Musik

The Kills – Elektroschock-Kracher mit Seele

Ihre Lieder haben die Lizenz zum Zähneklappern: Das attraktive britisch-amerikanische Duo The Kills hat mit "Midnight Boom" ein kaputtes und zugleich äußerst beflügelndes neues Werk vorgelegt. Nun gaben der düstere Mann und die laszive Frau in Berlin ein alles erschütterndes Konzert.

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Augen zu. Schwärze umfängt dich, die Dunkelheit ist kein Ort zum Verweilen. Du stehst neben dem Verstärker, umgeben von einigen hundert Artgenossen. Deine Ohren klingeln: Kreischen, Krach, Krawall- und mittendrin dein Körper. Du vergisst, wer du bist und wenn ja wie viele.

Du erinnerst dich nicht mehr, was du heute zum Frühstück hattest und es ist dir egal, ob deine polierten Lederslipper in der Lache aus Bier, Spucke und Körperwasser ihren Glanz einbüßen. Deine Gliedmaße flehen um Erlösung, doch eine Gitarre irritiert deinen Herzschlag, eine schrottige Drummachine dirigiert deinen Unterkörper- der Rest ist Stampfen, Taumeln, Vergeben und Vergessen.


Dreht sich um die Stimme einer Frau, die dich ertappt: „You only ever had her when you had a fever" gurrt sie und zeigt Verständnis, denn: „We ain't born typical". Ein Mann spielt dazu Gitarre, das weißt du ohne Hinzusehen, denn es sind Trümmerakkorde, Musik als Axt für das gefrorene Meer in uns, Testosteronjaulen vom anderen Ende des Mienenfelds. Wenn erhöhte Temperatur eine tonale Entsprechung hätte, sie klänge so: Hysterisches Timbre und ein Instrument, das als Waffe eingesetzt wird. Die Musik der englischen Band „The Kills" ist ein Fieberkampf. Du schwitzt. Augen auf. Sie schwitzen noch mehr.


Jamie Hince und Allison Mosshart lernten sich Ende der 90er Jahre in London kennen. Wie es der Mythos will, waren sie Hotelzimmernachbarn und nervten sich gegenseitig solange mit ihrem nächtlichen Songwriting, bis sie beschlossen gemeinsam Krach zu machen. Fortan waren sie nicht nur eine Band, sondern Vorreiter eines bohemienhaften Lebenswandels. Sie wollten nicht bloß Lieder schreiben, sondern gleich eine ganze Ära wiederauferstehen lassen. Ihr Ansatz: Kunst ist nicht nur ein Katalysator, Kunst ist das Gesetz und ein 24-Stunden-Job - gestorben wird nach Feierabend.

Hince und Mosshart eint eine Liebe zum dekadenten Stillwillen der Salonkultur aus den 20er Jahren, gepaart mit der Faszination für die New Yorker Szene rund 40 Jahre später: Mit der Warholsche Factory als Schnittstelle von Kunst und Alltag und den zärtlich wütenden Klängen von Velevet Underground. Beide sind begeistert von der rohen Gewalt, die vom Punk ausging, nur soll ihr Widerstand ästhetischer Natur sein.

Ein Mädchen, das schleicht wie ein Panther

Ein Aufbegehren gegen die Massenseuche des Pops- mit rotzigen Gitarren, Blues im Blick und durchgestylter LoFi-Attitüde. Ihr Debüt „Keep on your mean side" (2003) war folglich eine gespenstische Bluesplatte mit derbster Trashlage, zwei Jahre später folgte „No Wow" und das Bekenntnis zu Postpunk, der so reduziert war, dass Gespenstermusik daraus wurde.

Lieder zum Knochenklappern und Licht ausmachen. Doch ihr bislang bestes Werk ist ihr aktuelles: Auf „Midnight Bloom" klingt der abgehalfterte Minimalismus nach keinem Ton zuwenig, es ist eine kaputte und dennoch beflügelnde Platte. Der amerikanische Hip Hop Produzent Alex Epton hat die Songs mit Groove benetzt und ihnen dennoch die dreckige Aura gelassen- es sind Elektroschock-Kracher mit Seele. Beängstigende und provokante Musik ist das, so seltsam schön wie Staubfäden im Sonnenlicht.

Blinzeln. Vor dir wüten sie, auf der Bühne des Berliner Clubs Maria. Der düstere Mann und das laszive Mädchen Die beste Girl/Boy Group seit den Whites Stripes nur mit dem Quentchen mehr Sex Appeal, Verrücktheit und dem Vorteilsfunken der attraktiveren Hülle. Sie brauchen keinen Bass, sie benötigen kein Schlagzeug, um dir den Beat um die Ohren zu knallen: Ihr Rhythmus generiert sich aus dem Peitschen der Drummachine, der bis zum Anschlag gespannten Gitarre und der Anziehung und der Abstoßung zwischen ihr und ihm. Allison Mosshart trägt Leopardenfetzen und goldene Schuhe, sie tigert auf der Bühne auf und ab wie ein Panther in Gefangenschaft, ihre schwarzen Haare fliegen durch die Luft, verdecken ihre Augen.

Den Kills völlig erlegen


"I want you to be crazy / 'cuz you're boring baby when you're straight", singt sie so dreckig lüstern und selbstbewusst, dass PJ Harvey einpacken kann und Jamie Hince guckt dazu so, wie alle Männer in diesem Moment gucken würden: Irritiert und wild geworden. Dann singt er mit. Beide an einem Mikrofon, nur Augen füreinander, kein Zungenkuss wäre intimer. Er stößt seine Gitarre in ihre Richtung – sie zuckt und stolpert.

Du stehst da mit offenem Mund und vergisst zu tanzen. The Kills sind die aufregendste Band der Welt, denkst du, aber es ist dir peinlich, weil du das über andere vor ihnen schon behauptet hast- doch es stimmt jetzt, hier, und alles andere ist egal. Hince nuschelt irgendwas von überquellender Dankbarkeit und der Größe dieser Nacht. Und dann spielen sie „Goodnight Bad Morning" die Rausschmeißerballade des Album.

„Sunday Morning" von Lou Reed fällt dir ein – aber dies ist besser, die Nachteulenversion für Feierfüchse. Plötzlich willst du nie wieder schlafen. Der Verstärker pfeift, ein letztes Aufbäumen, dann hat sich das Wunder vom Staub gemacht und dich allein mit dem Lärm und der Hitze gelassen. Dies ist keine Zeit zum Träumen, doch mit den Kills ist eine Revolution vorstellbar. Du schließt die Augen. Zärtlich ist die Nacht.