Pionier der Fotomontage

Akademie der Künste erhält Hajek-Halkes Fotos

Michael Ruetz trennt sich von dem Nachlass des Fotografen Heinz Hajek-Halke. Er gibt die zahlreichen Arbeiten an die Akademie der Künste.

Foto: © 2007 Heinz Hajek-Halke / Collection Michael Ruetz / Agentur Focus / © 2007 Heinz Hajek-Halke/Collection Michael Ruetz/Agentur Focus

Was der Fotograf Michael Ruetz damals in seinem Mercedes abtransportierte, war keine leichte Fracht. Und das bezog sich nicht allein auf das Gewicht. Die zwei Wagenladungen sollten ihn noch Jahrzehnte beschäftigen – so umfassend war der Nachlass des Berliner Fotografen Heinz Hajek-Halke (1898-1983). Im Fond stapelten sich dicht an dicht Dokumente, Briefe, Zeitungsausschnitte, Arbeitsbücher, Buchcover, Gemälde, vor allem aber Fotos. Ein Künstlerleben, verstaut in vierzig Kisten. „Er hat alles, alles aufgehoben, selbst das kleinste Blatt – das grenzt an ein Wunder“, erzählt Michael Ruetz, gebürtiger Berliner, der damals als „Stern“-Reporter in Hamburg lebte.

1973 hatte der Fotograf seinem um mehr als 40 Jahre jüngeren Kollegen Ruetz sein Vermächtnis ans Herz gelegt. Er war an Magenkrebs erkrankt und wusste nicht, wohin mit all den Arbeiten. „Sonst landet alles auf dem Müll“, so seine Furcht, die damals vielleicht nicht ganz unbegründet war, da es keine Verwandten mehr gab. Zehn Jahre nach dieser „Verabredung“ starb der „linke Anarchist“, zeitlebens Eigenbrötler, der sich von nichts und niemanden vereinnahmen ließ – höchstens von seiner Kokainsucht, die er sich fatalerweise noch mit Morphium auszutreiben versuchte, wie Ruetz lebhaft erzählt. Ruetz selbst war kein Unbekannter in der Berliner Szene: In den Sechzigern hatte der Student der Sinologie sich einen Namen als Chronist der Studentenbewegung gemacht. Ein Jahrzehnt, das gerade eine Renaissance erlebte.

Ein Pionier der Fotomontage

Für Ruetz ist Hajek-Halke der „große Pionier der Fotomontage“. Damals war die Fotografie noch ein Stiefkind der Künste – und Hajek-Halkes Gestaltungsmittel höchst einfallsreich: mit Simultanaufnahmen, Mehrfachbelichtungen, Fotoplastiken und Bewegungsstudien suchte er neue Möglichkeiten für das Medium. „Es ist unglaublich, wie modern und aktuell sein Werk heute noch ist – lange vor Computerprogrammen wie Photoshop.“

Nun, 40 Jahre später, hat sich Ruetz, heute 70, entschieden, von Hajek-Halkes so gewaltigem Erbe zu trennen. Hätte er damals gewusst, welch eine Verpflichtung in so einem Nachlass steckt, womöglich hätte er gar Hajek-Halkes letzten Wunsch abgelehnt. „Ich möchte mich nun auf meine eigenen Arbeiten konzentrieren.“ Man kann ihm diese Entscheidung nicht verdenken: ein riesiges Büro der lichtdurchfluteten, von oben bis unten mit Bücherregalen überzogenen Altbauwohnung am Steinplatz, in der schon Lilian Harvey wohnte, ist mit Papierschränken ausgestattet. Hier lagerten all die Arbeiten Hajek-Halkes, sorgfältig in Mappen geborgen, in Schubladen nummeriert. 41.01 steht darauf, fortlaufend 41.02... Eine Mitarbeiterin half Ruetz dabei. Mit Leidenschaft hat er das Werk gepflegt, das merkt man auch an der respektvollen Art an, wie er über Hajek-Halke spricht.

Der Nachlass geht an die Akademie der Künste, deren Mitglied Ruetz ist. Dort wird ein gewaltiges Künstlerarchiv gepflegt – mit Vermächtnissen von George Grosz wie auch Karl Friedrich Schinkel oder Friedrich Hollaender. Eine Chance also für Hajek-Halke: Jetzt darf man hoffen, dass sein künstlerisches Werk aus dem Dornröschenschlaf geweckt wird – es gilt kunstwissenschaftlich als relativ unterbelichtet. Die Forschung kann nun beginnen, Doktoranden können sich freuen, nur selten ist ein Nachlass so detailgenau archiviert und präzise katalogisiert. Eine Sisyphusarbeit, die Ruetz mit seinem Team von der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig stemmte, wo er eine Professur innehatte. Besser als in der Akademie können Prints und Schriftgut gar nicht aufgehoben werden für die Zukunft. Am Pariser Platz jedenfalls ist man bereits aktiv geworden: Für 2013 ist eine umfassende Hajek-Halke-Retrospektive geplant.

Dass Heinz Hajek-Halke heute nicht vielen bekannt sein mag, liegt daran, dass sein Werk, warum auch immer, nach seinem Tod vergessen wurde. Dabei gehören seine ungeheuer fantasievollen Lichtgrafiken zum Innovativsten, was man sich auf diesem Gebiet vorstellen kann. Natur, Architektur, Malerei – hier finden viele Strukturen zu einer genialischen fotokünstlerischen Symbiose zusammen.

Hajek-Halke führt wie viele Zeitgenossen ein Leben in Brüchen. 1898 in Berlin geboren, beginnt er hier ein Kunststudium, 1924/25 fängt er mit dem Experimentieren an. Wohl vom Film inspiriert arbeitet er mit Montagetechniken und Belichtungen. Dada lässt grüßen! Er hantiert auch mit Spiegeln. „Schwarz-Weißer Akt“ ist sein wohl bekanntestes Foto, durch die Doppelbelichtung verschmelzen die Körper auf seltsame Weise. „Eine Apotheose der modernen Frau“, findet Ruetz.

Der Hexenmeister vom Berg

Der Berliner entwirft Werbung und Plakate. Als er Aufträge des NS-Propagandaministeriums ablehnt, wird es eng für ihn. Aus Angst vor Repressionen flüchtet er nach Süddeutschland, an den Bodensee, hält sich mit Dokumentationen für naturwissenschaftliche Magazine über Wasser. So hält er sich Molchlarven, Unken, Frösche. Später kommen noch Blutegel und Kreuzottern hinzu, die er für medizinische Zwecke verkauft. „Der Hexenmeister vom Berg“ betitelt ein Journalist 1937 eine Geschichte über ihn. Nach dem Krieg fängt Hajek-Halke wieder an zu experimentieren. 1955 führt ihn sein Weg zurück nach Berlin, auf Betreiben von Karl Hofer wird er Dozent an der Hochschule der Bildenden Künste in Berlin.

Nach seinem Tod 1983 hat Ruetz öfters versucht, Hajek-Halkes Werk in die Öffentlichkeit zurückzuholen. 2002 gelang es ihm mit einer Ausstellung im Centre Pompidou in Paris. 2013 präsentiert ihn die Akademie am Pariser Platz. Für eine Heimkehr ist es nie zu spät.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.