Kino

US-Filmemacher erliegen dem Sog der Gewalt

Spätestens seit Abu Ghraib sind im amerikanischen Film Dämme gegen die Grausamkeit gebrochen. Es wird gefoltert und gequält, Blut fließt. Die Bilder sind überall, in Nachrichten und Kinos. Ein Entrinnen gibt es nicht. Im Gegenteil: Realität und Spielfilm geben sich gegenseitig Nahrung.

Imitiert die Kunst, das Kino, nun die Wirklichkeit, wenn es uns mit Bildern von Folter und Tod, von zerstörten Körpern und wild sprudelnden Blutfontänen konfrontiert? Oder ist es eher umgekehrt, imitieren jugendliche Amokläufer und folternde US-Soldaten mit ihren Taten nur filmische Vorbilder, deren endlose Abfolge sie zuvor für das Leiden realer Menschen unempfindlich gemacht hat?

Mit den "Saw"- und "Hostel"-Filmen auf der einen Seite und den Fotos und Videos aus Abu Ghraib auf der anderen scheint es immer schwerer, Antworten zu finden. Eins steht allerdings fest: Zurzeit kann man diesen Bildern kaum entrinnen. Sie sind allgegenwärtig, im Netz wie auf der Leinwand, in den Nachrichten wie in den Fiktionen. Es ist, als sei ein Damm gebrochen.

Geheime Gewalt plötzlich im Blickpunkt

Dabei - und das ist die bitterste Erkenntnis, mit der Errol Morris einen in "Standard Operating Procedure", einer Dokumentation über den Skandal, seit Donnerstag im Kino konfrontiert - liegt der Sündenfall zumindest für das Militär weniger in den Demütigungen und Folterungen, die auf der Tagesordnung standen, sondern vielmehr darin, dass die Soldaten ihr Treiben mit Kameras festgehalten haben. Folter und Mord sind längst alltäglich, das weiß auch jeder, wichtig ist nur, dass die Diskretion gewahrt wird. Diese stillschweigende Übereinkunft haben Lynndie England und Co. gebrochen.

Diese Photos von arrangierten Menschenpyramiden, von sexueller Demütigung und angedrohtem Tod werfen ein neues Licht auf die Ikonografie des Horror- und Thriller-Kinos. Und die Reaktionen auf sie prägen seither zumindest unbewusst die Entscheidungen eines jeden Filmemachers.

Einige beziehen sich allerdings auch ganz direkt darauf. Brian De Palmas wütender Irakkriegsfilm "Redacted" ist vor allem ein Aufschrei gegen die Verharmlosungen und die Lügen der Medien. George A. Romero klagt in den Schlusseinstellungen von "Diary of the Dead" voller Ekel und Wut genau die sadistische Mentalität an, die auch das Wachpersonal von Abu Ghraib zur Schau gestellt hat.

Folter-Kino mit historischem Hintergrund

Andere Filmemacher nähern sich dem realen Horror über genretypische oder historische Seitenwege. So ist es mit Sicherheit kein Zufall, dass letztes Jahr in den Vereinigten Staaten mit Tommy O'Havers "An American Crime" und Gregory Wilsons Verfilmung von Jack Ketchums Roman "Evil" gleich zwei Produktionen Premiere hatten, die einen besonders grausigen Kriminalfall aus den Sechzigerjahren aufgreifen.

Am 26. Oktober 1965 fand die Polizei von Indianapolis nach einem anonymen Anruf im Haus von Gertrude Baniszewski die Leiche der 16-jährigen Sylvia Marie Likens. Sylvias Eltern, Schausteller, die von einem Rummelplatz zum nächsten zogen, hatten das Mädchen und ihre jüngere Schwester Jenny der sechsfachen Mutter zur Pflege überlassen. In den letzten Wochen ihres kurzen Lebens war Sylvia eine Gefangene im Keller des Hauses und wurde dort von Gertrude, ihren Kindern und Jugendlichen aus der Nachbarschaft systematisch gefoltert.


O'Havers und Wilsons Annäherungen an Sylvias Passionsgeschichte treffen sich zwar in vielen Punkten, könnten aber kaum verschiedener sein. Beide spiegeln sie auf ihre eigene Art die Diskussionen um das gegenwärtige Folterporno-Kino wider. Im Zentrum von "Jack Ketchum's Evil" steht der zwölfjährige David, der hautnah miterlebt, wie im Haus seiner Nachbarin die 16-jährige Megan zu Tode gequält wird. Noch Jahrzehnte später quälen ihn die Erinnerungen und das Wissen darum, dass er damals nichts getan hat, um das Mädchen zu retten.

Monströse Taten und keine Monster

Es ist dieses alles andere überlagernde Gefühl von Schuld, das Wilsons Trip ins Herz der amerikanischen Finsternis von Filmen wie "Saw" oder "Hostel" unterscheidet. Er erliegt zwar in den Folterszenen inszenatorisch auch dem Sog enthemmter Gewaltfantasien, die ihm Schritt für Schritt ins Selbstzweckhafte entgleiten. Aber man vergisst trotz allem nie, welchen Preis dies transgressive Vergnügen fordert.

"An American Crime" - schon dieser Titel verweist mit seinen Anklängen an Theodore Dreisers klassischen Roman "An American Tragedy" auf die weitreichende Dimension von Tommy O'Havers True-Crime-Meisterstück. Sowohl die Ereignisse in Indianapolis 1965 wie auch die Auswüchse des "war on terror", zu denen er unterschwellig einen Bogen schlägt, sind zugleich Verbrechen und Tragödie. Und das heißt eben auch, dass es einen klaren Zusammenhang zwischen dem Verhalten einzelner Menschen und grundsätzlichen gesellschaftlichen Konstellationen gibt.

Die Taten der von Catherine Keener gespielten Gertrude Baniszewski sind zweifellos monströs, aber sie selbst ist mit Sicherheit kein Monster. In den fast schon rituellen Demütigungsszenarien und Gewaltexzessen, die sie und ihre jugendlichen Komplizen in ihrem Keller zelebrieren, offenbaren sich die gleichen verdrängten psychosexuellen Obsessionen und sadistischen Allmachtsfantasien, die auch die individuellen Gräueltaten des Vietnam- und nun des Irakkrieges gespeist haben.

Anblick von Gewalt kann ihr den Reiz nehmen

Bei O'Haver haben die Stationen von Sylvias Martyrium nichts Faszinierendes. Sie mit anzusehen, ist eine Qual, ein Albtraum, aus dem es kein Entrinnen gibt. Aber letztlich haben das Entsetzen und die Trauer, die seine Bilder so eindrücklich vermitteln, etwas Kathartisches.

"An American Crime" erschien gerade als Kauf-DVD bei Capelight, "Jack Ketchum's Evil" wurde von Galileo Medien veröffentlicht. "Redacted" ist in Amerika bei Magnolia erschienen. "Diary of the Dead" wird am 30. Juni in England von Optimum Home Entertainment veröffentlicht.