Kino

Die Kunst, ein Busenwunder zu vermarkten

Am Donnerstag startet der Dokumentarfilm "Der Generalmanager oder How To Sell A Tit Wonder". Er bietet Einblicke in die Welt der C-Prominenz. Darin versucht ein Manager, eine Nachfolgerin für Busenstar Lolo Ferrari aufzubauen. Sogar ihr Ex-Mann, ein ehemaliger Schrotthändler, hilft mit.

Martin Luigi Baldauf ist außer sich. Schon seit Minuten redet er ununterbrochen auf sein Mobiltelefon ein, gestikuliert wild, rauft sich das Haar, dreht sich im Kreis. Er sagt Dinge wie: "Wart' mal, ich hab' gerade den Ammer in der Leitung" und "Du, auf der anderen Leitung spreche ich gerade mit der 'Bunten'".

Den "Partykönig" Michael Ammer, die Promi-Magazine des Landes, die Boulevardmedien - Martin Luigi Baldauf bedient sie alle. Ungefähr fünf Gesprächspartner versucht er gleichzeitig zu koordinieren, schließlich hat er eine bedeutende aufstrebende Künstlerin zu bewerben: das Fotomodell Ashley Bond, das extra aus England angereist ist, um in Deutschland ihre Weltkarriere zu starten. Ob er bei dem Durcheinander den Überblick behält, ist schwer zu sagen, alle anderen haben ihn jedenfalls längst verloren.

Baldauf sagt über sich: "Ich bin eine Nervensäge. Ich bin klein. Ich bin penetrant. Ich rede zu viel. Ich bin hyperaktiv. Ich bin fürchterlich nervös. Ich bin hektisch. Ich bin der jüngste Manager Europas." Als die französische Busenkünstlerin Lolo Ferrari den ehemaligen UN-Polizisten Baldauf Ende der 90er-Jahre unter Vertrag nimmt, ist er mit 22 Jahren tatsächlich ziemlich jung.

Baldauf vermittelt Ferrari, die dank ungezählter Radikaloperationen eine Weltrekordoberweite von 150 Zentimetern hat, Auftritte in Nachmittagstalkshows und Provinzdiskotheken und kommt dabei selbst zu bescheidenem Ruhm. Als die depressive und tablettenabhängige Alkoholikerin Ferrari 2000 mit 37 Jahren unter rätselhaften Umständen stirbt, kennt Baldauf nach kurzer Trauer nur ein Ziel: Er muss eine neue Lolo Ferrari finden.

Erschütternde Einblicke

Regisseur Steffen C. Jürgens und Filmproduzent Rüdiger Heinze haben ihn bei der Suche begleitet. Ihr Dokumentarfilm "Der Generalmanager oder How To Sell A Tit Wonder" bietet erschütternde Einblicke in die Welt der B- und C-Prominenz: Fototermine in Bräunungsstudios, Geschäftsessen in Eckkneipen, Verhandlungsgespräche auf Autobahnraststätten und peinliche Vorsingtermine - denn wer als C-Promi ernst genommen werden will, muss eine Single aufnehmen, besonders dann, wenn er kein musikalisches Talent vorzuweisen hat.

Dabei kommt erschwerend hinzu, dass Martin Luigi Baldauf, die Hauptfigur des Films, keineswegs der große und mit allen Wassern gewaschene Manager ist, für den er sich hält. Die Oberweite seines Nachwuchsbusenstars Ashley Bond, frisch von der Seite drei einer britischen Boulevardzeitung nach Deutschland importiert, erweist sich als zu gering, die von Baldauf arrangierten Termine enden im Desaster, weshalb alle Beteiligten bald zuverlässig auf einen Nervenzusammenbruch zusteuern.

Als Zuschauer verfolgt man das Spektakel mit einer eigentümlichen Mischung aus Ekel und Faszination. Es ist kaum auszuhalten, aber man entwickelt ein Bedürfnis, einen inneren Drang, dem unfassbaren Treiben zuzusehen. Der Effekt des Fremdschämens wird von den Filmemachern gekonnt bis zur Schmerzgrenze ausgereizt.

Man ist fassungslos, wenn etwa in einem Mitschnitt aus der "Bärbel Schäfer"-Talkshow gezeigt wird, wie die freudestrahlende Gastgeberin mit Martin Baldauf und Lolo Ferraris Witwer, dem ehemaligen Schrotthändler Éric Vigne, gemeinsam nach einer neuen Lolo Ferrari suchen - und zwar nur drei Wochen nach Lolo Ferraris Tod.

Wenn Baldauf dann später mit Vignes Hundeleine die Oberweite von Ashley Bond ausmisst. Und wenn der Schlagerproduzent von Jürgen Drews Bonds gesangliche Fähigkeiten sachkundig mit "Also, die Figur ist ein Brett" kommentiert, scheint eigentlich keine Steigerung mehr möglich, doch es geht immer weiter, gnadenlos.

Moralische Skrupel

Doch über die dramatische Häufung von Peinlichkeiten hinaus ist "Der Generalmanager ..." in seinem Ansatz streng der Aufklärung verpflichtet. Die Filmemacher Jürgens und Heinze geben zwar zu, Martin Luigi Baldauf während der mit Unterbrechungen siebenjährigen Dreharbeiten wie Video-Paparrazi gefolgt und von seinem Treiben geradezu besessen gewesen zu sein.

Trotz moralischer Skrupel stellten sie allerdings fest: Das muss gezeigt werden, die Öffentlichkeit muss erfahren, dass es so etwas gibt. Denn der "Weltneurotiker" Baldauf, wie Regisseur Jürgens seinen Filmhelden nennt, mag zwar eine besonders extreme Persönlichkeit sein, aber er ist kein Einzelfall.

Die ganze Branche ist reich mit Egomanen gesegnet, die mit Ausdauer und ohne Scham Boulevardzeitungen, Promiblätter und TV-Magazine mit Prominenten beliefern, deren Prominenz einzig und allein darin besteht, dass jemand lang genug behauptet, sie seien prominent. Nervensägen wie "Generalmanager" Martin Luigi Baldauf.

Aber was mag jemanden wie ihn antreiben? Woher nimmt Baldauf seine Energie? Kurz vor Filmende verrät er es. "Frankenstein war Fiktion", sagt er voller Selbstbegeisterung, "aber Lolo Ferrari, die hat wirklich existiert. Und ich hab' sie gemanagt. Meinen Namen wird man noch in 400 Jahren kennen."

Martin Luigi Baldauf betreibt heute übrigens eine erfolgreiche Agentur für Erotikmodelle in der tschechischen Stadt Brünn (Brno). Ashley Bond ist nach England zurückgekehrt. Nach ihren Erlebnissen mit Baldauf war sie so nachhaltig geschockt, dass sie nie wieder deutschen Boden betreten haben soll.