Literatur

Wie tot ist Heinrich Böll?

Zum seinem 25. Todestag eine Umfrage unter Schriftstellern, Kritikern und fünf Direktoren von Heinrich-Böll-Schulen.

Maxim Biller, Schriftsteller

Der frühe Böll - unser Hemingway! Menschlich, knapp, erzählerisch, das Böse bemitleidend, das eigene Böse nicht verschweigend. Wenn Grass und Walser vergessen sind, liest die Welt wieder Böll. Je weiter ein Stern weg ist, desto schöner und stärker leuchtet er.

Claudia Gunkel-Mann, Direktorin der Förderschule Heinrich Böll, Göttingen

Es ist uns nur sehr schwer möglich, die Literatur und Werke von Heinrich Böll an unsere Schüler zu vermitteln. Das hängt mit unserem Schulprofil zusammen. 30 Prozent unserer Schüler haben das Förderprofil "geistige Entwicklung" und etwa 60 Prozent das Förderprofil "Lernen". Da ist Heinrich Böll ein schwierig zu vermittelnder Stoff. Eine ganz besondere Priorität für uns ist es, das Wert- und Weltbild Bölls zu vermitteln. Böll war jemand, der sich immer für die Schwächeren eingesetzt hat. Durch die Heterogenität unserer Klassen ist das ein Prinzip, das wir jeden Tag aus voller Überzeugung leben.

Hellmuth Karasek, Kritiker

Heinrich Böll war das, was man ohne Einschränkung, aber auch mit einer gewissen Rührung (Rührung ist ja kein schlechtes Gefühl, sondern zeigt Gewissensregungen des Gerührten), einen guten Menschen nennt; er war der gute Mensch von Köln, der aus den Kriegserfahrungen und Verbrechen der Nazis den Schluss des "Nie wieder!" und "Nie wieder so!" zog. Der sich mit einem aus der Tradition des linken, antiklerikalen, rheinischen Katholizismus der Restauration des Adenauerstaates entgegenstellte, zum Beispiel auch der Wiederaufrüstung - mit guten Gründen, aber mit einer gewissen idealistischen Don Quichotterie. Als er 1972 den Nobelpreis bekam, war jeder gute und sich den Guten verpflichtend fühlende Landsmann damit aufs Tiefste einverstanden. Und wusste doch gleichzeitig, dass für den Preis eher moralische als literarische Gründe maßgebend waren. Er bekam ihn fast in einer "Parallelaktion" zum Friedensnobelpreis des Bundeskanzlers Willy Brandt. Auch der Literaturpreis für Böll war eher ein Signal zum herbeigesehnten Ende des Kalten Krieges, zur Wiederaufnahme Deutschlands in die zivilisierten Nationen und zum Nahen einer Ost-West-Entspannung, die die atomare Katastrophe vermeiden helfen sollte. Das sind, für Zeitgenossen, gute Gründe genug.

Der genaue Erzähler und Chronist der "Stunde 0", der das Elend der Landser, der Nachkriegsgesellschaft (Kommissbrot, Knobelbecher, Gefangenschaft und Heimkehr) und ihrer falschen wirtschaftswunderlichen Blüte beschrieben hat, war in seinen Romanen längst ins Betuliche, angestrengt Metaphorische abgewandert. Er wurde stärker geschätzt als gelesen. Und das war und ist auch in Ordnung so. Wirklich große Erzähler sind selten die Moralisten, die jede Zeit braucht. Schon deshalb müssen sich heutige Schulbücher nicht unbedingt um den zu Lebzeiten angenehm uneitel und mit selbstverständlicher Bestimmtheit auftretenden Böll bemühen. Er hat zu seiner Zeit das Richtige und Wichtige getan - und das ist doch schon ziemlich viel. Oder auch: genug.

Klaus Gith, Heinrich-Böll-Gemeinschaftshauptschule, Duisburg

Heinrich Böll ist bei uns kein Alltagsgeschäft mehr, außerhalb der Richtlinien kommt er nicht mehr vor. Wir sind eine Hauptschule in einem sogenannten Brennpunkt, viele unserer Schüler haben einen Migrationshintergrund. Da ist es nicht so einfach, das Werk von Böll zu vermitteln.

Franzobel, Schriftsteller

Die Welt ist ungerecht. Deutschland ist nicht Fußballweltmeister, in der Literatur trifft die Aufmerksamkeit immer die Falschen, und niemand isst mehr Toast Hawaii. Als vor etwas mehr als einem Jahr das Kölner Stadtarchiv einstürzte und Teile des Böll-Nachlasses samt der Nobelpreisurkunde unter sich begrub, gab es abgesehen von den beruflich oder verwandtschaftlich bedingten Katastropheschreien nur wenig Entsetzen oder gar Trauer über den unersetzlichen Kulturverlust. Selten ist ein Schriftsteller dermaßen rasch aus dem öffentlichen Bewusstsein gerutscht wie Heinrich Böll. Dabei galt der alte Mann mit Baskenmütze, Dackelblick und Clownsgesicht noch vor zweieinhalb Jahrzehnten als der deutsche Nachkriegsschriftsteller überhaupt. Sein Wort hatte politisches Gewicht, und seine Bücher verkauften sich millionenfach. Und heute? Liest noch jemand Böll?

Vielleicht, weil Böll (soweit ich mich erinnern kann) weder witzig ist, Weltbild erschütternd, philosophisch, noch ein Sprachkünstler, weder poetisch, spannend, noch stilistisch sonderlich brillant. Die über allem liegende Folie des moralischen Bedeutens sticht einem schon beim bloßen daran Denken den erhobenen Zeigefinger ins Auge. Böll ist wie Toast Hawaii: Pressschinken, Schmelzkäse, Toastbrot; ein wenig raffiniertes, aber ehrliches Gericht, das der landläufig rechtschaffenen Bravheit mit der Dosenananasscheibe einen Hauch von 70er-Jahre-Weltläufigkeit aufs Haupt legt, sättigt, aber keineswegs entzückt.

Man möge Böll ruhig wiederentdecken, ich finde aber, der hat zu Lebzeiten Aufmerksamkeit genug gehabt, jetzt wären einmal andere dran.

Elke Heidenreich, Autorin

In Köln kann man Böll gar nicht vergessen. Hier residiert sein Verlag, hier heißt ein Platz nach ihm. Er, der über idiotische Bebauung in Köln immer gewettert hat, hätte daran seine grimmige Freude.

Ich erinnere ehrlich gesagt weniger den Schriftsteller Böll, den ich sehr jung, vielleicht zu jung las und dann später kaum je wieder, als den politisch engagierten Mann, der in Mutlangen und Bonn demonstriert hat, immer die Zigarette im Mund, der gegen die Berichterstattung der Springerpresse über die RAF in den Siebzigern antrat, als er gerade den Nobelpreis bekommen und kein Aufhebens davon gemacht hat. Aber wenn ich wissen will, wie Krieg, Bombennächte, Atemlosigkeit, Angst, der Mensch als Bestie wirklich waren - dann lese ich ehrlich gesagt lieber die Romane von Dieter Forte. Für mich ist Forte Deutschlands wichtigster Nachkriegsautor, dann Koeppen, dann Böll. Dann lange nichts.

Hans-Peter Seger, Direktor der Heinrich-Böll-Gesamtschule, Dortmund

Auch wir tragen unseren Namen seit 25 Jahren - als Böll starb, haben wir uns kurzfristig entschieden, uns umzubenennen. Denn Böll steht nicht nur für eine großartige Literatur, er steht auch für einen Bildungsauftrag. Er steht für Toleranz und für die Auflehnung gegen Obrigkeiten. Und das versuchen wir unseren Schülern so gut wie möglich zu vermitteln. Auch wenn der Schriftsteller Böll für unsere Schüler nicht mehr so besetzt ist wie vielleicht noch für ihre Eltern. Gelesen werden von ihm schwerpunktmäßig gut ausgewählte Kurzgeschichten.

Bernd Herchenröther, Schulleiter der integrierten Gesamtschule Heinrich Böll in Bruchköbel

Am Eingang unserer Schule findet sich ein großes in Stein gehauenes Konterfei von Heinrich Böll. Also sind unsere Schüler schon beim Betreten der Schule mit ihm konfrontiert und entwickeln schnell ein Interesse an dem Namensgeber ihrer Schule. Entsprechend steht Böll für uns ganz selbstverständlich noch immer im Curriculum. Ab dem 7. Schuljahr werden Kurzgeschichten von ihm gelesen, in der Oberstufe dann "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" und "Die Ansichten eines Clowns". Trotz Zentralabitur.

Peter Henisch, Schriftsteller

Was mir zuallererst einfällt, ist sein Engagement. Die Haltung eines Schriftstellers, der sich für etwas verantwortlich fühlt. Etwas, das seither bedenklich aus der Mode gekommen ist. Das Verantwortungsgefühl des Schriftstellers als Citoyen.

Hermann-Josef Geuenich, Direktor Heinrich-Böll-Gesamtschule Düren

Heinrich Böll spielt bei uns noch eine Rolle, aber wir sind natürlich gefärbt. Eben weil wir seinen Namen tragen. Entsprechend werden in der Sekundarstufe II noch Kurzgeschichten von Böll behandelt. Die großen Prosawerke allerdings kaum noch.

Josef Winkler, Schriftsteller

Ich war 17 Jahre alt, da habe ich auf dem elterlichen Bauernhof die Verfilmung von "Nicht nur zur Weihnachtszeit" gesehen, die Geschichte von der verwirrten alten Frau, die das ganze Jahr über Weihnachten feiern möchte, und von den vom Christbaum ununterbrochen "Frieden! Frieden" herunterflüsternden Engeln. Das hat mich sehr begeistert, zumal ich den Film über einen kleinen Fernseher gesehen habe, den ich mir selber gekauft habe. Gerade erst zu den vergangenen Weihnachten habe ich "Nicht nur zur Weihnachtszeit" von Böll wieder gekauft und verschenkt, ein Buch, das ich in meinem Leben wohl zehnmal erworben habe. In meiner Klagenfurter Rede zur Literatur beim Ingeborg-Bachmann-Preis 2009, in der auch von korrupten Politikern die Rede ist, habe ich einen Satz von Heinrich Böll zitiert, den er bereits 1972 geschrieben hat: "Es gibt nicht nur eine Gewalt auf der Straße, Gewalt in Bomben, Pistolen, Knüppeln und Steinen, es gibt auch Gewalt und Gewalten, die auf der Bank liegen und an der Börse hoch gehandelt werden."

Markus Schäfer, Böll-Archiv

Ich bin beruflich viel an deutschen Schulen unterwegs, um Vorträge über das Leben und das Werk Bölls zu halten. Vor mir sitzen dann Schüler der gymnasialen Oberstufe, die erst nach dem Mauerfall geboren wurden. Man muss es so sagen: Für sie ist der Schriftsteller ein historischer Autor. Das Interesse für Böll hängt auch mit medialen Wellenbewegungen zusammen. Als die Verfilmung des "Baader-Meinhof-Komplex" wieder ein Thema war, wurde auch Böll wieder interessanter. Das Werk von ihm, welches wirklich konstant von Interesse ist, ist die "Katharina Blum". Das merkt man in Gesprächen immer wieder.