Deutsche Oper

"La Esmeralda" feiert den Gutmenschen

Die Premiere von "La Esmeralda" an der Deutschen Oper startete mit lahmen Tänzchen ohne Profil. Doch nach der Pause bekam die Figur der Esmeralda immer mehr Konturen. Deshalb endete die Geschichte der süßen Zigeunerin im Haus an der Bismarckstraße doch noch mit Jubel.

Foto: picture alliance / ZB

Na so was! Eine geschlagene Stunde meint man, in einen falschen Ballettfilm geraten zu sein, eine andere Art von „Black Swan“ sozusagen, aber dann hebt nach der Pause buchstäblich unversehens das große jubilierende Tanzen an, die immerwährend neue Herausforderung der Schönheit menschlicher Bewegungen, Grazie und Brillanz immer zugleich. Hatte man anfangs leise in sich hineingeflucht, warum das Staatsballett für sein Debüt in der Deutschen Oper sich ausgerechnet aus dem Fundus des Moskauer Bolschoi eine derart lahme Tanz-Ente wie diese „Esmeralda“ herausgefischt habe, der wurde im Handumdrehen eines Besseren belehrt. Am Ende nichts als Jubel, Hochachtung, Zufriedenheit. Wie konnte das geschehen?

„La Esmeralda“ ist ein uraltes Stück, choreographiert 1844 auf eine Musik von Cesare Pugni, der in der Folge Dutzende und Aberdutzende von Ballettmusiken schrieb. Natürlich haben fleißige Bearbeiterhände über anderthalb Jahrhunderte hin buchstäblich an jeder zweiten Note gedreht, ihr einigen neuen dramatischen Pfiff zu geben. Immerhin hat Fanny Elssler das Stück 1844 in London uraufgeführt. Jules Perrot hatte es choreographiert. Von London wanderte es im Tanzschritt nach St. Petersburg weiter. Dort regierte Marius Petipa über die Truppe des Zaren. Er nahm sich der inzwischen um mehr als ein halbes Jahrhundert gealterten Dame nach Kräften an. Er rettete sie gewissermaßen aus der Tanz-Mülltonne.

Aber nun galt es ein weiteres Jahrhundert zu überstehen. Tanzwissenschaftler sprangen zu Hilfe. Sie drehten scheinbar jeden einzelnen Schritt sorgfältig dreimal um. Sie vergaßen darüber die Zündung, ohne die im Ballett (wie beim Autofahren) nichts läuft. „Esmeralda“ aber zündete nicht länger. Doch man tanzte ehrfurchtsvoll darüber hinweg. Das Publikum zeigte sich animiert wie bei einer Beerdigung.

Nach der Pause teilte sich der Vorhang zunächst nur zu einer bitteren Ansage: eine Ballerina habe sich einen Muskelfaserriss zugezogen und werde von der Zweitbesetzung vertreten. Das machte auch nicht gerade Appetit auf die Fortsetzung. Doch Wunder über Wunder: urplötzlich hielt der gute, alte Theatergott seine Hand über der Aufführung.

Angeblich ist ihre Vorlage Victor Hugos „Glöckner von Notre-Dame“ entlehnt. Aber der darf nur ein bisschen sich den Buckel streicheln lassen. Das Werk tanzt über ihn hin, ohne sich für sein Schicksal zu interessieren. Auch Frollo, dem bösen Dompropst, bis zur Tonsur hinauf verliebt in die süße Zigeunerin Esmeralda, fällt im Grunde keine andere Aufgabe zu als mit den Zähnen Michael Banzhafs bösartig zu blecken. Dennoch ist kein Mangel an hochrangigem Liebespersonal um die Tamburin schlagende Zigeunerin. Iana Salenko tanzt sie mit Lust. Mit Gutmütigkeit, mit Verzweiflung. Sie, ausgerechnet sie, die wandelnde Unschuld in Spitzenschuhen, sieht sich als Mörderin verdächtigt. Außerdem aber wird sie Opfer eines Liebesverrats. Der hochwohlgeborene Phoebus (Mikhail Kaninskin) hintergeht ihre Liebe mit Fleur de Lys (Beatrice Knop), Besitzerin des Riesenpalastes, in dessen Prunkraum die komplette Compagnie nun wundervollen Tanzauslauf findet.

Esmeralda hat ihn in ihrer Liebenswürdigkeit und Hilfsbereitschaft, kurz gesagt: ihrem Gutmenschentum im Zigeunerröckchen vom Schafott herunter geheiratet. Manchmal schlägt selbst das finsterste Schicksal mit der Streichelhand zu. Das erhöht den Ballettgenuss. Er hält über anderthalb Stunden unerschöpft an.

Antonin Grishanin hat die musikalische Leitung, die sich erst allmählich durchsetzt. Ein wahrer Pulk von Choreographen, Regisseuren, Bühnen- und Kostümbildnern und Einstudierern kann sich am Schluss inmitten der Truppe bedanken. Statt „Esmeralda“ hätte das Stück besser heißen können: „Ende gut, alles gut“.

„La Esmeralda", Staatsballett in der Deutschen Oper, Bismarckstraße, 15. April; 1.,6., 13.,22. Mai 2011, Kartenbest: Tel. (030) 39320 60 92 630