-Rasenmäherrennen zwischen Gnomeo und seinem ewigen Widersacher, dem grobschlächtigen Tybalt, der ihm Original sehr passend von Jason Statham gesprochen wird, das deutliche Anklänge an gleich zwei Klassiker, William Wylers „Ben Hur“ und Nicholas Rays „...denn sie wissen nicht, was sie tun“ aufweist.

Ein Film gewordenes Kinoquiz

Diese Zitate haben zwar ihren Reiz, vor allem für erwachsene Zuschauer, für die „Gnomeo und Julia“ dann etwas von einem Film gewordenen Kinoquiz hat. Doch letztlich zerstören sie fast wieder die Atmosphäre dieser ausgefallenen Shakespeare-Adaption, die auf diese Beigaben ohne weiteres verzichten könnte.

An sich bietet die knallig bunte Welt der Gartenzwerge mit ihren satten Grüntönen, dem strahlenden Blau der einen Fraktion und dem leuchtenden Rot der anderen auch so genug fürs Auge, zumal die Farben aufgrund der digitalen 3D-Projektion eine besondere Intensität entwickeln.

Zur Pop-Art erhobene Künstlichkeit

Diese fast schon zur Pop-Art erhobene Künstlichkeit steht nebenbei noch in einem wirklich wundervollen Kontrast zu dem überaus menschlichen Verhalten der Gartenzwerge. Treffender kann man die Auswüchse nachbarlicher Zwistigkeiten und die Absurdität einer durch alle Schichten gehenden Spießbürger-Mentalität kaum ins Visier nehmen.

Dass Kelly Asbury diese herrlich satirischen Angriffe dann auch noch mit einem wahren Best of von Elton-John-Songs versüßt, ist beinahe schon genial. Nur vertraut er eben dieser Genialität nicht und überlädt so seine Shakespeare-Variation immer wieder mit vordergründiger Action und postmodernen Spielereien, von denen nur eine wirklich aufgeht.

Auf seiner Flucht vor den Roten landet Gnomeo in einem Park, in dessen Zentrum eine Shakespeare-Statue steht. Als er dem Autor von seiner Liebe und seinem Schicksal erzählt, erinnert der sich an seine Tragödie von „Romeo und Julia“. Doch deren tragisches Ende will Gnomeo nicht akzeptieren. Darin ist er ganz ein Kind unserer Zeit. Denn alle die, die immer behaupten, dass Shakespeare heute Filme drehen würde, sollten sich einmal fragen, wie „Romeo und Julia“ dann aussehen würde.