Jakob Augstein

"Erben sind selten willkommen"

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Jakob Augstein hat noch nie ein Interview gegeben. Für den letzten Willen seines Vaters macht er eine Ausnahme. Es geht um die Macht beim "Spiegel".

Morgenpost Online: Herr Augstein, hat Ihr Vater, als er Jakob mit "k" schrieb, die neue Rechtschreibung schon vorausgedacht?


Jakob Augstein: So steht es in meinem Pass. Und daran wird auch keine Rechtschreibreform etwas ändern.


Was halten Sie davon, dass Spiegel und Springer nun gemeinsam zur alten Rechtschreibung zurückkehren wollen?


Augstein: Ich finde das richtig und sehr begrüßenswert, wenn die großen deutschen Verlage gemeinsam Position beziehen - über alle sonstigen Unterschiede hinweg.


Alle Verlage sind es ja nicht. Der Stern scheidet aus ...


Augstein: Immerhin hat Gruner + Jahr (G+J) selbst gesagt, man würde die Entscheidung den Chefredakteuren überlassen.


Derzeit kämpfen Sie auch persönlich mit G+J. Es geht um die Entscheidungsmehrheit im Spiegel-Verlag. Nach dem Tod Ihres Vaters haben sowohl G+J als auch die Spiegel-Mitarbeiter KG das Recht, den Erben ein halbes Prozent der Gesellschafteranteile des Spiegels abzukaufen. Was ist daran falsch?


Augstein: Es ist das entscheidende Prozent für die Beschlussmehrheit im Verlag. Ich bin Testamentsvollstrecker für die Spiegel-Anteile meines Vaters und als solcher seinem Willen verpflichtet. Der letzte Wille unseres Vaters war, dass wir dieses eine Prozent nicht abgeben.


Aber die Verfügung, dass die Erben dieses Prozent abgeben, hat Ihr Vater doch selbst bestimmt.


Augstein: Diese Regelung wurde Anfang der 70er-Jahre beschlossen. Damals waren wir Kinder, und unser Vater konnte nicht wissen, was aus uns wird. Außerdem war diese Verfügung eine Bedingung von G+J.


Ihr Vater soll Bertelsmann-Chef Reinhard Mohn mehrfach um die Aufhebung dieser Klausel gebeten haben.


Augstein: Mein Vater hat 1999 und im Jahr 2000 tatsächlich versucht, eine Rücknahme dieser Regelung zu erwirken. Er hat zwei Briefe an Reinhard Mohn geschrieben und ist mit diesem Vorhaben auf taube Ohren gestoßen, um es vorsichtig zu formulieren. Danach war klar, dass er sein Vorhaben zu seinen Lebzeiten nicht mehr würde erreichen können. Jetzt kümmere ich mich darum.


Was würde Sie daran stören, wenn G+J mehr Einfluss bekäme?


Augstein: Wir, die vier Kinder, sind überzeugt, dass es für die Unabhängigkeit des Spiegels sowie für die Medienvielfalt in Deutschland nicht gut ist, wenn ein Verlag die beiden großen Nachrichtenmagazine kontrolliert. Der Stern ist keine Illustrierte mehr, sondern gehört heute wie Spiegel und Focus zum Segment der aktuellen Wochenmagazine. Die drei Titel messen sich aneinander. Das sieht doch jeder, der sich an der Tankstelle Zigaretten kauft, wo die drei immer nebeneinander liegen.


Macht es Ihnen Angst, dass der Verlag des Sterns den Spiegel-Chef bestimmen könnte?


Augstein: Ja, in der Tat. Es wäre eine groteske Situation, wenn der Hauptwettbewerber darüber mit entscheiden sollte, wie sich das Blatt positioniert. Wenn sich Spiegel und Stern richtig abstimmten, könnten sie Focus in die Zange nehmen.


Sie misstrauen G+J?


Augstein: Überhaupt nicht. Aber ich bin nicht naiv. Man müsste sich sehr wundern, wenn die nicht versuchen würden, Spiegel und Stern zu koordinieren. Es gibt viele denkbare Felder: Anzeigen, Online-Bereich, Papiereinkauf, Abo-Verwaltung, Vertrieb. Selbst beim Spiegel gibt es einige Leute, die es gut fänden, wenn G+J den Laden übernehmen würde. Gerade Leute meiner Generation sagen, was soll das mit der Unabhängigkeit. So ein großer Verlag, der hat Geld. Der sichert unsere Arbeitsplätze. Aber das ist nicht meine Haltung. Ich unterstelle ja G+J nichts Böses. Das sind keine Leute, die finstere Pläne haben, sondern Freunde von uns. Wir haben mit ihnen 30 Jahre zusammengearbeitet. Und wollen es auch weiterhin. Aber der Ärger ist vorhersehbar. Ich befürchte, dass der Spiegel dann seinen Charakter verliert. Der Spiegel muss der Spiegel bleiben.


War es ein Fehler, dass Ihr Vater 50 Prozent des Spiegels an die Belegschaft verschenkt hat?


Augstein: Nein. Es war seine beste Idee. Neben der, mit Anfang 20 in den Laden einzusteigen. Der Spiegel ist nicht irgendein Magazin. Er darf keine weitere Perle im Collier eines Großverlages werden. Er muss für sich selbst stehen. Da war die Idee, den Mitarbeitern 50 Prozent zu geben, genial. Diese Unabhängigkeit reicht vom Gefühl des Chefredakteurs, wenn er in die Redaktionskonferenz geht, bis hinunter zur Kantinenfrau. Das Gefühl, wir gehorchen niemandem, sondern nur uns selbst und unseren eigenen Maßstäben.


Reden Sie jetzt von sich?


Augstein: Ich rede nicht von den Erben. Erben sind nicht unbedingt qualifiziert, nur weil sie Erben sind. Erben sind selten willkommen. Ich strebe keine Ämter an. Die Entscheidungsmacht soll bei den Mitarbeitern liegen.


Warum ist es dann wichtig, dass die Familie Augstein im Spiegel weiterlebt?


Augstein: Für die Koalition mit den Mitarbeitern. Darüber hinaus glaube ich natürlich, dass meine Schwester Franziska und ich etwas vom Handwerk verstehen.


Könnten Sie sich also doch eine Rolle vorstellen? Als Verleger?


Augstein: Nein. Es gibt keinen Verleger mehr. Meine Rolle ist, den Spiegel unabhängig zu halten. Das ist alles. Verleger bin ich nur in meinem eigenen Buchverlag.


Und Herausgeber, mit Ihrer Schwester?


Augstein: Nein.


Gibt der Spiegel Ihnen überhaupt die Chance, sich einzubringen?


Augstein: Wir haben als Gesellschafter mit dem operativen Geschäft nichts zu tun. Wenn die da irgendwelche Titel oder Geschichten machen, die ich ganz fürchterlich finde - ich sage nichts. Mich ruft auch keiner an.


Was wollen Sie jetzt erreichen?


Augstein: Ich habe G+J gesagt: Ihr könnt das Prozent kaufen. Dafür setzen wir die nötige Mehrheit für Beschlüsse von 76 auf 74 Prozent herab. Das wäre sehr fair. Nun muss das Bundeskartellamt entscheiden.


Sind sich die vier Erben einig in dieser Sache?


Augstein: Ja. Mein Vater ist tot. Und er kommt nicht wieder. Es gibt keine andere Figur, die den Spiegel verkörpern könnte, wie er es getan hat. Kann es nie mehr geben. Kein noch so begabter Journalist würde das schaffen. Da müssen wir Erben die Frage stellen: Wie geht es weiter?


Wie ist das als Testamentsvollstrecker mit Ihren drei Geschwistern?


Augstein: Wir telefonieren, wir schicken uns E-Mails. Als Testamentsvollstrecker entscheide ich diese Sache notfalls auch allein. Wie heißt es so schön: Ich bin nach außen voll handlungsbefugt, nach innen rechtfertigungspflichtig.


Sind Sie sich auch einig mit dem Chefredakteur des Spiegels?


Augstein: Das weiß ich nicht. Ich habe mit Stefan Aust nicht gesprochen. Das muss ich auch gar nicht. Er ist kein Gesellschafter. Seine Haltung dazu ist nicht von Bedeutung.


Wie sehen Sie den Spiegel seit dem Tod Ihres Vaters?


Augstein: Ich glaube nicht, dass sich der Spiegel verändert hat, seit mein Vater nicht mehr lebt. Bis auf seine Kommentare. Die fehlen.


Was halten Sie von Stefan Aust?


Augstein: Ich halte ihn für einen guten Chefredakteur. Die Zahlen sprechen für ihn.


Wie eng ist Ihr Kontakt?


Augstein: Wir trinken gelegentlich eine Tasse Kaffee zusammen.


Ende 2004 muss entschieden werden, ob Austs Vertrag über 2005 hinaus verlängert wird.


Augstein: Die Gesellschafter werden zum gegebenen Zeitpunkt darüber entscheiden.


Nach dem Tod Ihres Vaters schrieb Aust im Spiegel, es werde keinen Nachfolger, etwa einen Herausgeber, geben - also niemanden über ihm. War das angemessen?


Augstein: Es war überflüssig. Außerdem entscheidet Aust das nicht. Aber er hatte Recht.


Ihre Schwester Franziska schien das anders aufzufassen. In ihrer unangekündigten Rede auf der Trauerfeier für Ihren Vater 'im November 2002 sprach sie vom "toten Löwen, den die Hasen an der Mähne zupfen". Wen meinte sie?


Augstein: Das müssen Sie meine Schwester fragen. Ich habe sie schon ganz gut verstanden. Ich denke: Keiner wollte dem toten Löwen am Zeug flicken.


Wie war das für Sie, als sie da plötzlich sprach?


Augstein: Ich fand ihre Rede sehr gut. Es war ein sehr mutiger Auftritt.


Wie ist es, den Namen Augstein zu tragen - Bonus oder Last?


Augstein: Ich bin stolz auf das, was mein Vater gemacht hat.


Wer in Ihnen kämpft mehr für die Unabhängigkeit des Spiegels: der Sohn oder der Journalist?


Augstein: Mein Einsatz als Testamentsvollstrecker hat nichts damit zu tun, dass ich der Sohn bin. Es geht um meine Überzeugung. Aber ich habe ein gutes Gewissen, weil ich weiß: Mein Vater wollte es so. Hätte er zu mir gesagt, ich will nicht, dass ihr Einfluss habt, ich würde das jetzt nicht durchziehen. So aber bin ich mit meinem Vater auf seiner Wolke d'accord.


Könnten Sie sich vorstellen, auch mal im Spiegel zu schreiben?


Augstein: Dafür, fürchte ich, fehlt mir die Zeit - ich muss mich um meinen kleinen Buchverlag kümmern.


Was war Rudolf Augstein für Sie?


Augstein: Mein Vater.


Er schrieb über Bismarck und Weltkriege. Ein Buch von Ihnen heißt "Sieben Schüsse". Gerichtsreportagen. Darin sezieren Sie die Abgründe der menschlichen Seele.


Augstein: Ja, das stimmt. Ich habe irgendwann damit aufgehört. Das Elend ging mir zu nahe.


Wie hat Ihr Vater Sie geprägt?


Augstein: Durch seinen Möglichkeitssinn.


War es nicht mutig, mit diesem Vater Journalist zu werden?


Augstein: Nein, so mutig finde ich das nicht.



Das Gespräch führte Dagmar von Taube.