Reiseführer

Drehort Berlin - von Goebbels bis Wilder

Die Hauptstadt fasziniert seit jeher die Filmemacher. Die Nazis drehten in ihr Propaganda-Streifen, Billy Wilder seinen Film "Eins, zwei, drei" und Tom Tykwer schickte Lola durch die Stadt. Nun erscheinen gleich drei "Reiseführer" mit einer Übersicht über die Drehorte.

In Billy Wilders archetypischem Berlin-Film „Eins, zwei, drei“ prallt das Auto der russischen Handelsdelegation gegen das Brandenburger Tor. Das Tor allerdings befand sich auf dem Gelände der Bavaria in München-Geiselgasteig. Michael York, der Liebhaber von Liza Minnelli in „Cabaret“, kommt am Anhalter Bahnhof des Berlins der Zwanzigerjahre an. Als Double für das Gebäude sprang der Alte Bahnhof in Lübeck ein. Der Agentenaustausch auf der Glienicker Brücke im „Spion, der aus der Kälte kam“ – die Brücke stand im irischen Dublin.

Wir sind es vom Kino gewohnt, dass es sich seine Wirklichkeit zusammensetzt, ein Stück Studio, ein Fetzen Originalschauplatz, eine Prise Trick. Berlin jedoch war 45 lange Nachkriegsjahre ein Sonderfall. Entweder störte die Weltgeschichte (Wilder wurde vom Mauerbau unterbrochen), oder der Schauplatz war von Bomben ausradiert (Anhalter), oder die Autoritäten dachten gar nicht daran, kalten Kriegern der anderen Seite eine Drehgenehmigung zu erteilen (Glienicker). Das Puzzle Berlin, es wollte einfach nicht aufgehen. Ein Berlin-West, ein Berlin-Ost, das vom ollen Willem, das der dollen Zwanziger und der Hort des Bösen: zu viele Berlin-Bilder, und selbst der Hauptbilderproduzent, das Kino, vermochte sie nicht zusammenzufügen.

Berliner "Touristenroute" der Filmgeschichte

Heute können wir wenigstens den Versuch wagen. Drei verschiedene Berlin-Filmführer binnen weniger Wochen liefern das Handwerkszeug. Und führen das Enorme der Aufgabe vor Augen: In dieser Stadt begleitet uns nicht nur Geschichte auf Schritt und Tritt, sondern auch Filmgeschichte. Fahren wir zur Probe eine beliebte Touristenroute ab, beginnend im Westen, wo die Stadtautobahn auf den Rathenau-Platz und dann in den Kurfürstendamm mündet.

Nur ein paar Hundert Meter den Damm entlang wohnte in den Zwanzigern der unsterbliche Filmbösewicht Conrad Veidt, in zwei Straßen nahebei (Mommsen/Pariser) entstand Jodie Fosters „Flightplan“, und an der Ecke Uhlandstraße lungerten Horst Buchholz und seine „Halbstarken“. Am Bahnhof Zoo trieben sich die Drogenkinder herum, der Zoopalast daneben war lange das Herz der Berlinale, und gegenüber der Gedächtniskirche steht das Werbeschild mit Harald Juhnke, das Daniel Brühl in „Good Bye, Lenin!“ bestaunt.

Einen Steinwurf entfernt befand sich das Romanische Café, wo nicht nur Tucholsky und Brecht ihren Kaffee schlürften, sondern tagtäglich auch Möchtegern-Stars sehnsüchtig darauf warteten, von Filmagenten entdeckt zu werden. Dann die Kurfürstenstraße lang, vorbei am alten Standesamt, wo nun die Produktionsfirma X-Filme („Lola“, „Lenin“) residiert, hoch zum Schöneberger Ufer Nr. 61 (wo nach dem Krieg Hans Albers wohnte) und über den Landwehrkanal zum Potsdamer Platz, wo 1931 „Emil und die Detektive“ entstand und 1987 „Der Himmel über Berlin“ und seit der Jahrhundertwende die Berlinale beheimatet ist.

Von der Wilhelmstraße zur Schänhauser Allee

Über die Wilhelmstraße, aus deren Propagandaministerium Goebbels die Filmindustrie dirigierte, pirschen wir uns auf den Boulevard Unter den Linden, wo Oskar Messter 1896 in der Nr. 21 den ersten Filmvorführraum Deutschlands einrichtete. Wir passieren den Bebelplatz, über den „Lola“ sprintete, und den Dom, vor dem Helge Schneiders Adolf für „Mein Führer“ zur Konsternation von zufälligen Touristen aus dem Mercedes-Cabrio stieg, und nähern uns dem Alexanderplatz. Dort entstand übrigens keine der beiden Verfilmungen des Döblin-Romans: die von 1930 nicht, weil der junge Tonfilm den Verkehrslärm nicht in den Griff bekam – und die von Fassbinder auch nicht, weil vom alten Alex nichts geblieben war. Stattdessen steht dort der Fernsehturm, der im „Zimmerspringbrunnen“ gesprengt wird und wo Pro7 übernächste Woche in „Das Inferno – Flammen über Berlin“ ein Feuer wüten lässt.

Über die Linienstraße („Das Leben der Anderen“), gelangen wir zur Schönhauser Allee, und dort steht nicht nur das alte Wohnhaus von Ernst Lubitsch (Nr. 183, mit frisch enthüllter Plakette), sondern der Endpunkt unseres Ausflugs führt uns auch an den Geburtsort des Kinos: Auf dem Dach der Nr. 146 filmte Max Skladanowsky 1894 seinen Bruder Emil – Deutschlands erste Filmaufnahme.

Drei unterschiedliche Konzepte

Was sich wie ein müheloses Queren des Kinowallfahrers von West nach Ost liest, erforderte in Wirklichkeit harte Vorbereitungsarbeit. Jedes der drei Bücher folgt einem völlig anderen Konzept, und man muss sich eine solche Route mühsam zusammenklauben. Regina Aggios „Filmstadt Berlin“ besteht weitgehend aus Kurzporträts Berlin verbundener Filmkünstler, dem 20 Seiten über Filme und Drehorte folgen; man kann jedoch weder nach Namen noch nach Orten noch nach Titeln in einem Index suchen. Unbezahlbar hingegen ein beiliegender Stadtplan, in dem sich Hunderte filmrelevanter Orte finden (falls man sich an deren unübersichtliche Nummerierung gewöhnt).

„Berlin. Reisen – ein Film“ von Michaela Schubert und Wolfgang Bernschein, die schon einen ähnlichen Filmstadtführer für Potsdam/Babelsberg herausgaben, ist das optisch attraktivste der drei Bücher. Es lockt erst mit unzähligen seltenen Fotos und bringt einen dann zur Verzweiflung, weil er seine Überfülle nicht zu ordnen weiß; das Buch wirkt wie ein riesiger, provisorisch geordneter Zettelkasten, dessen Infohäppchen hintereinander geklebt und schnell mit wackligen Gedankenbrücken verbunden wurden.

Das überzeugendste Konzept hat sich Markus Münch für seinen „Drehort Berlin“ ausgedacht, weil er sich auf 30 Berlin-Filme aus den vergangenen 75 Jahren beschränkt und dann – strikt nach Formel – von ihrer Entstehung erzählt, ihrem Inhalt und der Geschichte ihres Drehorts. Parallel macht sich seit neustem einmal im Monat eine Busrundfahrt zu berühmten Drehorten in der Hauptstadt auf den Weg (www.videobustour.de).

Wir haben nun also drei Berlin-Filmführer: einen nutzbaren, einen durchblätterbaren und einen lesbaren. Mein Führer, der wunderbare, definitive, steht freilich noch aus. Aber das Berlin-Bild befindet sich ja auch im Fluss, und unablässig fügen neue Filme, die entstehen – bis zu 30-mal pro Tag fällt an der Spree eine Klappe – weitere Facetten hinzu.

Die Reiseführer:

Regina Aggio: Filmstadt Berlin, Berlin. 223 S., 19,90 Euro. Erschienen bei Jena 1800.

Michaela Schubert, Wolfgang Bernschein: Berlin. Reisen – Ein Film, Potsdam. 318 S., 22,80 Euro. Erschienen bei Wolbern.

Markus Münch: Drehort Berlin, Berlin. 231 S., 19,90 Euro. Erschienen bei be.bra.