Dokumentation

Die Tierwelt Afrikas – Leute wie ich und Gnu

Die Naturdokumentation "Serengeti" macht aus der Wanderung riesiger Herden eine Nummernrevue des Überlebenskampfs.

Wer noch nicht dort war, kennt die Serengeti, jene Savanne vom Norden Tansanias bis zum Süden Kenias, vor allem durch Bernhard Grzimek und seinen Sohn Michael.

Ihr Film „Serengeti darf nicht sterben“ von 1959 gewann 1960 den Oscar für den besten Dokumentarfilm, kam also ziemlich genau zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Epochenjahr 1968 heraus. Und damit zu einer Zeit, als das Vorkommen röhrenden Rotwilds über deutschen Sofas wieder – und noch – ungefährdet war.

Der Affront der Grzimeks

Entsprechend erinnert der Film, etwa bei den Jagden auf Wilderer vom Flugzeug aus, formal zwar noch an die „Wochenschau“-Ästhetik, markiert inhaltlich aber bereits den Beginn des heutigen Umweltdenkens und eines neuen Friedensbewusstseins: Bernhard Grzimek erlaubte sich darin die damals schlimme Provokation, Kulturgüter wie die Akropolis seien ebenso schützenswert wie die Naturschätze Afrikas.

Und er empfahl, Menschen sollten sich wie Löwen benehmen, denn diese töteten ihre Artgenossen nicht. Für die Filmbewertungsstelle (FBW) waren diese Gleichsetzungen ein Affront und sofort zu tilgen. Grzimek setzte sich durch. Und „Serengeti darf nicht sterben“ wurde wahr. Vorerst.

Das muss man sich vielleicht vor Augen führen, wenn nun erneut ein Dokumentarfilm in die Kinos kommt, der nur noch „Serengeti“ heißt und also die Welt offenbar erst einmal nicht verbessern will. Auch die Anlässe der jeweiligen Dreharbeiten sind denkbar unterschiedlich: Die Grzimeks reisten im Auftrag der tansanischen Nationalparkverwaltung, denn man wollte von der Luft aus die genauen Wanderrouten der Gnu- und Zebraherden erforschen, um die Grenzen eines Schutzgebietes festlegen und die einheimischen Massai zwangsumsiedeln zu können.

Radkes bloß schöne Bilder

Vom bis heute zwiespältigen Einfluss des Menschen, vom verzwickten Abwägen zwischen Bevölkerungs- und Artenschutz, von ganz aktuellen Problemen wie einer geplanten Fernstraße im Osten Afrikas: davon will der Regisseur und einstige ZDF-Redakteur Reinhard Radke, der außerdem Verhaltensbiologe und Ökologe ist, in seinem Film nichts wissen.

Stattdessen setzt er auf einen zeitlos schönen Bilderteppich, der rattenscharfe Jagdszenen in Zeitlupe und purzelnde Gnus am Abgrund abwechselt, und untermalt das Ganze mit Ethnomusik, so wie es vermeintlich familiengerechte Naturdokumentationen (ja, vom Löwensex werden nur die romantischen Oberkörper gezeigt) immer häufiger fabrizieren.

Ausschließlich „gelten hier die uralten Gesetze der Natur“, raunt Sprecher Hardy Krüger jr., bevor zwei Geparden eine Gazelle erlegen. Vorhang also auf für die sozialdarwinistisch verflachte Nummernrevue, die im Minutentakt Höhepunkte aneinanderreiht.

Das Ableben der Gnus

Kaum haben die Gnus „todesmutig“ den Fluss Mara überquert und nun, wie es heißt, für mehrere Wochen ihre Ruhe, ist nach ein paar Sekunden schon wieder die Drastik der erneuten Überquerung im Bild.

Und ein paar Gnus müssen halt immer dran glauben. Man stumpft bei dem panischen Gedränge der Tiere irgendwann ab und erinnert sich achselzuckend an die Duisburger Love-Parade-Katastrophe mit ihren zerdrückten Leibern und den mitleidlosen Kommentaren.

„Schon nach wenigen Minuten ziehen die Massen weiter, als wäre nichts passiert“, sagt Hardy Krüger, der sich schnell und gleichmütig durch den sprunghaften Text laviert.

Der Fokus liegt auf der Herde

Noch in der Besetzung des Sprechers bestätigt sich das impressionistische Gewölk dieses ganzen Films: Hardy Krüger jr. kennt die Gegend von klein auf, denn 1968 kaufte sein Vater, der Schauspieler Hardy Krüger, in Tansania jene Farm, auf der Howard Hawks’ Safari-Film „Hatari!“ (1962) gedreht wurde. Vater und Sohn und Abenteuer halt.

„Serengeti“ gesteht sich den eigenen Ästhetizismus aber nicht einmal ein. Als müsste auf Krampf doch noch Engagement gemimt werden, garniert sich der Film schließlich mit einem nur kitschig konventionellen Schluss-Appell: Wie und warum „von uns allen“ das „Schicksal dieses einzigartigen Naturschauspiels“ abhängt, erfahren wir vorher ja gar nicht.

Statt aufzuklären, bleibt man lieber im Diffusen, das so geschmackvoll ungefährlich ist wie der Rothirsch über dem Sofa und letztlich gleichgültig macht. Und wenn „Serengeti“ gerade darin seiner Zeit voraus wäre? Fällt doch auf, dass der Fokus sich ganz auf die Herde, den „Schwarm“ verschiebt.